24 von 24 möglichen Punkten und ein Torverhältnis von 80 zu 1 – deutlicher hätte die Führung der FC Dornbirn 1913 Ladies in der der Vorarlbergliga nicht sein können, als der ÖFB am 15. April 2020 bekanntgab, die Amateurligen ohne Auf- und Absteiger abzubrechen. Ein Punkt fehlte den Dornbirnerinnen, um den Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse auch rechnerisch perfekt zu machen. Diesen einen Punkt einzuspielen, blieb ihnen aber aufgrund des Ausbruchs der Coronapandemie verwehrt. Und so fahren die Dornbirnerinnen diese Saison wieder nach Schlins und Nenzing – und nicht zum LUV Graz und nach Wien für Spiele gegen den First Vienna FC und den Wiener Sport-Club. Das Frauenteam des FC Dornbirn hat eine sehr kurze Geschichte, es wurde erst im Sommer 2018 gegründet, doch diese zwei Jahre hatten es in sich.
Verlorene Jahre
Der FC Dornbirn ist im Vorarlberger Rheintal beheimatet, eine zu einem dichten Siedlungsband zusammengewachsene Region im Dreiländereck. Wo eine Gemeinde endet und die nächste beginnt, ist oft nur an den Ortstafeln zu erkennen, die man passiert. Inmitten dieses Ballungsraums befindet sich jedoch eine unbebaute Fläche – das Ried, die grüne Lunge des Rheintals. Hier liegt die Rote Erde, die Trainingsanlage der Dornbirnerinnen. Genau genommen gehört der Sportplatz gar nicht mehr zu Dornbirn, sondern liegt in der Nachbargemeinde Hohenems – der Stadt mit dem einzigen Flugplatz des Bundeslands. Von der benachbarten Start- und Landebahn dröhnen die Motorengeräusche der Kleinflugzeuge zum Sportplatz hinüber, daran stören sich jedoch weder die am Halbfeld trainierenden Spielerinnen noch ihr Trainer. Im Gespräch mit dem ballesterer blickt Günther Kerber zurück – und nach vorne. „Unser mittelfristiges Ziel mit diesem jungen Team ist ganz klar der Aufstieg in die Bundesliga“, sagt er. Langfristig träumt er sogar von der Champions League. Der Großteil des Teams spielte bereits einige Jahre gemeinsam unter Kerber und seinem Co-Trainer Norbert Lammer im Vorarlberger Landesverbandsauswahlzentrum. Weil sich aber 2018 die Wege der Spielerinnen nach Erreichen der Altersgrenze von 15 Jahren getrennt hätten, entschied sich der FC Dornbirn, eine Frauenfußballsektion zu gründen, und nahm die Mädchen dort auf.
Damit es möglichst schnell nach oben gehen konnte, stellte der Klub damals den Antrag auf Zusammenlegung der beiden Vorarlberger Frauenligen. Er wurde abgelehnt, Dornbirn startete in der vierten Liga. „Natürlich ist das der normale Weg, den ein neuer Verein gehen muss, egal, wie hoch die Ambitionen sind“, sagt Kerber. In der untersten Spielklasse spielten die Dornbirnerinnen, ohne einen Punkt abzugeben und stiegen direkt auf – um dann die zuvor abgelehnte Zusammenlegung der Ligen mitzuerleben. „Im Grunde sind uns zwei Jahre genommen worden“, sagt der Trainer. „Das hat einen bitteren Beigeschmack.“
Zweistellige Siege
Dieser Beigeschmack dürfte dazu beigetragen haben, dass der Verein den heurigen Nichtaufstieg nicht hinnehmen wollte. Mit Rückendeckung des Vorarlberger Fußballverbands beantragte der FC Dornbirn im Juni beim ÖFB die Zulassung zur zweiten Liga. Die vom Dachverband befragten Vereine der ersten und zweiten Liga lehnten diesen Antrag jedoch mehrheitlich ab – gegen die Stimmen der Vorarlberger Klubs, Bundesligist FFC Vorderland und Zweitligist RW Rankweil. „Viele Vereine im Osten Österreichs haben kein allzu großes Interesse, zumindest einmal im Jahr im äußersten Westen zu spielen und damit hohe Reisekosten aufwenden zu müssen“, sagt Kerber. „Das ist nachvollziehbar.“ Sein Team würde die Reisen über 1.000 Kilometer hingegen gern auf sich nehmen, um am Ziel auf ebenbürtige Gegnerinnen zu treffen. Auch ein im August gestellter zweiter Antrag, der nach der Zulassung der Rapid-Amateure für die zweite Liga eingebracht wurde, blieb ohne Erfolg.
„Zuerst haben wir schon sehr mit der Motivation gekämpft. Denn die Aussicht, eine weitere Saison nicht gefordert zu werden, war nicht besonders prickelnd“, sagt Caroline Fritsch. Die 18-Jährige war mit 75 Treffern Torschützenkönigin der Saison 2018/19, im September 2019 spielte sie erstmals für das österreichische Nachwuchsnationalteam. Fritsch besucht wie einige ihrer Mitspielerinnen das Sportgymnasium in Dornbirn und steht heuer vor der Matura. Rückblickend kann sie dem Nichtaufstieg immerhin auch Positives abgewinnen. „Dieser Rückschlag hat uns als Team noch stärker zusammengeschweißt“, sagt sie. „Während der trainingsfreien Zeit sind wir regelmäßig über Videokonferenzen in Kontakt geblieben.“ Denn das Trainerteam ließ die Coronaunterbrechung nicht tatenlos verstreichen. Die Spielerinnen wurden täglich mit einer neuen Aufgabe versorgt, die sie zu bewältigen hatten. Dabei handelte es sich nicht nur um sportliche Herausforderungen, sondern neben Balltechnik und Tricks waren auch Rhetorik- und Kochkünste, Geschicklichkeit und Akrobatik gefragt.
Zum Start in die Saison gab es Mitte September gegen den FC Nenzing mit einem 28:0 den 16. zweistelligen Sieg der zweijährigen Klubgeschichte. Die Dornbirnerinnen suchen sich andere Herausforderungen. „Wir wollen uns auf die wichtigeren Spiele, wie zum Beispiel jene im Cup, konzentrieren“, sagt Fritsch. Dort sind sie nach dem Sieg im VFV-Cup 2019 auch heuer spielberechtigt, im Finale wurde die Reserve des FFC Vorderland vor 1.000 Zuschauern mit 12:0 vom Platz gefegt. Die erste Cup-Runde ist für Ende November angesetzt, die Gegnerinnen sind noch nicht ausgelost.
Scouten in den USA
Das durchwachsene Jahr 2020 hat jedoch auch andere positive Nachrichten für die Dornbirnerinnen gebracht, denn fast zeitgleich mit der Nachricht des ÖFB über den Nichtaufstieg kam die Zusage der Stadt zur Pacht des Sportplatzes Rote Erde. Damit sind die Zeiten vorbei, als das Team gemeinsam mit den anderen Mannschaften des Klubs auf der aus allen Nähten platzenden Sportanlage Birkenwiese – wo nach wie vor die Heimspiele stattfinden – trainieren musste. „Eine eigene Trainingsstätte zu haben, war schon lange ein Traum von mir. Das gibt uns neue Perspektiven“, sagt Kerber. „Wir haben Garderoben, Duschen und sogar eine Kantine.“ Für einen professionellen Trainingsbetrieb fehle nur noch eine ordentliche Beleuchtung, aber auch die habe die Stadt Dornbirn bereits zugesagt. Einziges Manko im Grünen: die fehlende Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. So kommt es nicht selten vor, dass die Trainer sich auch um die An- und Abreise zum Training kümmern, da die Spielerinnen verteilt über ganz Vorarlberg wohnen und viele noch keinen Führerschein besitzen. Der Großteil des Teams besucht noch die Schule, das Durchschnittsalter von 18 liegt bei Dornbirn um einige Jahre niedriger als das der Gegnerinnen in der Vorarlbergliga.
Auch in der Betreuung unterscheiden sich die Dornbirnerinnen: Das Trainerteam um Kerber und Lammer wird durch die Individualtrainer Pierce Lange und Torfrautrainer Lluis Baro ergänzt. Kerber ist seit mehr als 40 Jahren im Trainergeschäft, er war beim FC Dornbirn und beim SCR Altach als Cheftrainer, aber auch beim Vorarlberger Verband im Nachwuchsbereich tätig. Dort waren unter anderem Adi Hütter und Markus Weißenberger seine Schützlinge.
Das junge Team zieht Nutzen aus Kerbers in den vergangenen Jahrzehnten gesponnenem Netzwerk. So ergab sich beispielsweise durch einen seiner ehemaligen Spieler, der mittlerweile Scout in den USA ist, die Gelegenheit, Collegespielerinnen nach Vorarlberg zu lotsen: Aktuell schießt Catherine Nolan, die bereits auf vier Jahre Erfahrung im Collegefußball zurückblicken kann und mit ihren 22 Jahren zu den ältesten in der Mannschaft zählt, für den FC Dornbirn Tore. Die Stürmerin kam im März 2020 für die zweite Saisonhälfte, spielte aufgrund des Ausbruchs der Pandemie kein Bewerbsmatch und musste bald wieder in die USA reisen. Doch sie ist nach Dornbirn zurückgekehrt, fühlt sich hier wohl und spielt mit dem Gedanken, über die eigentliche Vertragsdauer von eineinhalb Jahren zu bleiben,
Lernen am Bodensee
Sechs Dornbirnerinnen stehen aktuell in den Kadern der U17- und U19-Nationalteams. Die Leistungsträgerinnen zu halten, ist für die mittel- bis langfristige Planung zentral – und in einem Bundesland ohne eigene Universität nicht ganz einfach. Um den Spielerinnen Perspektiven über den Platz hinaus zu bieten, informiert der Verein gemeinsam mit Universitäten und Fachhochschulen aus dem Bodenseeraum über Ausbildungsmöglichkeiten – auch in der Schweiz und Deutschland. Einen Abgang hat der Klub heuer jedoch verschmerzen müssen: Die letztjährige Kapitänin und U19-Teamspielerin Leonie Salzgeber fiel bei der U17-EM in Bulgarien im vergangenen Jahr einem Scout ins Auge. Sie wechselte im Sommer an die University of South Alabama in den USA.
In der Vorarlbergliga sind zu Redaktionsschluss vier Runden gespielt, und die FC Dornbirn 1913 Ladies führen die Tabelle mit der maximalen Punktezahl und einem Torverhältnis von 34:1 an. Sportlich ist der Aufstieg auch diese Saison nur eine Formsache. Und am grünen Tisch sind die Voraussetzungen immerhin etwas günstiger: Im Falle eines erneuten Abbruchs müssten die Dornbirnerinnen dieses Mal nur bis zur Saisonhälfte durchhalten, dann wären sie nach einem ÖFB-Beschluss aus dem Sommer aufstiegsberechtigt.