Das Scheitern der Super League war ein Sieg der UEFA. Doch darauf können sich der Verband und Präsident Aleksander Ceferin nicht ausruhen. Von allen Seiten wird an ihnen gezerrt, es braucht mehr als markige Sprüche.
Die Brille tief auf der Nase, sitzt Aleksander Ceferin an diesem Montagvormittag vor der per Videokonferenz versammelten Presse. Der UEFA-Präsident braucht die Brille, immer wieder schaut er auf seine Notizen, manchmal liest er mehrere Sätze hintereinander ab. Will er seinen Worten Nachdruck verleihen, nimmt er die Brille ab und schaut mit seinen blaugrauen Augen in die Kamera. Rhetorisch ist die Rede kein Bravourstück, immer wieder verhaspelt er sich. Doch die Pointen sitzen. Den zwölf Vereinen, die sich in der Nacht zuvor als Gründungsmitglieder der Super League zu erkennen gaben, unterstellt Ceferin, nur von Gier angetrieben zu sein. „Die Fußballwelt ist gegen dieses unsinnige Projekt“, sagt er mit der Brille in der Hand. „Der offene Wettbewerb ist Teil unserer Kultur.“
PRÄSIDENTENBESCHIMPFUNG
Ceferin ist seit September 2016 Präsident der UEFA, so prominent in der Öffentlichkeit wie in diesen Aprilwochen war er nie. Dabei stand sein Verband in den vergangenen fünf Jahren fast unter Dauerdruck, nicht nur von den abtrünnigen Zwölf. FIFA-Präsident Gianni Infantino liebäugelte mit einer globalen Eliteliga als Konkurrenzprodukt zur Champions League und den nationalen Ligen gleichermaßen. Und auch die Beschwerden der kleineren Verbände über die ungerechte Verteilung der TV-Gelder wurden lauter.
„Die Niederlage der Super League war ein Etappensieg. Der eigentliche Kampf beginnt erst jetzt.“
Martin Endemann, „Football Supporters Europe“
Immerhin bröckelte die Front der Super-League-Klubs schon nach wenigen Stunden, am Mittwochabend hatten sich neun Klubs zurückgezogen. Nur Barcelona, Juventus und Real Madrid wollten ihr Scheitern nicht eingestehen. Auf Juventus-Präsident Andrea Agnelli hatte Ceferin sich besonders eingeschossen. Noch nie habe er eine so verlogene Person erlebt, sagte er, Agnelli sei ein Lügner, eine Schlange. Die Tiraden demonstrierten die Enttäuschung des Präsidenten: Ceferin war mit Agnelli gut befreundet, er ist der Taufpate der jüngsten Tochter des Italieners.
Mit dem Rückenwind eines plötzlich deutlich profilierten Präsidenten könnte die UEFA in die Offensive gehen. Sie könnte ihren Konfrontationskurs gegenüber den großen Klubs beibehalten, die Wettbewerbe reformieren und ihre Geldflüsse überdenken. „Die Niederlage der Super League war ein Etappensieg“, sagt Martin Endemann vom Fannetzwerk „Football Supporters Europe“. „Der eigentliche Kampf beginnt erst jetzt.“
BARCELONA STATT LJUBLJANA
Die Frage ist, ob Ceferin der richtige Mann dafür ist. Ein prädestinierter Fußballfunktionär ist der Slowene nicht. Zwar spielt er als Kind im örtlichen Klub, doch als der schließen muss, wendet er sich dem Basketball zu, wie er einmal in einem Interview erzählte. Beruflich ist sein Weg hingegen vorgezeichnet. Anfang der 1990er Jahre steigt er in die größte Anwaltskanzlei des Landes ein. Sein Vater hat sie gegründet. Ceferin verteidigt große Unternehmen, 2009 wird er von der Plattform Ius-Online zum zweitbesten Anwalt Sloweniens gewählt.
Nebenbei nimmt er das Fußballspielen wieder auf, ab 2005 kickt er beim FC Ljubljana Lawyers, einem Hobbyverein von Anwälten. 2010 wird er als Vorstandsmitglied von Olimpija Ljubljana erstmals Funktionär eines Profiteams und schon ein Jahr später Verbandspräsident. „Es ist schwer erklärlich, was einen erfolgreichen Anwalt auf den Gipfel des zitternden Bergs, der der slowenische Fußball ist, zieht“, schreibt die Tageszeitung Delo kurz vor seiner Wahl. „Bei uns gibt es keine Duelle zwischen Real Madrid und Barcelona.“ Der große Fußball wird auch unter Ceferin nicht einziehen, seine Amtszeit verstreicht ohne besondere Vorkommnisse. Bei der UEFA wird er stellvertretender Vorsitzender der Rechtskommission. In Erscheinung tritt er selten, Slowenien verpasst die EM 2012 und die WM 2014.
Griss um den Pokal – UEFA-Präsident Ceferin muss um seinen Bewerb kämpfen
Unterdessen präsidiert bei der UEFA in Nyon ein wesentlich charismatischerer Mann. Seit 2008 führt Michel Platini den europäischen Verband mit viel Selbstbewusstsein. Die EM wird auf sein Betreiben hin ab 2016 auf 24 Teams aufgestockt, für das Turnier 2020 macht er aus dem Mangel an guten Bewerbern eine Tugend, es soll quer über Europa ausgetragen werden und so möglichst viele Verbände glücklich machen. Zur FIFA und ihrem Präsident Josef Blatter, die mit anhaltenden Korruptionsvorwürfen kämpfen, geht der Europameister von 1984 mit der Zeit auf Distanz. „Ich habe Blatter in die Augen gesehen und ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr unterstütze und es Veränderung braucht“, sagt Platini 2014. Er gilt als Favorit auf Blatters Nachfolge.
SCHOCKSTARRE
Die großspurigen Ansagen des Franzosen kaschieren seine Misserfolge. Zwar ist mit dem neuen EM-Format eine Reform geglückt, die aufgrund der höheren Anzahl der Spiele auch höhere Einnahmen verspricht. Den großen Klubs hat der Verband aber schon damals wenig entgegenzuhalten. Als Platini 2012 vorschlägt, die Champions League auf 64 Teams aufzustocken, scheitert er am Widerstand der ECA, der Interessenvertretung der Vereine, die von den umsatzstarken Klubs dominiert wird. Auch das Financial Fairplay, Platinis zweites großes Projekt, scheitert. Eine Revolution des europäischen Fußballs nannte er das Modell, mit dem die UEFA die Klubfinanzen strenger überwachen will, damit die Vereine nicht mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. Als Höchststrafe droht der Ausschluss aus dem Europacup. Doch der Widerstand der Klubs ist groß, 2015 gibt es erste Lockerungen. Die Revolution ist abgesagt.
„Infantino wollte einen UEFA-Chef, der ihm nicht wehtut. Dafür war Ceferin der ideale Kandidat.“
Pal Ödegaard, „Josimar“
Wenig später sind Platinis Ambitionen endgültig am Ende. Im Oktober 2015 suspendiert die FIFA-Ethikkommission ihn und Blatter. Zwischen den beiden sind Millionenbeträge geflossen, die Ermittler für Schmiergelder halten. Die Präsidenten müssen ihre Posten räumen. Die FIFA bleibt nicht lange kopflos, schon im Februar 2016 wird Gianni Infantino ihr neuer Präsident. Damit verliert der europäische Verband seinen langjährigen Generalsekretär. Die UEFA scheint paralysiert. Noch monatelang führt sie Platini auf der Website als Präsidenten, einen Nachfolger will sie erst im folgenden Herbst wählen lassen. Die größte EM der Geschichte geht in Platinis Heimat über die Bühne, ohne dass die UEFA einen Chef hat.
Zwei Monate nach dem Finale schlägt die Stunde des slowenischen Anwalts. Die Verbände aus Ost- und Nordeuropa sichern Ceferin früh die Unterstützung zu, der ÖFB zieht ebenso wie der DFB bald nach. Beistand erhält er auch von Infantino, der hinter den Kulissen für den Slowenen mobilisiert, wie das norwegische Fußballmagazin Josimar schreibt. „Infantino wollte einen UEFA-Chef, der ihm nicht wehtut“, sagt Pal Ödegaard, der an den Berichten mitgearbeitet hat. „Dafür war Ceferin der ideale Kandidat.“ Ceferin ist plötzlich der große Favorit, bleibt aber ein Unbekannter. Der Guardian schreibt am Tag vor der Abstimmung: „Außer den Umrissen seines Lebenslaufs weiß man kaum etwas über ihn.“ Als Ceferin sich am 14. September 2016 schon im ersten Wahlgang gegen den Niederländer Michael van Praag durchsetzt, titelt die Welt: „Ein Nobody besteigt den Thron.“
CEFERINS OHNMACHT
Der neue Präsident nennt sich selbst einen Kandidaten der „Good Governance“-Strukturen und fordert mehr Transparenz. Im April 2017 beschließt die UEFA, die Amtszeit ihrer Funktionäre zu beschränken. Der Präsident und die Mitglieder des Exekutivkomitees dürfen seither maximal zwölf Jahre im Amt sein. Bei den Kongressen sollen sie außerdem nicht mehr in Hotels schlafen, die luxuriöser sind als jene der normalen Delegierten. Unter Platini war das noch Usus. „Diese Reformen waren oberflächlich“, sagt Journalist Ödegaard. „Die UEFA hat sich unter Ceferin nicht grundlegend gewandelt.“
Verspekulant – Real-Präsident Perez träumt immer noch von der Super League
Denn der neue Präsident ist schwach, man schenkt ihm weniger Gehör als seinem Vorgänger. Als im Sommer 2017 Neymar um kolportierte 222 Millionen Euro von Barcelona nach Paris wechselt, kritisiert Ceferin die Höhe der Ablösesumme. Er denkt laut über eine Zusatzsteuer für Klubs nach, die zu viel Geld für Transfers ausgeben. Auch eine Gehaltsobergrenze und eine Beschränkung der Leihgeschäfte macht er zum Thema. „Wir müssen die Magie unseres Sports bewahren“, sagt Ceferin. „Aber wir brauchen für diese Maßnahmen die Unterstützung der Gesetzgeber.“ Kaum jemand nimmt davon Notiz, in den meisten Zeitungen wird daraus nur eine kurze Meldung, die Unterstützung aus der Politik bleibt aus.
Stattdessen sieht sich Ceferin wachsendem Gegenwind ausgesetzt. Die FIFA beschließt 2019 eine Aufstockung der Klub-WM. Auf Initiative seines ehemaligem Unterstützers wird das Teilnehmerfeld mehr als verdreifacht, statt sieben sollen nun 24 Klubs mitspielen. „Das ist ein Meilenstein“, sagt Infantino nach dem Beschluss. Und ein Schlag gegen die UEFA im Machtkampf der Verbände. Erstmals hätte das Turnier im Sommer 2021 in China stattfinden sollen, wegen der Pandemie hat sich die FIFA für eine Verschiebung der Aufstockung und des Termins entschieden.
HEILIGE KUH
Während Corona Ceferin und der UEFA an dieser Front etwas Luft verschafft hat, hat das Virus andere Konflikte beschleunigt. Denn als im März 2020 Europa in den Lockdown geht, muss die UEFA schnell entscheiden: Hält sie an der Europameisterschaft fest? Oder an den Europacupbewerben? Die Antwort fällt eindeutig aus. Die UEFA erstellt ein Konzept für eine verkürzte Finalphase von Champions und Europa League im Sommer. Die EM wird um ein Jahr verschoben.
Doch an dem Dilemma der UEFA ändert das nichts: Sie muss immer mehr Geld machen, um immer höheren Ansprüchen gerecht zu werden.
Die Entscheidung mag aufgrund des dezentralen Formats der Endrunde pragmatisch nachvollziehbar sein, wirtschaftlich hinterlässt sie aber Fragezeichen. Denn die EM ist die Cash Cow der UEFA. Während die enormen Summen, die sie aus dem Rechteverkauf der Champions League lukriert, fast alle an die Klubs zurückfließen, kommt bei der EM das Geld dem Verband und seinen Mitgliedern zugute. Im letzten Jahrzehnt bilanzierte die UEFA nur zweimal positiv – in jenen Jahren, in denen sie eine EM veranstaltete. 100 Millionen Euro Gewinn machte sie 2016. Die Finanzberichte offenbaren auch den wirtschaftlichen Erfolg von Platinis EM-Reform. Während die Einnahmen bei den Turnieren zwischen 2004 und 2012 von knapp 900 Millionen auf 1,4 Milliarden stiegen, warf die EM 2016 über 2,1 Milliarden Euro ab.
KAMPF GEGEN HAMSTERRÄDER
Die UEFA braucht das Geld, es hält ihr System zusammen. Denn während die Gründungsmitglieder der Super League ihre Millionen auf eigene Faust machen wollten, setzen auch die kleineren Klubs den Verband immer mehr unter Druck. Wenn sie in den prestigeträchtigen Europacupbewerben schon keine Rolle mehr spielen, wollen sie zumindest in anderer Form entschädigt werden. Auch deswegen hat die UEFA die Conference League eingeführt, einen dritten europäischen Wettbewerb, der in der kommenden Saison erstmals ausgespielt wird. Vereine, die sich abgehängt fühlen, so das Kalkül, können dort um einen Titel spielen und am großen Kuchen der Übertragungsrechte mitnaschen. Doch an dem Dilemma der UEFA ändert das nichts: Sie muss immer mehr Geld machen, um immer höheren Ansprüchen gerecht zu werden. Der Verband steckt im Hamsterrad.
Kein goldenes Händchen – Juventus-Präsident Agnelli bewies miserables Timing
Das dreht sich auch weiter, als Ceferin mit der Brille tief auf der Nase vor der Presse sitzt. Noch am selben Tag beschließt die UEFA eine lang diskutierte Reform der Champions League. Ab 2024 sollen 36 Mannschaften mitspielen, nicht mehr in Gruppen unterteilt, sondern zunächst in einer einzigen Tabelle. Das Format, das auf Druck der großen Klubs entwickelt wurde, verspricht mehr Spiele und höhere Einnahmen. Ganz fix ist es allerdings noch nicht. In der Aussendung, in der die UEFA den Modus präsentierte, ist eine Exit-Strategie versteckt: „Änderungen am neuen Format können bei Bedarf noch vorgenommen werden“, steht weit hinten im Text. Ein Hoffnungsschimmer, den Fanaktivist Endemann, der als Mitarbeiter von FSE mit der UEFA diskutiert, aufgreifen will. „Wir müssen das Momentum aus der Debatte um die Super League mitnehmen“, sagt er. „Diese Reform gehört gänzlich neu diskutiert. Auch unter Beteiligung der Fans.“
Ein erstes Stimmungsbarometer, wie wahrscheinlich das ist, sind die Sanktionen gegen die Gründungsmitglieder der Super League. Anfang Mai verkündete die UEFA, dass jene neun Vereine, die ihren Irrtum schnell eingesehen haben, nächstes Jahr auf fünf Prozent ihrer Europacupeinnahmen verzichten müssen. Welche Disziplinarmaßnahmen auf Barcelona, Juventus und Real zukommen, ließ der Verband offen.
Doch noch bevor die Akte Super League geschlossen werden kann, steht ein Turnier mit 24 Teilnehmern an. Von allen Seiten unter Druck gesetzt, braucht die UEFA nichts dringender als schöne Bilder von einem Fußballfest. Größere Pannen kann sie sich nicht leisten, doch die sind bei elf Spielorten in ebenso vielen Ländern samt coronabedingten Einschränkungen und Unwägbarkeiten fast programmiert. Nach Jahren der Anonymität steht Ceferin jetzt im Scheinwerferlicht. In den nächsten Wochen wird er auf dem zitternden Gipfel des europäischen Fußballs seine Brille noch oft in die Hand nehmen müssen.
Wir hoffen, dir gefällt dieser Text. Online findest du viele weitere Artikel aus unseremArchiv – kostenlos. Wir freuen uns, wenn du uns einen kleinen Beitrag spendest. Damit hilfst du uns, weiter unabhängig und kritisch zu berichten – und weiter Texte kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
„UEFA-Präsident Ceferin hinterlässt den Eindruck, unberechenbar zu sein. Das ist die wirklich beunruhigende Nachricht.“ Ein Kommentar von Chefredakteurin Nicole Selmer: lesen
Nach 26 Jahren erlaubt die UEFA den österreichischen Klubs im Europacup wieder Stehplätze. Die Vereine wollen das nutzen, billiger werden die Tickets deswegen aber wohl nicht. lesen