Rund 70.000 Menschen protestierten Ende Oktober in Wroclaw gegen die Verschärfung des polnischen Abtreibungsgesetzes. Vermummte Männer attackierten demonstrierende Frauen, schubsten sie und schlugen auf sie ein. Auf Videos ist zu sehen, dass die Angreifer Erkennungszeichen des lokalen Fußballvereins Slask trugen, vermutlich stammen sie aus dem Ultrasumfeld. Der Verein teilte danach mit, die Personen hätten mit ihrem Verhalten alle Werte, für die man stehe, missbraucht. Auch die organisierten Slask-Anhänger distanzierten sich umgehend: „Wir sind keine Frauenboxer.“ Fußballfans sind in den wachsenden Konflikt zwischen polnischen Frauen und der PiS-Regierung geraten.
Bürgerinnen im Krieg
„Wir werden uns bemühen, dass Fälle von schwierigen Schwangerschaften, in denen die Kinder zum Tod verurteilt oder stark deformiert sind, mit einer Geburt enden. Dann können sie getauft und beerdigt werden“, hatte Jaroslaw Kaczynski, Chef der rechten Regierungspartei PiS, 2016 in einem Interview gesagt. Vier Jahre später setzte das unter Einfluss der PiS stehende Verfassungsgericht seine Worte um: Es erklärte eine Passage des ohnehin sehr restriktiven Abtreibungsgesetzes von 1993, ein bisher unangetasteter Kompromiss zwischen Staat und katholischer Kirche, für verfassungswidrig. Schwangerschaftsabbrüche bei schweren Fehlbildungen verstoßen demnach gegen das Recht auf Leben. Sie sollen künftig nur bei Gefahr für die Schwangere, nach Vergewaltigung und Inzest erlaubt sein. Die Entscheidung sorgte für Zündstoff. Der frühere Ministerpräsident Donald Tusk sprach vom Zynismus eines Pseudogerichts in Zeiten einer grassierenden Pandemie. Junge Frauen gingen landesweit, in Groß- und Kleinstädten spontan auf die Straße – und ließen in ihrem Protest bis heute nicht nach. „Das ist Krieg“, „Frauenhölle“ und „PISS OFF“ steht auf ihren Transparenten. Viele von ihnen sehen
die katholische Kirche als treibende Kraft hinter der Entscheidung des Gerichts und wehren sich gegen den Eingriff zölibatär lebender Männer in ihre Leben. Demonstrantinnen legten als Zeichen des Widerstands Grablichter vor Kirchen nieder, teilweise kam es zu Vandalismus und Störungen von Messen. Vor den Gebetshäusern formierten sich Polizeikordone.
Kaczynski brandmarkte die Attacken gegen die Kirche als Angriff auf das Land. Er rief in einer Ansprache zur Verteidigung des kulturellen Erbes auf: „Das ist eine Attacke, die Polen zerstören soll. Sie soll Kräften zum Triumph verhelfen, die die Geschichte der polnischen Nation beenden wollen.“ Nur durch die Verteidigung des Patriotismus und seiner Symbole könne Polen diesen Krieg gewinnen, führte er fort. Die Rede, mit der der stellvertretende Ministerpräsident kaum verhohlen zur Gewalt gegen die Demonstrationen aufrief, hatte einen bestimmten Adressaten: Ultras.
Der Feind meines Feindes
Denn die organisierten Fußballfans gelten in Polen als mindestens konservativ und teilweise weit außen rechtsstehend. „Der gemeinsame Feind von Ultras sind Linke“, sagte der Soziologe Radoslaw Kossakowski in einem Interview mit der Gazeta Wyborcza. Einen solchen hatten sie lange im Liberalen Tusk, der die Fans mit Repressalien wie personalisierten Tickets gegen sich aufbrachte. Seit ihrem Wahlsieg 2015 buhlt die PiS immer wieder um organisierte Fans. Die aktuellen Avancen stoßen jedoch auf ein zwiespältiges Echo. In Gliwice applaudierten Anhänger des Erstligisten Piast einem Pro-Choice-Protestzug. „Ja zur Wahl, Nein zur Antifa und der Regierung“, war ihre Botschaft an den Marsch. In Katowice wollten die Fans sich nicht an der Seite der Polizei vor die Kathedrale stellen, in Lodz postierten sich dafür verfeindete Fangruppen gemeinsam vor Kirchen. Die Botschaft der LKS-Anhänger war eindeutig – in zwei Richtungen: „Frauen sollen selbst über ihre Körper entscheiden. Hirnlose hört auf, Kirchen zu beschmieren.“
Fast im ganzen Land folgten Ultras dem Aufruf, Kirchen zu schützen, ließen sich aber von der PiS nicht vollständig vereinnahmen. Auf Bannern solidarisierten sie sich mit protestierenden Frauen und kritisierten das Gericht und die Regierung. Soziologe Przemyslaw Nosal von der Universität in Poznan erklärt die vermeintlich feministische Seite der ambivalenten Haltung: „Die Frage des Schwangerschaftsabbruchs ist nichts Abstraktes, sondern eine Angelegenheit, die auch jeden männlichen Fan unmittelbar betreffen kann.“
Einige Ultragruppen erklärten in Stellungnahmen, sie würden Randalierer aus den Reihen der Antifa ausfindig machen wollen. Laut Angaben von Lech-Poznan-Ultras sollen sich bis zu 400 Anhänger während einer Kundgebung auf die Suche nach Linken gemacht haben. „Für die gespaltene Nation wird euch die Hölle verschlingen“, richteten sie gleichzeitig der Regierung aus – eine Anspielung auf den Protestslogan der „Frauenhölle“. Die Organisatorinnen der Märsche in Poznan distanzierten sich von dieser Unterstützung und erklärten, sie wollten nicht mit Faschisten in Verbindung gebracht werden.
„Viele von uns Fans haben an den Demonstrationen teilgenommen und die polnischen Frauen unterstützt“, schreiben die Lech-Ultras in einer Erklärung. „Wir werden aber nie unser Einverständnis für das Zerstören unseres kulturellen Erbes und Denkmäler oder das Stören von religiösen Zeremonien geben. Wir wollen auch keine Täter schützen, gleichgültig ob sie Soutanen tragen oder nicht, sondern nur Opfer.“
Kampf um Grundrechte
Die schriftliche Veröffentlichung des Gerichtsurteils – ohne die es nicht in Kraft tritt – ist bislang ausgeblieben. Staatspräsident Andrzej Duda hat einen Kompromiss vorgeschlagen: Sollte durch pränatale Untersuchungen eine hohe Wahrscheinlichkeit auf eine Totgeburt oder Defekte, die nach der Geburt zum Tode führen, festgestellt werden, sollen Abbrüche vorgenommen werden dürfen.
Doch die Demonstrationen halten landesweit an, ein schnelles Abebben ist nicht in Sicht. Am 28. November, dem Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts 1918, machten Frauen ihren Unmut kund: „Wir kämpfen wieder mit einem System, das uns Grundrechte aberkennt.“
Sollte das Verfassungsgericht sein Urteil publizieren, ist es vorerst zementiert. Um die Bestimmung zu kippen, bräuchte es dann eine Verfassungsänderung. Eine weitere Möglichkeit wäre eine neue Regierung. Sie könnte die Urteile des Gerichts nicht anerkennen und die Richter austauschen. So wie die Nationalkonservativen nach ihrem Wahlsieg 2015.