Wien, 19. Bezirk, Klabundgasse 11, Stadion Hohe Warte: 14 Fußballerinnen in blauen Trikots und schwarzen Hosen trudeln auf dem Rasen ein. Es ist kurz nach 19 Uhr, das Wetter ist angenehm an diesem Juliabend, keine Hitze, kein Regen. Für die Vienna ist es nicht irgendein Trainingstag. Es ist der erste nach der Sommerpause und der erste als Erstligist.
Eigentlich sollte das Team schon 2020 aufsteigen. Die Vienna lag nach zehn von 20 geplanten Runden mit vier Punkten Vorsprung vorn. Aber dann kamen Corona und der Abbruch des Spielbetriebs. Es blieb nichts übrig, als es noch einmal zu versuchen. Wegen der Pandemie wurde die Saison erneut unterbrochen – aber diesmal fertiggespielt. Auch dank starker Neuerwerbungen gelang der Aufstieg auf eindrucksvolle Weise. 17 Siege aus 18 Spielen und ein Torverhältnis von 81:8 standen am Ende zu Buche. „Wir waren unterfordert“, sagt Trainer Aschot Movsesian. Dem Extrajahr in der zweiten Liga kann er nichts Positives abgewinnen. Der 38-Jährige ist seit 2014 bei der Vienna, seit 2017 trainiert er die Frauen und ist in dieser Zeit zweimal aufgestiegen.
100 Prozent
Nina Burger ist seit einem Jahr bei der Vienna als sportliche Leiterin der Frauensektion tätig. Zum Aufstieg hat die Rekordteamspielerin zwei Tore in fünf Partien beigetragen. Die Fußballschuhe hat sie mittlerweile aber an den Nagel gehängt. Der Job der Sportchefin sei intensiv, sagt sie. In den ersten drei Monaten hat sie daneben auch noch im Innenministerium gearbeitet, ehe sie sich dort karenzieren ließ. „Ich habe gemerkt, dass es extrem zeitaufwendig ist, wenn man es wirklich gut machen will. Und ich will nicht eine Sache nur zu 80 Prozent machen.“ Burgers Aufgabengebiet ist umfangreich. Alles kann sie gar nicht aufzählen. „Es passieren so viele Dinge parallel.“ Die 33-Jährige hat Budgetverantwortung, muss den Kader zusammenstellen, Trainerinnen und Trainer finden.
Auf dem Rasen ist die Stimmung gut, trotz Liegestütz und anderer anstrengender Übungen. Drüben auf der Naturtribüne prangen drei große gelbe Ziffern: 125. Mittlerweile ist der älteste Fußballverein Österreichs 127 Jahre alt. Doch 2017 wäre fast Schluss gewesen. Die Vienna war insolvent. Ein Konkurs konnte verhindert werden. Und dann kam mit der Uniqa ein neuer Hauptsponsor. Seither geht es wieder aufwärts. Die Männer sind 2019 in die Stadtliga und heuer in die Regionalliga aufgestiegen. Der Sponsor ist auch ein Glücksfall für die Frauen. Uniqa-Vorstand und Vienna-Vizepräsident Kurt Svoboda habe, laut Burger, sehr überzeugend vermittelt, dass der Frauenfußball eine wichtige Position bei der Vienna einnehme. „Und so ist es auch.“ Wenn es nach Nina Burger geht, ist die Vienna in drei, vier Jahren ein Spitzenverein. In Döbling schmiedet man große Pläne, es gibt viele Ideen. Für die Männer, für die Frauen, für den Nachwuchs, die Fans. „Es ist ein Miteinander“, sagt die sportliche Leiterin.
Verletzungspech
Die Vienna will kein Aufsteiger sein, der um den Klassenerhalt kämpft. „Wir wollen den Topteams Paroli bieten und ihnen Punkte abnehmen“, sagt Burger. Am Ende soll ein Platz im Mittelfeld herausschauen. Trainer Movsesian will, dass sich die Vienna „spielerisch einen Namen macht und ihren Spielstil durchbringt“. Auch wenn das nicht immer einfach sein werde. Am wenigsten gegen den SKN Sankt Pölten. Der Serienmeister freut sich auf die neue Konkurrenz aus Wien. „Jeder, der uns fordert, ist eine Bereicherung für die Liga“, sagt Vereinspräsident Wilfried Schmaus. Sankt Pölten ist mit 17 angestellten Fußballerinnen der einzige Profiverein der Liga. Bei der Vienna erhalten die Spielerinnen, wie bei den meisten anderen Klubs, Aufwandsentschädigungen. Wie hoch die sind, wird nicht verraten. Das Jahresbudget ist laut Burger deutlich niedriger als die halbe Million Euro bei Sankt Pölten und jenes der Vienna-Männer, „aber hoch genug, um die Ziele damit erreichen zu können“.
Während aus den Lautsprechern des nahen Döblinger Bads „Badeschluss, es is vorbei“ von „5/8erl in Ehr’n“ erklingt, ist das Training auf der Hohen Warte noch nicht vorbei. Nach 45 Minuten wird mit Ball geübt. Sophie Neid gelingt dabei nicht alles, aber man merkt ihr den Ehrgeiz an. Die 31-Jährige ist nach zwei Jahren Baby und Verletzungspause wieder dabei. Sie kämpft darum, es in das erste Team zu schaffen.
Besijana Pireci trainiert nicht mit. Sie sitzt auf der Bank, zwei Krücken neben sich. Die 21-Jährige ist eine von mehreren angeschlagenen Spielerinnen, sie hat es mit einer Knorpelfraktur am schlimmsten erwischt. Pireci ist der Topneuzugang der Vienna, sie gilt als eine der besten Stürmerinnen Österreichs. Nina Burger hat sie überzeugt, vom Vizemeister Austria nach Döbling zu wechseln. „Ich sehe Riesenpotenzial in der Mannschaft“, sagt Pireci. Sie hofft, ab Ende September im blau-gelben Dress aufzulaufen.
Das Bundesliga-Team der Vienna besteht aus einer ausgewogenen Mischung von jungen und erfahrenen Spielerinnen. Aktuell stellt der Klub drei Frauen und drei Mädchenteams. Auf die Nachwuchsarbeit wird großer Wert gelegt. Das erste Team trägt die Heimspiele auf der Hohen Warte aus. Burger war das wichtig. 800 Leute kamen zum letzten Zweitligaspiel, das nach einer Partie der Männer und im Rahmen der Feiern zum 100. Jubiläum der Hohen Warte ausgetragen wurde. Für den heimischen Frauenfußball ist das eine absurd hohe Zahl. Der Schnitt in der ersten Liga liegt etwa bei 100. Burger hofft in der kommenden Saison auf 300 bis 400 Fans pro Heimspiel. Gegen die Austria sollen es mehr sein. Erstmals seit 2015 gibt es wieder zwei Erstligisten aus der Bundeshauptstadt. „Wir freuen uns auf das Derby“, sagt Burger.
Nach 90 Minuten ist die Trainingseinheit vorbei. Es war nicht irgendeine Trainingseinheit. Schon gar nicht für Sophie Neid. Die Flügelspielerin spielt seit acht Jahren bei der Vienna, jetzt will sie es auch in der Bundesliga noch einmal wissen. „Der Verein bedeutet mir alles. Er ist meine zweite Heimat.“