Die älteren Semester werden sich erinnern: Mit einem tollen Kader und technisch anspruchsvollem Spiel ist Spanien Turnier um Turnier gescheitert. Weil man kein eingeschworenes Team gewesen sei, weil das Elfmeterschießen einer Lotterie gleiche, weil der Schiedsrichter bestochen sein müsse. So ging das bis zur EM 2008. Mit ihrem Tiki-Taka genannten Kurzpassspiel, das taktisch und personell Anleihen beim damals überragenden FC Barcelona nahm, konnte man alle Hindernisse überwinden. Die Perle der Mannschaft war das Mittelfeld. Das kreative Duo Xavi und Andres Iniesta war gesetzt, Kaliber wie David Silva, Cesc Fabregas und Santi Cazorla mussten in den Sturm oder auf die Ersatzbank ausweichen. Aus den ewigen Verlierern wurden Seriensieger, Welt- und Europameister.
Trainer und Spieler wechselten, am Konzept hielt man fest, doch der Erfolg blieb irgendwann aus. Nach dem operettenhaften Auftritt bei der WM 2018 in Russland, als Teamchef Julen Lopetegui zwei Tage vor dem ersten Spiel gefeuert wurde und bereits im Achtelfinale Schluss war, wurde Luis Enrique ins Amt berufen. Es war eine naheliegende Wahl, er konnte beim FC Barcelona für eine Renaissance sorgen, indem er den einst so erfolgreichen Stil adaptierte.
Das scheint auch beim Nationalteam zu funktionieren. Die Qualifikation zur EM verlief reibungslos, Ballbesitz und technische Finesse kennzeichnen das spanische Spiel. Aber ist das noch Tiki-Taka? „Auch wenn es sich entwickelt hat, bleibt es Tiki-Taka“, sagt Toni Padilla, Sportchef der katalanischen Tageszeitung ARA. „Es ist dasselbe passiert wie bei Barcelona. Mit Guardiola war der Stil sehr offensiv, unter Luis Enrique war es ähnlich, aber ein bisschen anders.“ Dass der Journalist so vage bleibt, liegt daran, dass ausgerechnet im Maschinenraum der Mannschaft, dem Mittelfeld, noch nicht klar ist, mit wem und wie man spielen wird.
Mittelmäßigeres Mittelfeld
Von der ruhmreichen Generation ist nur noch Sergio Busquets an Bord, altersbedingt ist er allerdings über den Zenit. Danach kommt eine Reihe von mit Nachwuchstiteln und Vorschusslorbeeren behängten Talenten. Verletzungsprobleme und unglückliche Transfers haben Gerard Deulofeu und Isco auf dem vorgezeichneten Weg zum Weltruhm aus der Bahn geworfen. Sergio Canales, Koke und Fabian Ruiz konnten den hohen Erwartungen nie ganz gerecht werden. „Es ist schwierig, Spieler wie Xavi und Iniesta zu finden. Solche Genies tauchen nicht regelmäßig auf. Luis Enrique hat viel versucht, aber im Moment gibt es keine drei Mittelfeldspieler, die auf diesem Niveau spielen können“, sagt Padilla. Wenn die Gegner tief stehen und der rotierende Ball keine Räume und Abnehmer findet, vermisst die Mannschaft diese Genieblitze.
Grund zur Hoffnung gibt die Tatsache, dass bei der EM viele Teams selbst ein gepflegtes Offensivspiel aufziehen wollen. Dann könnte nämlich der selten benutzte Spitzname „Furia roja“ – die rote Furie – Realität werden. „In ihrem besten Spiel haben sie Deutschland 6:0 abgeschossen“, sagt Padilla. „Da haben sie mit Canales, Koke und Rodri gespielt. Auf der Position des rechten Verteidigers hat Luis Enrique Sergi Roberto und zuletzt Marcos Llorente spielen lassen, die ja auch eine Option fürs Mittelfeld sind.“ Im Sturm spielt mit Dani Olmo noch ein nomineller Mittelfeldspieler. An guten Tagen lässt sich das Tiki-Taka so über das ganze Spielfeld zelebrieren. An schlechten Tagen gegen gut eingestellte Gegner werden die Seufzer nach Xavi und Iniesta lauter.
Die Perle aus dem Atlantik
Und dann kam Pedri. Ein Blick zurück auf die Schlagzeilen der Tageszeitung Sport lässt nachvollziehen, wie der Kanare eingeschlagen hat. November 2020: „Pedri nimmt das Heft in der U21 in die Hand.“ Dezember 2020: „Pedri nimmt das Heft beim FC Barcelona in die Hand.“ Und im März eroberte er das Nationalteam. Erstmals einberufen, kam Pedro Gonzalez Lopez, wie der 18-Jährige mit vollem Namen heißt, in allen drei Qualifikationsspielen zum Einsatz. Und wusste zu überzeugen. Man könnte sagen, er habe das Heft in die Hand genommen. Äußerst dezent im Auftreten abseits des Platzes, ist Pedri wegen seiner Vielseitigkeit und seiner schnellen Auffassungsgabe ein Trainerliebling. Könnte er der fehlende Stein in Luis Enriques Mittelfeldmosaik sein? „Ohne Zweifel. Luis Enrique hat sich in Pedri verliebt“, sagt Padilla. „Er ist die beste Neuigkeit für den spanischen Fußball seit Jahren, ein 18-jähriger Bursche, der auf verschiedenen Positionen im Mittelfeld und Angriff spielen kann. Und es scheint, als würde er keinerlei Druck verspüren.“
Es gibt also kaum etwas auszusetzen an Pedri. Nicht nur die Trainer, auch die Fans lieben ihn. Er hat noch keinen Führerschein und fährt mit dem Taxi zum Stadion. Er geht selbst im Supermarkt einkaufen und rennt mit den vollen Sackerln herum, erzählt, dass er als Kind von Tellern mit dem Logo des FC Barcelona gegessen habe. Als ihn Lionel Messi mit „Willkommen in Barcelona“ empfangen habe, sei das für ihn aufregend wie ein Weihnachtsgeschenk gewesen, sagte er der Zeitung La Vanguardia. Die Sympathie ist gegenseitig. Messi, der sich eigentlich nie positiv über junge Spieler äußert, hat im Training die Bemerkung fallen lassen: „Der Bub spielt gut.“
Canarian Connection
Pedri reiht sich in eine lange Reihe exzellenter Spieler von den Kanarischen Inseln ein. Etwa der langjährige Spielmacher der titellosen Jahre, Juan Carlos Valeron. Auch er hat seine Ausbildung bei der UD Las Palmas erhalten, einem Verein, dessen Philosophie stark von Laureano Ruiz geprägt ist. Der Trainer und Buchautor führte einst den Nachwuchs von Barcelona zu fünf Titeln in Folge, bevor Rinus Michels und Johan Cruyff den Klub auf die nächste Ebene hoben. Und so verwundert es nicht, dass sich Pedri im Camp Nou wie ein Eigenbauspieler präsentiert, obwohl er erst im Sommer zum Verein gestoßen ist. Er sei das Scharnier des FC Barcelona, immer bereit, den Ball in vollem Lauf anzunehmen, wie El Pais schrieb.
Der schmächtig und blass wirkende Junge mit der totalen Kontrolle von Ball und Raum erinnert an Iniesta. Ein Vergleich, der viele wie ein Mühlstein herunterziehen würde. Pedri freut sich: „Sicher gefallen mir diese Vergleiche, Iniesta und Laudrup sind meine Vorbilder. Aber es ist, wie der Trainer sagt: Ich muss Pedri sein.“ Sein Weg scheint vorgezeichnet, das Turnier könnte für ihn aber zu früh kommen. So wie die WM 1978 für Maradona und die WM 2006 für Messi. Wer gepflegten Fußball liebt und Iniesta vermisst, kann sich dennoch schon auf den Sommer freuen.