Sturm-Trainer Christian Ilzer ist ein bisschen irritiert. „Kelvin, gehörst du nicht mehr zu den Jungen?“, ruft er seinem Stürmer Kelvin Yeboah hinterher. Die Jungen, das ist bei den Grazern so üblich, müssen nach der Einheit helfen, die Trainingsutensilien wegzuräumen. Yeboah lacht, macht am Weg in die Kabinen kehrt und packt mit an. Lächelnd sitzt er wenig später auch beim Gespräch mit dem ballesterer in der Kantine. „Frag ihn etwas über Musik“, empfiehlt Kollege Gregory Wüthrich, der neben ihm sitzt. „Er mixt in der Kabine immer alle Genres.“
Vielsprachig
Yeboah hat Erfahrung damit, sich in einer neuen Umgebung einzuleben. Im Alter von fünf Jahren zog er mit seiner Familie aus seiner Geburtsstadt Accra nach Italien. Als 16-Jähriger ging er nach London, in den Nachwuchs von West Ham, nur um wenig später zur AC Gozzano nach Italien zurückzukehren. „Dann hätte ich eigentlich zu Aalborg wechseln sollen, aber ich war nur zum Probetraining dort“, sagt der Ghanaer. „Geworden ist es dann die WSG Wattens.“ Yeboah antwortet auf Deutsch, ein Sprachtalent ist er sowieso. Die Landessprachen hat er sich auf jeder seiner Stationen angeeignet, nur mit dem Tirolerisch habe er sich ein bisschen schwergetan, sagt er.
Es dauerte ein bisschen, bis sich Yeboah in Tirol durchsetzte. In seiner ersten Saison 2018/19 stand er nur viermal in der Startformation, seine beiden Tore machte er als Joker. Doch die WSG stieg auf – und Yeboah konnte gegen größere Klubs zeigen, was in ihm steckt. Vier Tore erzielte er im Cup an einem schwülen Septemberabend 2019 gegen die Wiener Austria, ein ums andere Mal entwischte er der Verteidigung. Das schönste Tor schoss er kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit, als er aus spitzem Winkel Tormann Ivan Lucic ein Gurkerl schob und mit dem 3:1 für die Vorentscheidung sorgte. Drei Tage später spielte er gegen den WAC erstmals in einer Bundesliga-Partie durch. Yeboah wurde Stammspieler.
Geholfen hat ihm dabei sein Sturmpartner Zlatko Dedic, mit dem er bis heute in Kontakt ist. „Von ihm hat er sich fußballerisch viel abgeschaut“, sagt Wattens-Trainer Thomas Silberberger. „Kelvin ist enorm lernbereit und ein extrem wertvoller Spieler.“ In der Hinrunde der abgelaufenen Saison war Yeboah mit vier Toren und fünf Assists einer der Hauptgründe dafür, dass die Mannschaft auf dem fünften Platz überwinterte. Doch noch bevor sie die Qualifikation für die Meistergruppe fixieren konnte, wechselte Yeboah nach 40 Einsätzen für die Tiroler nach Graz. „Er ist ein Rohdiamant, der noch geschliffen werden muss“, sagt Ex-Trainer Silberberger. „Sturm ist ideal für ihn, um den nächsten Schritt zu machen.“ Sechsmal traf Yeboah im Frühling und das an ungewohnter Stelle: Während er in Wattens noch vom Flügel kam, beorderte ihn Ilzer ins Sturmzentrum.
Im Namen des Onkels
Die Veranlagung dafür besitzt Yeboah, er ist nicht der erste Mittelstürmer in seiner Familie. Kelvin ist der Neffe von Anthony Yeboah, einst ghanaischer Teamspieler und Torgarant bei der Frankfurter Eintracht und dem HSV. „Wir telefonieren oft“, sagt der Neffe. „Er verfolgt meine Spiele von Ghana aus.“ Yeboah nennt seinen Onkel „Daddy“. In Ghana ist das üblich, wenn man über den Bruder des Vaters spricht. Doch der Spitzname verwirrte englische Medien, sie machten Kelvin zum Sohn Anthonys. Im Oktober 2019 klärte der 21-Jährige das Missverständnis schließlich im Kicker auf. Als Fußballer würde er ohnehin mehr nach seinem tatsächlichen Vater kommen. „Er ist spielerisch mein Vorbild“, sagt Yeboah. „Ich habe meinen Ehrgeiz von ihm, die Art, wie ich mich am Feld bewege und wahrscheinlich auch meinen Antritt.“ In der Liga, so hört man von Yeboahs Kollegen, sei nur Salzburgs Patson Daka schneller.
Mit seiner Geschwindigkeit passt der Ghanaer ideal in das auf Pressing ausgelegte Spiel von Ilzer. „Das Tempo bei Sturm ist hoch, das kommt mir entgegen“, sagt Yeboah. „Er bringt mit seinem Speed eine neue Dimension in unser Spiel“, sagt sein Trainer Ilzer zum ballesterer. „Natürlich müssen wir noch an einigen Dingen arbeiten, aber seine Anlagen sind überragend.“ Die Art Yeboahs schätzt man in Graz nicht nur auf sportlicher Ebene. Neben dem von Wüthrich angesprochenen DJ-Talent begeistert er auch mit seinem unorthodoxen Torjubel – bei dem er an einem fiktiven Kaffeehäferl nippt. „Ich liebe Espresso Macchiato“, sagt er. Schuld daran seien weniger seine Jahre in Italien als der ehemalige Mentor Dedic, der ihn mit seiner Kaffeemaschine auf den Geschmack gebracht habe. Der Kaffee ist nicht das einzige Hobby Yeboahs. Der Stürmer verschlingt Literatur über Wertpapiere. „Ich kann mir gut vorstellen, nach der Karriere im Börsen- oder Immobiliengeschäft zu arbeiten“, sagt er. „Wie lange dauert eine durchschnittliche Profilaufbahn? Bis 35. Und was machst du dann?“
Noch aber spielt Yeboah Fußball und hat auch für seine unmittelbare Zukunft klare Ziele. Irgendwann möchte er in der Premier League spielen, seine Geschwister leben in England. Zuvor will er sich in der kommenden Saison auch auf der internationalen Bühne beweisen. Sturm steigt in der dritten Runde der Qualifikation für die Europa League ein, ein Startplatz in der Conference League ist schon fixiert. Und auf noch etwas freut sich Yeboah. „Nach den Zuschauerbeschränkungen kann ich in Graz endlich in einem vollen Stadion spielen“, sagt er. „Die Fankultur in Graz ist überragend.“