Den Anstoß zur Publikation „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz“ hatte ein Brief der ballesterer-Redaktion an Rapid-Präsident Rudolf Edlinger gegeben, in dem Rapid dafür kritisiert wurde, im Vorfeld des 110-Jahre-Jubiläumsspiels gegen Schalke 04 nicht auf die historischen Umstände des Finales um die deutsche Meisterschaft 1941 hingewiesen zu haben. Knapp zwei Jahre später präsentierte Rapid am 8. März als erster österreichischer Bundesliga- Verein die Ergebnisse aus fast eineinhalb Jahren wissenschaftlicher Recherche zur eigenen Rolle im Nationalsozialismus.
ballesterer: Wie ist die Studie nach dem Brief der ballesterer-Redaktion entstanden?
Rudolf Edlinger : Wir haben im Präsidium beschlossen, dieses Thema wissenschaftlich zu untersuchen. Da ich gleichzeitig Präsident des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) bin, habe ich die wissenschaftliche Leitung gefragt, ob sie so eine Arbeit übernehmen würden. Sie haben zugesagt und ein Offert gemacht, das Rapid akzeptiert hat. Die Erstellung der Studie hat dann ein halbes Jahr länger gedauert als geplant. Aber mir war wichtig, dass die Studie möglichst umfassend und so fundiert ist, dass nicht irgendjemand einmal sagen kann, die Ergebnisse wären geschönt.
Hat es aus dem DÖW vorher schon Anstöße gegeben, sich mit der Thematik zu beschäftigen?
An mich ist nie etwas herangetragen worden. Ein Fußballverein ist aus Sicht der gesamtgesellschaftlichen Beurteilung eher ein Nebenschauplatz. Ich sehe das als Rapid-Präsident natürlich anders, noch dazu weil sich Rapid sehr bewusst auf seine großartige Geschichte beruft. Ich bin sehr froh, dass man den Grauschleier, der über dieser sehr schlimmen Zeit lag, lüften konnte. Auch weil sehr interessante Erkenntnisse zutage getreten sind, die die Zeit vor 1938 betreffen. Ich habe zum Beispiel nicht gewusst, dass wir zwei jüdische Präsidenten hatten und der Namensgeber von Rapid, Wilhelm Goldschmidt, ebenfalls Jude war und vom NS-Regime umgebracht wurde. Das ist bei uns nicht bekannt gewesen. Ich bin froh, dass diese Fakten jetzt am Tisch liegen.
Haben Sie nie Angst gehabt, dass Rapid- Legenden angepatzt werden könnten?
Die Ereignisse sind unverrückbar. Wenn da Schlimmes herausgekommen wäre, hätten wir damit leben müssen. Aber ich freue mich natürlich darüber, dass keiner der Spieler NSDAP-Mitglied war. Ich kann mir vorstellen, dass da ein gewisser Druck ausgeübt worden ist.
Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie das Manuskript das erste Mal in Händen gehalten haben? Man ist doch neugierig, wenn man so eine Studie in Auftrag gibt …
Ich kenne aus meiner Tätigkeit beim DÖW eine Menge wissenschaftlicher Studien, in der Regel tut man sich schwer, so etwas zu lesen. Aber als ich das Manuskript bekommen habe, habe ich um vier am Nachmittag zu lesen angefangen und in einem Zug bis drei in der Nacht durchgelesen. Meine Frau hat geglaubt, dass ich krank bin, weil ich nicht ins Bett gekommen bin. Es ist so spannend geschrieben, dass man nicht zu lesen aufhören will. Ich habe schon mit einigen Leuten gesprochen, die das Buch gekauft haben – es sind ja schon 1.000 Stück verkauft, was für eine wissenschaftliche Arbeit sensationell ist –, und jeder bestätigt mir diesen Eindruck. Ich bin den Autoren sehr dankbar dafür, weil ein Buch zu diesem Thema jeder lesen können muss. So beschäftigen sich vielleicht Leute im Konnex mit dem Verein, den sie als Fan lieben, auch mit einem Abriss des barbarischen Nazi-Regimes.
Können Sie sich als Jahrgang 1940 erinnern, wie nach dem Krieg von Älteren über Rapid in der NS-Zeit geredet wurde?
Ich habe die weit verbreiteten Mythen auch geglaubt, zum Beispiel, dass die Rapid-Spieler einrücken mussten, weil sie Schalke geschlagen haben. Wir wissen heute, dass das falsch ist. Ich habe es auch als Funktionär nicht als Mangel empfunden, dass es diese Untersuchung nicht gegeben hat. Ich bin aber durchaus dankbar, dass ich darauf aufmerksam gemacht worden bin, und froh, dass man jenen, die diesen Erfolg damals erspielt haben, nicht irgendwelche politischen Schweinereien nachsagen kann. Daher wird der sportliche Erfolg unter Hinweis auf die politischen Rahmenbedingungen dargestellt werden und so im Bewusstsein bleiben. Vielleicht führt das dazu, dass der eine oder andere feststellt, dass manche Entwicklungen im gesellschaftspolitischen Bereich auch im Jahr 2011 nicht unproblematisch sind.
Was kann man noch tun, um die Erkenntnisse aus der Studie zu vermitteln?
Wenn wir eine Tribüne nach einem der Opfer – etwa nach Goldschmidt oder dem ebenfalls ermordeten Linksaußen Fritz Dünmann – benennen würden, müssten wir die Diskussion führen, warum die Tribüne nicht nach einem anderen Spieler benannt wird, der den Stadiongehern viel näher ist. Solche Diskussionen würden der Sache nicht guttun. Auch im ehrfurchtsvollen Gedenken muss man ein bestimmtes Maß gehen, das von der Mehrheit der Leute verstanden wird.
Die Nordtribüne ist die OMV-Familientribüne.
Das ist etwas anderes, die zahlen dafür. Aber die heißt offiziell nicht so. Da gibt es zum Beispiel Klubs in Wien, die nennen ein ganzes Stadion plötzlich nach einer Versicherung, und keiner echauffiert sich. Das werden wir nicht tun. Dieser Epoche wird sicher in würdiger Weise gedacht. Wir werden dem Thema in unserem Museum, das wir im Sommer eröffnen, auch dementsprechend Raum geben. Das ist den Gestaltern ein Bedürfnis, und ich wünsche mir das auch.
Ich würde mir eigentlich wünschen, dass die Studienergebnisse einmal so weit wirken, dass niemand mehr gegnerische Spieler als Juden beschimpfen kann, weil man sagen muss: „Wir haben ja auch welche gehabt.“ Wie kann man das vermitteln?
Das ist sehr schwierig. Es gibt Leute, die so etwas überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen, sonst würden in Wien nicht 25 Prozent die FPÖ wählen, und in Ungarn haben wir eine Rechtsregierung, die von Faschisten unterstützt wird. Mit Rapid versuchen wir permanent, gegen Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus aufzutreten. In der Zwischenzeit sind wir auch nicht mehr als der Verein verschrien, der rechtsradikale Umtriebe beherbergt. Das wollen auch die Fanklubs nicht. Das sind Einzelpersonen, das wird man nie verhindern können. Wenn mir jemand von solchen Vorkommnissen erzählt, ist meine Gegenfrage: „Was haben Sie dagegen gemacht?“
Sie haben bei der Buchpräsentation gesagt, dass sich Rapid dieser Zeit nicht schämen muss, weil kein Spieler bei der NSDAP war. Bei den Funktionären hat es allerdings ganz anders ausgesehen.
Der eine oder andere war sicher ein Nazi, und Opportunisten hat es auch gegeben, überhaupt keine Frage. Die meisten Funktionäre, die bleiben konnten, wollten vermutlich sicherstellen, dass der Verein spielen kann. Man hat sich den Polizeihäuptling von Wien hereingeholt, der ein Obernazi war, damit man in Berlin sagen kann: „Schaut her, wir sind eh auf Linie.“
Zusammenfassend, was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Buch?
Dass manche Geschichten, die nach dem Krieg von irgendeinem Journalisten geschrieben und nachher von anderen immer wieder abgeschrieben worden sind, nicht der Wahrheit entsprechen. Diesen Mythos, dass die Rapid-Mannschaft nach dem Sieg gegen Schalke einrücken musste, habe ich so zum Beispiel schon in circa 17 Büchern gelesen. Sehr positiv finde ich, dass die Mannschaft sich nicht in eine Mitgliedschaft in die NSDAP geflüchtet hat. Neu war für mich, dass wir jüdische Präsidenten und auch gar nicht so wenige jüdische Spieler hatten. Das hat kein Mensch gewusst. Die wichtigste Erkenntnis ist also, dass gewisse Stereotype einfach falsch sind. Das ist schon sehr viel.