Zwei in etwa gleich große Gruppen verabreden sich in der Pampa, legen Regeln fest und dreschen aufeinander ein. Die Gewinner können von ihrem Triumph berichten, die Verlierer haben sich zumindest gestellt und können auf eine Revanche hoffen. So in etwa stellt man sich als Laie Ackerkämpfe zwischen Hooligans vor. Doch hinter dem simplen Format steckt mehr, wie Robert Claus in „Ihr Kampf“ anschaulich zeigt. Er beschreibt eine Szene, die sich im Spannungsfeld zwischen der Legalisierung, Professionalisierung und Kommerzialisierung dieser Kämpfe bewegt.
Fußballhooligans spielen in dem Buch über Kampfsport zwar nur eine Nebenrolle, doch sie tauchen ebenso wie verschiedenste Geschäftsmodelle – von Drogenhandel über Securityfirmen bis hin zu Trainingsurlauben in Thailand – immer wieder auf. Claus und seine Mitautorinnen und -autoren zeichnen so ein vielschichtiges Bild des Kampfsportmilieus in Europa. Immer wieder gehen sie dabei auf gefährliche Verbindungen zur extremen Rechten ein. Das Buch besticht nicht nur durch die plastischen Beschreibungen, sondern auch durch den differenzierten Zugang. Es verdammt den Kampfsport nicht, sondern betont, dass es sich lohnt, darum zu kämpfen.
ballesterer: Wie anschlussfähig sind Fußballfans für den Kampfsport?
Robert Claus: Nicht nur Hooligans trainieren, die Entwicklung hat auch in Teilen der Ultraszene Einzug gehalten. Einige tragen ihre Rivalität ja auch gewalttätig aus, dafür trainieren die Gruppen dann. Da sind wir aber noch gar nicht beim Rechtsextremismus. Der Kampfsport boomt in diversen Jugendkulturen, in der Graffitiszene ist er ebenfalls sehr präsent.
Sie beschreiben die Bedeutung von rechtsradikalen Körpermodellen. Kommt der Bewegung der aktuelle Fitnessboom mit seinem neoliberalen Optimierungsbild entgegen?
Ja. Beides passt erstaunlich gut zusammen – das völkische Ideal eines trainierten politischen Soldaten und das neoliberale Ideal der Selbstoptimierung. Beide haben den Anspruch, Menschen zu disziplinieren, sich fit zu halten und auf die Ernährung zu achten. Neonazis versuchen, an Jugendkulturen und aktuelle Diskurse anzudocken. Wenn der neonazistische „Kampf der Nibelungen“ Pullover mit dem Slogan „Wille, Disziplin und Fleiß“ bedruckt, greift er Selbstoptimierungswerte des neoliberalen Fitnessmarkts auf. Allerdings werben viele Fitnessanbieter, im Gegensatz zu Nazis, auch mit schwarzen Models.
Sie schreiben von Versuchen, Hooligankämpfe zu legalisieren. Würde das nicht die Subkultur aushöhlen?
Im Selbstverständnis und seiner Inszenierung ist der Hooliganismus eine gewalttätige und maskuline Subkultur, die sich gerne mit dem Ruch des Verbotenen umgibt und nur in Abgrenzung zur Legalität funktioniert. Insofern kann es kaum einen legalen Hooliganismus geben. In der Realität ist das viel widersprüchlicher, wie man am sehr populären Modell „King of the Streets“ in Schweden gut sehen kann. Da werden Kämpfe in Garagen vor vermummtem Publikum inszeniert, man kann Tickets dafür kaufen und online darauf wetten. Es ist also ein hochkommerzialisiertes Event, das Mainstreammittel nutzt.
Bei den Demonstrationen der Coronaleugner sind viele Hooligans dabei. Warum gibt es diese Überschneidungen?
In Deutschland war die rechte Hooliganszene bei den ersten Protesten noch nicht dabei. Dann haben sie mit den Querdenkern einen ideologischen Partner gefunden, mit dem sie den Sozialdarwinismus, die Staats-, Demokratie- und Wissenschaftsfeindlichkeit teilen. Auffallend an ihrer Beteiligung ist das Gewaltpotenzial. Das hat durchaus Tradition: Rechte Hooligans sind selten diejenigen, die Reden schreiben, sondern diejenigen, die im Zweifelsfall die Polizeiketten sprengen und den politischen Gegner angreifen. Für diese Straßenkämpfe trainieren sie.