ballesterer: Herr Edlinger, wo in Wien sind Sie eigentlich aufgewachsen?
Rudolf Edlinger: Im 9. Bezirk, in der Rossau.
Wie wird man da Rapid-Fan?
Ein Onkel von mir hat vor dem Krieg bei Rapid in der Jugend gespielt. Im Krieg hat er dann einen Fuß verloren. 1946, da war ich gerade einmal sechs Jahre alt, hat er als ehemaliger Fußballer und Schwerstkriegsversehrter einen Laufbahnsitz vom SK Rapid geschenkt bekommen. Da sind vor der Tribüne Heurigenbankeln aufgestellt worden. Ich bin am Sand auf der Laufbahn gesessen und habe mir die Matches angeschaut. Als ich in die Schule gekommen bin, habe ich mich gewundert, dass sich überhaupt irgendjemand freuen kann, wenn Rapid nicht gewinnt.
Sind Sie das ganze Leben ins Stadion gegangen?
Immer. Selbst als ich hohe politische Funktionen gehabt habe, wurde mein Terminkalender nach den Rapid-Heimspielen eingeteilt. Heute wäre das viel schwieriger, weil das Fernsehen kurzfristig sagt, wann du spielst – eine Zeit lang haben wir sogar am Freitag gespielt, den hätte ich mir als Minister nie freihalten können. Ich will nicht übertreiben, aber ich habe in meinem Leben bestimmt 80 Prozent aller Heimspiele gesehen.
Ist Ihnen jemals vorgeworfen worden, dass Sie Fußball wichtiger nehmen als Politik?
Nein, eigentlich nicht. Als ich Rapid-Präsident geworden bin, hat mich ein Journalist aber gefragt: „Sie waren Finanzminister, und jetzt werden Sie Fußballpräsident. Warum eigentlich? „ Da habe ich gesagt: „Es gibt eine Parallele zwischen Fußball und Politik: Alle, die zuschauen, wissen, wie es geht.“ Ich bin also nur in eine artverwandte Branche gewechselt.
Das wollten wir auch gerade fragen. Warum macht man das eigentlich?
Ich bin bis 1986 immer auf der Nordtribüne gesessen. Dort hat mich eines Tages, als ich noch Baustadtrat war, der damalige Rapid-Präsident Heinz Holzbach gefragt, ob ich nicht ins Kuratorium gehen möchte. Ich habe gar nicht gewusst, dass es das gibt. „Was habe ich da zu tun?“, habe ich gefragt. Hat er gesagt: „Na, nix.“ Und ich: „Was soll ich dann da tun?“ – „Na ja, Ihr Name, Herr Stadtrat.“ Dann habe ich gesagt: „Gut, wenn das nicht sehr viel Arbeit ist, mache ich das.“ So bin ich da langsam hineingewachsen und habe mich immer stärker engagiert. Wenn jemand glaubt, dass ich zum Fußball gegangen bin, weil ich ein Gesichtsbad will, kriege ich einen Lachkrampf. Ich war bald zwölf Jahre Präsident, es gibt Leichteres. Ich habe den Verein 2001 übernommen, weil mich sehr viele Leute darum ersucht haben. Ausschlaggebend war für mich jemand, den ich aufgrund seiner Integrität immer verehrt habe: Anton Benya. Er hat mir eine Frage gestellt, auf die ich zwei Antworten geben konnte, nämlich Ja oder Ja. Daraufhin habe ich Ja gesagt.
Wie hilfreich ist es als Präsident, wenn man Politiker war oder ist? Wird es leichter, stadtnahe Betriebe als Sponsoren zu gewinnen?
Dafür müssen Sie nicht Politiker sein. Sie müssen jemand sein, der Zugang zu bestimmten Personen hat, oder Sie haben selber das Geld. Weil der Herr Mateschitz braucht zum Beispiel niemanden.
Sie haben zwölf Jahre als ehrenamtlicher Präsident gearbeitet, mit einem relativ kleinen Personal für das operative Geschäft. Hätten Sie mehr Leute gebraucht, um den Verein mehr nach vorne zu bringen?
Das hauptamtliche Team ist durchaus klein zu halten, weil das sind auch Kosten. Wenn Sie wo um Geld anklopfen, tun Sie sich als ehrenamtlicher Funktionär leichter, als wenn die glauben, Sie rennen um die eigene Gage. Es wird von den Sponsoren positiv empfunden, dass der überwiegende Teil Ihres Geldes in das hineingeht, wofür der Verein eigentlich da ist, nämlich Fußball zu spielen. Ich glaube, das haben wir in den letzten Jahren nicht so schlecht gemacht.
Zwei Begriffe können Rapid-Fans nicht mehr hören: Der eine lautet „Altlasten“, der andere „negatives Eigenkapital“.
Negatives Eigenkapital ist ein Begriff, der von der Bundesliga geprägt worden ist – wenn Vereine nach Legung der Bilanz ins nächste Jahr eine Situation hineintragen, die derzeit noch nicht gedeckt ist. Interessant ist nur, dass sich bei Rapid darüber viel mehr Leute den Kopf zerbrechen als bei anderen Vereinen – das negative Eigenkapital bei der Austria ist zum Beispiel um 50 Prozent höher. Wir hatten in meiner Amtszeit auch Jahre, wo wir positive Eigenkapitale hatten. Der Begriff Altlasten ist von mir nie verwendet worden, ich weiß nicht einmal, was das sein soll. Ich habe immer das Gefühl, wenn einer von Altlasten redet, ist er in Wahrheit ein Scheißer: „Jössas, ich habe eine Altlast, ich kann nichts dafür.“ Das ist nicht mein Stil gewesen, nie. Ich habe 2001 einen Verein übernommen, der tatsächlich Verbindlichkeiten hatte, und habe trotzdem gesagt, er ist schuldenfrei. Warum? Stellen Sie sich vor, ich hätte gesagt: Rapid hat viele Millionen Schilling Schulden. Glauben Sie, ich hätte einen einzigen Sponsor gefunden, um Schulden zu tilgen?
Wenn ein Fan bei der Mitgliederversammlung sagt: „Rapid ist der beliebteste Verein in Österreich und somit der größte, also müsste er die besten Spieler haben und immer um die Meisterschaft spielen.“ Was sagen Sie ihm?
Ich würde sagen, so läuft es leider nicht. Geld spielt zwar nicht Fußball, aber es ist nicht ganz unnotwendig. Wenn Sie Leute haben, die Millionen in den Sand setzen und auch nicht viel besser spielen, ist das ein Argument. Und wenn eine Mannschaft eine wirklich sehr gute Mischung zusammengebracht hat, dann ist das auch eine Momentaufnahme. Wo war die Austria denn im vergangenen Jahr? Es geht oft so schnell. Und eines kann ich Ihnen garantieren: Weder General Manager Werner Kuhn noch ich haben irgendjemandem, der bei Rapid sponsern wollte, keinen Termin gegeben.
Trotzdem hat Rapid vom Umfang her nicht die Sponsoren, die Sie gerne hätten. Was sagt das über den österreichischen Fußball?
Es gibt leider sehr wenige Unternehmen, bei denen auch die Konzernverantwortung in Österreich liegt. Außerdem sponsern viele Unternehmen lieber anderswo, weil sie ihre Interessen dort offensichtlich besser wahrnehmen können. Denn niemand schenkt Ihnen Geld. Es kann ja kein Direktor eines großen Unternehmens herkommen und sagen: „Weil es mich jetzt freut, bekommt Rapid eine Mille.“ Der muss in seinen Organen nachweisen, was ihm diese Million bringt.
Jetzt hat es zwei Geschäftspartner in Ihrer Amtszeit gegeben, die öffentlich nicht so gut weggekommen sind. Der eine hieß Jasmin.
Wer?
Jasmin Raw Materials, können Sie sich nicht mehr erinnern? Das ist nichts geworden.
Das war ein Hochstapler. Aber Sie müssen ja mit jedem reden, sonst steht in der Zeitung: „Rapid hat einen Sponsor vertrieben.“ Ich habe in meiner Amtszeit bestimmt mit fünf ähnlichen Typen geredet, und der Werner wahrscheinlich mit zehn. Vielleicht schreibe ich sogar einmal ein Buch über diese Leute, nur über diese schrulligen Figuren, denen wir begegnet sind.
Dann war da die EADS.
Das war etwas völlig anderes. Der Versuch bestimmter politischer Kreise, das als eine politische Bestechung darzustellen, ist absurd. Welches Unternehmen besticht denn einen zurückgetretenen Finanzminister, dessen Freunde in der Opposition sitzen und gegen das Flugzeug sind? Die EADS hatte folgende Überlegungen angestellt: „Wir werden in den nächsten Jahren in Österreich stärker engagiert sein, wollen im Sport- und Kulturbereich etwas tun und glauben, dass Rapid dort der beste Werbeträger ist.“ Wir haben von Anfang an dargestellt, dass wir für den Eurofighter keine Werbung machen. Aber die EADS produziert ja zu 80 Prozent zivile Güter. Wir haben damals über ein Jahr die Ärmel frei gehabt, weil sich die Firma nicht einigen konnte, ob sie Airbus oder Eurocopter bewerben will. Sie sind dann zum Schluss gekommen, dass sie überhaupt lieber Jugendförderung machen und das in adäquater Weise vermarkten. Das war’s.
Wie viele Sponsoren gibt es momentan, die Teile des Trikots gekauft haben, aber nicht zu sehen sind? Das ist doch gegen jegliche Logik.
Keinen. Wenn Sie auf die EADS anspielen, das habe ich auch dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss gesagt: Nach dem Motiv muss man die EADS fragen.
Sie hatten also nie den Gedanken, dass die EADS durch ihr Sponsoring Stimmung bei der SPÖ machen wollte?
Die Motive der EADS kenne ich nicht, aber es ist nie eine politische Intervention an uns herangetragen worden. Wir wären auch die Falschen gewesen. Ich habe in den zwölf Jahren meiner Tätigkeit nie auch nur einen Euro genommen, der nicht offiziell bezahlt wurde. Ich bin nie vor einem Strafrichter gestanden. Glauben Sie, ich werde am Ende meines Lebens wegen eines Fußballvereins vor dem Strafrichter stehen? Ich habe doch keinen Vogel.
Machen wir einen Themenwechsel. Ein Bild von Ihnen ist stark in Erinnerung geblieben: wie Sie nach dem Platzsturm im Mai 2011 im Hanappi-Stadion sitzen. Sie wirkten damals sehr zerstört.
Nein, nicht zerstört, enttäuscht.
Haben Sie an Rücktritt gedacht?
Nein, der vorherrschende Gedanke war: Das müssen wir bewältigen. Dass das dem Verein imagemäßig schwer geschadet hat, brauchen wir nicht diskutieren. Ich sage das selten öffentlich, weil das leicht falsch interpretiert werden kann, aber bestimmte Verhaltensweisen sind kontraproduktiv bei der Sponsorensuche. Da gehört der Platzsturm dazu, da gehören Sprechchöre dazu, die alles andere als leiwand sind, zum Beispiel „Sowieso, du Sohn einer Hure“. Das sind keine Sachen, mit denen sich eine Firma gerne schmückt. Uns wird immer wieder gesagt: „Könnt ihr das nicht in Ordnung bringen?“
Sie haben Rapid bewusst gegen Stronach und Mateschitz positioniert. Hütteldorf als Widerstandsnest, Fußball ein bisschen von unten. Die Sprüche aus der Kurve wurden auf die T-Shirts im Fanshop gedruckt, auf der Website sind die Bilder der Choreografien zu sehen. Und gleichzeitig hätten Sie lieber eine andere Stimmung?
Das sage ich nicht. Ich habe nichts gegen die Atmosphäre im Stadion. Nur gegen gewisse Auswüchse dieser Situation. Was Anfeuerung der Mannschaft, was Choreografien zu tun haben mit dem Spruch „Sowieso, du Sohn einer Hure“, müssen Sie mir erklären. Ich habe mich bei zwei Müttern schriftlich entschuldigen müssen. Das war mir ein Anliegen, weil ich die Frauen kannte. Oder ein Transparent mit der Aufschrift „All Cops Are Bastards“, was hat das mit Fankultur zu tun?
Kann man sich das aussuchen? Bei Rapid gibt es eine kritische Fankultur, die über Klubservice-Leiter Andy Marek in den Verein eingebunden war. Hat man sich damit nicht auch gewisse Sprüche und Transparente eingekauft?
Ich hätte ganz gerne gewusst, wieso man Gegner auf ordinärste Art beschimpft und meint, das gehöre zur Fankultur. Was ist das für eine Kultur? Stellen Sie sich vor, ich würde zu einem hingehen, der gerade schreit: „Sowieso, du Sohn einer Hure“, und sagen: „Du bist doch auch der Sohn einer Hure.“ Was, glauben Sie, macht der mit mir? Der haut mir eine in die Goschn, dass ich mich einmauere. Ich versteh’s nicht. Wenn ich mit Leuten aus der Szene rede, meinen sie immer: „Na ja, das muss man ja nicht auf die Waagschale legen.“ Das tue ich eh nicht, ich stelle nur fest, dass uns so etwas auch wirtschaftlich schadet.
Sie könnten ja ähnliche Maßnahmen treffen wie bei der Austria: eine Kleiderordnung oder das Verbot gewisser Transparente.
Das ist genau das, was ich nicht will. Ich will so etwas wie eine Selbstreinigung erreichen. Ich habe nie eine Maßnahme gegen irgendein Transparent verordnet. Ich bin auch schon beschimpft worden, das muss man aushalten. Nur wenn es eine Nazigruppe bei Rapid gäbe, würde ich mit absoluter Strenge dagegen vorgehen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Es hat schon länger kein Rapid-Spiel stattgefunden, bei dem nicht der Rücktritt des Vorstands, speziell von General Manager Werner Kuhn und Sportmanager Stefan Ebner, gefordert worden ist.
Die Proteste sind eine Meinungsäußerung, die ich zur Kenntnis nehme. Wenn eine Fangruppe mit mir reden will, kann sie das jederzeit. Ich habe für die nächste Zeit wieder Gespräche vereinbart. Mindestens dreimal im Jahr gibt es ein Treffen mit den Vorsitzenden der Fanklubs. Ich gehe dort immer hin. Aber ich kann mich doch nicht vor eine Tribüne mit 3.000 Leuten stellen, wie soll das funktionieren? Nicht einmal die alten Griechen in der Polis haben das zusammengebracht.
Unter den Rapid-Fans kann sich kaum jemand an eine schlechtere Stimmung erinnern als die jetzige. Können Sie das nachvollziehen?
Wir spielen natürlich nicht so, wie es die Fans gerne hätten, auch nicht, wie ich es gerne hätte. Gar keine Frage. Es ist ein Frust da, der sich schon länger aufgestaut hat. Die erste Eruption war der Platzsturm, und seither hat es sich nicht mehr beruhigt. Vielleicht erwarten einige nach der langen Amtszeit des jetzigen Präsidiums eine Veränderung. Die wird auch im Herbst stattfinden. Für viele, die heute mit 20 Jahren auf der Westtribüne stehen, ist das jetzige Präsidium so ein Fixpunkt wie das Hanappi-Stadion. Sie kennen schlicht kein anderes.
Apropos Hanappi-Stadion. Bewegt sich da noch etwas vor dem Ende Ihrer Amtszeit?
Wir müssen im Sommer zu einer Entscheidung kommen. Der Wiener Gemeinderat hat im November 2011 beschlossen, einen Betrag von 17,7 Millionen Euro für die Renovierung und Erweiterung des Stadions zur Verfügung zu stellen. Die Firma FCB ist zu dem Schluss gekommen, dass alleine die Renovierung über 20 Millionen Euro kosten würde. Was bedeuten würde, dass wir ein sehr schönes Stadion hätten, aber die Struktur gleich bleibt. Und die entspricht einer Sportplatzphilosophie der 1960er und 1970er Jahre. Jede Erweiterung würde fast so viel kosten wie ein Neubau.
Wie werden Sie sich entscheiden?
In den letzten Jahren sind in Deutschland verschiedene Stadien mit einem Fassungsvermögen von rund 30.000 Plätzen gebaut worden. Zum Beispiel in Mainz, Augsburg, Dresden und Aachen, mit einem Kostenvolumen von 40 bis 50 Millionen Euro. Wir haben die Arbeit an der Sanierung einmal unterbrochen, denn dafür findet man keine private Kofinanzierung. Bei einem Neubau könnte man jemanden für zusätzliche Mittel finden, zum Beispiel als Namensgeber. Jetzt haben wir die Firmen, die in Deutschland bei den Stadien tätig waren, mit einer Grobkostenschätzung bis Sommer beauftragt. Danach werden wir entscheiden: Können wir das Geld aufstellen oder müssen wir auf die Sanierung zurückgreifen?
Sie haben immer gemeint, Rapid wird im Namen sponsorenfrei bleiben. Für das Stadion gilt das offenbar nicht.
Im Zusammenhang mit einem Neubau ist eine Vermarktung des Namens möglich. Und zwar in der Dimension, die wir benötigen. Ich kann das nicht um ein paar Netsch hergeben wie andere Vereine. Für mich ist das keine ideologische Frage. Was sich Bayern München erlaubt, werde ich mir doch auch erlauben können.
Sie haben 2001, am Beginn Ihrer Präsidentschaft, einen Meistertitel in den nächsten drei Jahren angekündigt. Dreieinhalb Jahre hat es gedauert. Wie wird Ihre Abschiedsrede im November lauten?
Am besten, Sie kommen hin und hören sich’s an.
Anders gefragt: Sie sind mit vielen Plänen angetreten. Wenn Sie zurückblicken: Ist das meiste davon verwirklicht worden?
Außer dem Cupsieg alles. Wir waren zweimal Meister, einmal in der Gruppenphase der Champions League, dreimal in der Gruppenphase der Europa League. In zwölf Jahren haben wir uns achtmal in Europa blicken lassen. Mehr war wahrscheinlich nicht zu erreichen. In all der Zeit hat es immer eine Mannschaft gegeben, die uns wirtschaftlich überflügelt hat. Zuerst die Austria, dann Salzburg.
Sitzen Sie nächstes Jahr wieder auf der Nordtribüne?
Nein, dort ist es mir zu heiß, wenn die Sonne scheint. Im Ernst: Ich werde mich, soweit es die Kräfte zulassen, weiter für den Verein engagieren. Ich kann gar nicht anders.