„Harald, hörst du mich? Hier Meidling.“ Josef Spurny und Sebastian Gruber tragen je ein Headset mit Mikrofon, sie sitzen in Schiedsrichtertrainingsleiberl und kurzen Hosen vor einer Wand aus Monitoren, auf ihren Tischen ist jeweils ein grüner und ein roter Knopf platziert. Drücken sie auf Grün, können sie Spielszenen zur Wiederholung vormerken, drücken sie auf Rot, können sie im Funknetz von Schiedsrichter Harald Lechner und seinen Assistenten kommunizieren. Wenige Stunden vor dem EM-Achtelfinale zwischen Italien und Österreich am 26. Juni versehen sie ihren Dienst als Video Assistant Referee (VAR) und Assistant Video Assistant Referee (AVAR) beim Testspiel der Wiener Austria gegen Vorwärts Steyr. Knapp vier Wochen vor dem Start in die Bundesliga-Saison werden alle Stadien unter Ausschluss der Öffentlichkeit einem Technikcheck unterzogen, heute ist die Austria Arena in Wien-Favoriten an der Reihe. Der Test ist von der Regelkommission IFAB vorgeschrieben, um den VAR nutzen zu können. Mit der Einführung der Videounterstützung kommt die wohl größte Revolution in der Geschichte des Schiedsrichterwesens nun auch in der Bundesliga an.
Freude und Frust
„So viel kannst du gar nicht laufen, dass du immer richtig stehst. Selbst wenn du die ganze Zeit gut pfeifst, kannst du mit einem Fehler das Spiel entscheiden. Das soll, wenn es das Protokoll zulässt, der VAR verhindern.“ Harald Lechner, der im Mai zum achten Mal in Folge zu Österreichs Schiedsrichter des Jahres gewählt worden ist, sitzt Mitte Juni im weißen Hemd in einem Fitnessstudio in Wien-Landstraße. Er ist nicht zum Trainieren hier, sondern geht seinem Brotberuf als Verantwortlicher des Fitnessklubs nach. Während des ballesterer-Interviews in dem modernen, fensterlosen Büro mit Glastür blättert er immer wieder im IFAB-Handbuch, um seine Aussagen mit dem dazu passenden Regelwerk zu untermauern. Lechner freut sich auf die Einführung des VAR, sie werde seine Arbeit als Schiedsrichter vereinfachen, sagt er.
Die Implementierung der Videounterstützung war ein gemeinsamer Wunsch des ÖFB, der als Fußballverband für das Schiedsrichterwesen zuständig ist, und der Bundesliga, die die Interessen der Klubs vertritt. „Ich kenne keinen Schiedsrichter, der denkt: ‚Der VAR ist ein Blödsinn‘“, sagt Robert Sedlacek, der Vorsitzende der ÖFB-Schiedsrichterkommission. „Alle freuen sich. Egal, ob sie hinter dem Bildschirm sitzen oder am Feld stehen.
Ganz so unumstritten ist der VAR unter Aktiven, Funktionären und Beobachtern nicht. Marko Arnautovic beschwerte sich nach der 1:2-Niederlage gegen Italien, bei der ihm ein Abseitstor aberkannt wurde, über die emotionalen Wechselbäder durch den VAR: „Man kann sich nicht mehr freuen, man muss immer warten, bis irgendwelche Leute irgendwas entscheiden, ob das Abseits ist oder ein Tor ist oder ein Foul ist.“ Viele Fans teilen diese Kritik, regelmäßig sind etwa in Deutschland Spruchbänder mit der Aufschrift „Videobeweis abschaffen“ zu sehen.
Dort kommt der VAR ebenso wie in Italien bereits seit vier Jahren zum Einsatz. Blickt man auf die großen Ligen, wird klar, dass der VAR kein Experiment mehr ist, sondern einen festen Platz im Fußball hat. Unter den zehn ersten Ligen der UEFA-Fünfjahreswertung ist Österreich die letzte, die den Videoschiedsrichterassistenten einführt. Neun Ligen, die hinter der Bundesliga stehen, setzen ebenfalls schon darauf. Und auch in Österreich sollte er eigentlich in der abgelaufenen Saison ab der Teilung in Meister- und Qualifikationsgruppe in Betrieb gehen. Wegen der Pandemie wurde die Einführung jedoch auf den kommenden Saisonbeginn verschoben. „Corona hat die Ausbildungsphase sehr schwer gemacht“, sagt Sedlacek. „Vor einem halben Jahr waren wir uns nicht sicher, ob wir das rechtzeitig schaffen.“
No Sleep Till Meidling
Wurde in Deutschland der Kölner Keller als VAR-Zentrale berühmt, könnte es in Österreich das Meidlinger Kammerl werden. Die Liga hat sich im zwölften Wiener Gemeindebezirk zwischen Bürogebäuden, Baustellen und Schrebergärten für die kommenden vier Jahre eingemietet. Der Raum sei noch nicht ganz fertig, sagt Ali Hofmann, der die Einführung des VAR für den ÖFB als Projektleiter betreut, vor dem ballesterer-Besuch. Der Bodenbelag fehle noch, Handwerker seien aufgrund der Coronalage fast ausgebucht, außerdem gebe es Verzögerungen bei Zulieferern.
Wie eine Großbaustelle wirken die Räumlichkeiten, die aus einer Küche, einem Aufenthaltsraum, einem Besprechungszimmer und dem VAR-Raum bestehen, aber nicht. Auf einem Whiteboard ist eine kurze To-do-Liste mit Punkten wie „Labels anbringen“ und „Werkzeug wegräumen“ vermerkt. Im VAR-Kammerl klebt ein Werbebanner mit der Aufschrift „VAR“ und „Durchblicker“, dem neuen Sponsor des Videoschiedsrichters. An Tischen mit je sechs Monitoren können hier drei Partien zeitgleich begleitet werden, durch zwei mobile Stationen kann die Kapazität auf fünf erhöht werden.
Neben dem VAR und dem AVAR sitzt mit dem Operator eine Art Regisseur, der auf seinem Touchscreen alle Kameras eingespielt bekommt. Er ist bei der Firma Hawk-Eye beschäftigt, die der Bundesliga das technische Werkzeug liefert. Verlangt der Videoschiedsrichter einen anderen Blickwinkel oder eine andere Kamera, muss der Operator sie schnell zur Verfügung stellen. Drückt er auf seiner Tastatur „Alt“ und „5“ erscheint der Raster, der für Abseitsentscheidungen benötigt wird. Drückt er anschließend auf „W“, kann er die Linie frei bewegen und präzise an Körperteile anlegen.
Ein Wochenende im Mai
„Zu meiner Zeit hat es nicht so viele Fernsehbilder gegeben“, sagt Sedlacek, der zwischen 1987 und 2000 in der Bundesliga pfiff. Nach seiner Schiedsrichterlaufbahn machte er als Funktionär Karriere: 2010 wurde er Präsident des Wiener Fußball-Verbands, im Jahr darauf Vorsitzender der Schiedsrichterkommission. Beim Interview mit dem ballesterer sitzt er im Anzug am großen Besprechungstisch in seinem Büro im zweiten Stock des Ernst-Happel-Stadions. „Die Spieler können sich heute weniger erlauben. Man sieht fast alles, was auf dem Feld passiert.“ Um diese Bilder liefern zu können, ist allerdings ein hoher technischer Aufwand nötig.