Auswärtsspiele beim Royal Antwerp FC waren lange gefürchtet. Das lag nicht nur an den sportlichen Qualitäten des vierfachen Meisters, sondern auch am Bosuilstadion: der Hölle von Deurne Noord. Das 1923 eröffnete Bauwerk in der Antwerpener Vorstadt war nicht nur das lauteste, sondern nach den Erweiterungen 1936 und 1956 auch zeitweilig das größte Stadion Belgiens. In seiner Glanzzeit bot es 60.000 Zuschauern Platz, den größten Ansturm erlebte es bei den Nachbarschaftsduellen der Nationalmannschaft mit den Niederlanden und bei der Europameisterschaft 1972. Aber auch der Royal Antwerp FC konnte die Massen anlocken, in der Liga wie im Europacup. Zum Epizentrum des Supports entwickelte sich über die Jahre die Gegengerade Tribune 2. Mit ihren weißen Holzbänken, dem zentralen Eingangstunnel, dem Labyrinth von Galerien und Treppen im Inneren und dem nach Sturmschäden mehrfach geflickten Wellblechdach bildete sie das architektonische Herzstück des Stadions.
Fall und Verfall
Seine letzte große Phase erlebte der Royal Antwerp FC Anfang der 1990er Jahre. Er holte 1992 den Cup und zog im Jahr darauf ins Europacupfinale ein, in dem er Parma 1:3 unterlag. Der Fußball erlebte damals einen tiefgreifenden Wandel: Das Fernsehen versprach neue Zuschauer und höhere Einnahmen, der Spielermarkt wurde liberalisiert, Erfolg schien auch in Antwerpen vorprogrammiert. Der nächste große Schritt sollte der Umbau des vereinseigenen Stadions sein. Er erwies sich als Beginn des Verfalls.
1991 wurde die Südkurve abgerissen und durch eine verglaste VIP-Tribüne ersetzt, die den Spitznamen „Viskom“, das Aquarium, bekommen sollte. 1995 wurden die eckigen Torstangen aus Holz, die letzten ihrer Art im Profifußball, von runden Aluminiumstangen abgelöst. 1998 wurde die Nordkurve abgerissen, die neue Tribüne allerdings erst drei Jahre später fertiggestellt. Zu den Launen der Klubführung kamen die des Wetters dazu: 2000 fiel einer der vier Flutlichtmasten einem Orkan zum Opfer. Saniert wurde er nie, stattdessen blieb der viel kleinere Behelfsmast einfach stehen. Erhalten blieben zunächst nur die Haupttribüne, die sich durch das Giebeldach und die Fassade im Stil des britischen Stadionarchitekten Archibald Leitch auszeichnete, und die etwa doppelt so große Tribune 2. Auch wenn das Stadion an Charme eingebüßt hatte, waren die beiden Tribünen immer noch Anziehungspunkte für Stadionromantiker. Viele Groundhopper besuchten das Bosuil.
Gleichzeitig kursierten immer wieder neue Pläne: Einmal war ein kompletter Neubau mit Schiebedach nach dem Vorbild der Arena in Amsterdam im Gespräch, dann wieder Vorschläge für die Sanierung einzelner Tribünen oder die Idee eines gemeinsamen Stadions mit dem Stadtrivalen Beerschot nahe der Autobahn. Letzteres scheiterte am Widerstand aus den Fanszenen, aber auch alle anderen Ideen wurden verworfen. Das sicherte zwar den Fortbestand des alten Bosuil, gleichzeitig verfiel es zunehmend. Häufig wurden das Stadion oder einzelne Sektoren kurzfristig gesperrt – wegen Sturmschäden am Dach ebenso wie wegen nicht erfüllter Sicherheitsstandards bei Risikospielen. Gleichzeitig nahm der Druck der Verbände und der Stadt auf den Verein zu, endlich etwas zu unternehmen.
Während das Stadion sich selbst überlassen war, änderte sich auf den Tribünen einiges. Die Zuschauerzahlen sanken, nach den Abstiegen 1998 und 2004 rasselten sie in den Keller. Die häufigen Baustellen hatten auch auf den Standort der aktiven Fans Einfluss, immer wieder mussten sie umziehen. Die erlebnisorientierte Fraktion tat dies sogar freiwillig. Als der Gästesektor abwechselnd in alle möglichen Ecken des Stadions verlegt wurde, verleitete sie ihre Affinität zur Kontaktaufnahme dazu, ebenfalls auf eine andere Tribüne zu wechseln. Der am britischen Support orientierte Stimmungskern kehrte schlussendlich auf die Tribune 2 zurück, wo er 2017 den Aufstieg in die erste Liga feiern konnte.
Kein Platz für Romantik
Mit dem Einstieg des Investors Ghelamco 2015 deutete sich an, dass es nun mit dem ältesten Klub Belgiens sportlich wieder bergauf gehen werde. Das Bauunternehmen hatte sich schon 2013 einen Namen im Fußball gemacht, als es in Gent den ersten Stadionneubau des Landes seit fast 30 Jahren umgesetzt hatte. Nun stand dem Bosuil wohl Ähnliches bevor, die letzten alten Tribünen waren zum Verschwinden verurteilt. Obwohl die Haupttribüne zwischen 2013 und 2015 relativ originalgetreu saniert worden war, wurde sie 2017 abgerissen. Nach wenigen Monaten Bauzeit wurde sie durch einen Glas- und Stahlbau ersetzt, wie ihn viele Stadien heutzutage haben. Somit war die Tribune 2 der letzte Zeuge der großen Vergangenheit des einst so großen und gefürchteten Stadions. Aber zu diesem Zeitpunkt war auch dem letzten Fan klar geworden, dass es nicht mehr lang dauern würde, bis auch dieses Denkmal fällt. Der Charme einer Tribüne mit Holzbänken und Stahlträgern, die das Dach halten und die Sicht behindern, ist heute weder Verbänden und Behörden vermittelbar noch kommerziellen Erfordernissen dienlich.
Die Stadionkapazität liegt aktuell bei rund 15.000, seit der Saison 2019/20 ist die Tribune 2 allerdings aus Sicherheitsgründen gesperrt. Abreißen will sie der Verein erst, wenn anschließend der Neubau sofort starten kann. Ein Loch im Blickfeld der Fernsehkameras wie nach dem Abriss der Nordkurve soll vermieden werden. Geplant war das für das Frühjahr 2020, doch die Coronapandemie kam dazwischen. So konnte die aktive Fanszene im vergangenen Sommer immerhin mit einer Pyrotechnikshow Abschied von der langjährigen Heimat nehmen. Die Pandemie hätte wenig später sogar fast zu einer Wiedereröffnung der Tribune 2 geführt, um die erforderlichen Abstandsregeln einzuhalten. Dazu kam es durch den neuerlichen Totalausschluss des Publikums jedoch nicht.
Geht es nach den Wünschen des Vereins soll der Stimmungsblock in Zukunft auf die neue Hintertortribüne wandern, die derzeit anstelle der jüngst abgerissenen VIP-Tribüne entsteht. Die Fans wollen jedoch nach der Fertigstellung auf der Gegengerade bleiben. Die Tribune 2 werden sie dann nur noch im Herzen tragen, ein paar Erinnerungsstücke könnten ihnen aber bleiben. Die weißen Holzbänke sollen zerlegt und unter den Vereinsmitgliedern und Abonnenten verteilt werden.