Fußballstadt Europas – das war in den 1920er Jahren keine absurde Bezeichnung für Wien. Als der Feuilletonist Emil Reich im Herbst 1924 der Stadt im Neuen Wiener Journal diesen Titel verlieh, konnte er einiges an Evidenz liefern. Keine andere Metropole auf dem europäischen Festland verfüge etwa über eine größere Anzahl an Klubs oder höhere Zuschauerzahlen. „Wo noch interessiert sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung für den Ausgang der Wettspiele, sodass man in den Abendstunden auf der Straße, in der Elektrischen, in den Gast- und Kaffeehäusern, im Kino und fast jeden zweiten Menschen von den Ergebnissen der Meisterschaftsspiele und von den Aussichten der Klubs in den nächsten Kämpfen sprechen hört?“
Es waren die Boomjahre der kommerziellen Massenkultur, die nach den Entbehrungen des Ersten Weltkriegs und befeuert durch ökonomische Spekulationen der frühen 1920er Jahre speziell die männliche Bevölkerung in ihren Bann zog. Der Sportplatzbesuch und der aktive Sport waren ein Zeitphänomen, wie es der Sportjournalist Willy Meisl 1928 nannte: „Der Leib war der Schlager der Stunde“, schrieb Meisl, selbst erfolgreicher Allroundsportler, Trainer und Bruder von „Wunderteam“-Verbandskapitän Hugo Meisl. „Viele, die jahrelang in Stuben, Lazaretten oder Schützengräben gelegen hatten, erkannten vielleicht zum ersten Male, wie schön die Sonne schien, sie spürten im krassen Kontraste besonders kräftig, was Luft und Leben, Wasser und Sichbewegen bedeutet, bedeuten kann, sie fühlten: Freiheit.“
Rotes Wien, bürgerlicher Fußball
Politisch fand die neue Freiheit ihren Ausdruck im Roten Wien – seit 1919 regierte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei mit absoluter Mehrheit. Die Stadt war Zentrum einer stolzen Arbeiterkultur, zu der nun auch der Fußball beitrug. In institutioneller und ideologischer Hinsicht gab es dabei eine Reihe von Konflikten, nicht zuletzt um den Profisport, der 1924 vom Wiener Verband anerkannt worden war, den die Sozialdemokraten aber als Inbegriff kapitalistischen Spektakels ablehnten. 1926 kam es zur Verbandsspaltung: Nachdem die Vertreter des sozialdemokratischen Arbeitersports die Mehrheit in den Gremien erlangt hatten, gründeten die großen Wiener Vereine den Allgemeinen Österreichischen Fußball-Bund – den heutigen ÖFB – und den Allgemeinen Wiener Fußball-Verband, der die Meisterschaft in Wien ausrichtete. Dem stand der Verband der Amateur-Fußballvereine Österreichs (VAFÖ) gegenüber, als ursprünglicher Rechtsnachfolger des alten Österreichischen Fußball-Verbands. Die VAFÖ-Vereine boykottierten den bürgerlichen Sport und traten in eigenen Bewerben an – ihr Höhepunkt war die 2. Arbeiter-Sport Olympiade 1931 in Wien. Deren Fußballturnier gewann die österreichische Auswahl im neu eröffneten Praterstadion gegen die deutschen Arbeitersportler.
Ein Jahr später feierte der bürgerliche Fußball Wiens sein Jahrhundertspiel, als das ÖFB-Team am 7. Dezember 1932 an der Londoner Stamford Bridge gegen England antrat. In Wien wurde die Erwartung auf das Match durch die Sportpresse, Sonderseiten der Tageszeitungen und Radioberichte befeuert. Die Liveübertragung per Unterwasserkabel, unter anderem auf den Heldenplatz, galt als Sensation. Das 14 Spiele lang ungeschlagene „Wunderteam“ unterlag den daheim unbesiegten Engländern nur knapp, und die 3:4-Niederlage wurde als Beweis der Wiener Spielkunst gefeiert. Die Zeitungen berichteten von Kolonnen Wiener Schlachtenbummler, die trotz Wirtschaftskrise nach England gereist waren. Auch das Rote Wien konnte sich dem Hype nicht ganz entziehen. Das sozialdemokratische Kleine Blatt schrieb über die Heldentat von fünf Wiener Fußballfanatikern, die zu Fuß nach London gelangt waren und dafür 98 Tage gebraucht hatten. Selbst Parteichef Otto Bauer lobte das Team in einer Parlamentsrede – sehr zum Missfallen der Arbeitersportfunktionäre. Im Theorieorgan Der Kampf verfasste der Bundessekretär des Arbeiterbunds für Sport und Körperkultur (ASKÖ), Hans Gastgeb, eine beißende Polemik gegen die Kurzsichtigkeit, beim „nationalistischen Schwindel“ mitgespielt und damit die eigene Sportbewegung diskreditiert zu haben.
Wiener Widersprüche
Im Fall des „Wunderteams“ und seiner Protagonisten löste sich so mancher Widerspruch auf. So war etwa Verbandskapitän Meisl einer der prominentesten Mieter des Karl-Marx-Hofs, dem 1930 in der Nähe der Hohen Warte eröffneten Aushängeschild des sozialdemokratischen Wohnbaus. Meisls Spieler stammten großteils aus proletarischen Familien. Nach dem gescheiterten Arbeiteraufstand im Februar 1934 und der gewaltsamen Niederschlagung des Roten Wien gab es Stimmen in der austrofaschistischen Verwaltung, die etwa in Hinblick auf die Rapid-Spieler auf die amtsbekannte Zugehörigkeit zur aufgelösten sozialdemokratischen Partei hinwiesen. „Wunderteam“-Ikone Matthias Sindelar bewahrte bis zu seinem Tod den Bericht der Jahresversammlung des VAFÖ vom 3. Februar 1934 auf.
Der Fußball stand für Klassenbewusstsein, er überwand aber auch die Klassengrenzen und – gegen starken Widerstand – sogar jene der Geschlechter. Als die sozialdemokratische Konsumgenossenschaft 1933 Fußballteams für Mädchen ins Leben rufen wollte, wurde das vom Obmann des ASKÖ, Julius Deutsch, noch brüsk abgelehnt. Dieser Sport sei für die Konstitution von Mädchen nicht tauglich. Darin traf er sich mit seinen bürgerlichen Gegnern, denn auch der ÖFB stand Fußballerinnen ablehnend gegenüber. Dennoch etablierte sich in Wien von 1936 bis 1938 eine eigene Liga, deren Obfrau, die Kaufhausbesitzerin Ella Zirner-Zwieback, eine prominente Figur des öffentlichen Lebens war.
Im Wiener Fußball nach 1918 gab es eine Reihe solcher Widersprüche. So verfügte fast jeder Bezirk über einen oder mehrere Klubs, die gemeinsam den Ligabetrieb bestritten. Kulturell-topografische Differenzen, die durch die Sportmedien verstärkt und manchmal kreiert wurden, bestimmten die Rivalitäten. Besonders prominent war die Gegenüberstellung von Vorstadtvereinen, zum Beispiel des Hütteldorfer SK Rapid und der Floridsdorfer Admira, und sogenannten Cityklubs, allen voran die Amateure, die spätere Austria. Ihnen wurden entweder Kraft oder Eleganz, Bodenständigkeit oder Internationalität zugeschrieben – Letzteres ließ sich im antisemitischen Kontext der Zeit auch als Gegensatz von nichtjüdisch und jüdisch verstehen. Diese Abgrenzung verstärkte Stereotype, aber sie bildete die Realität nicht ab. Fast alle Vorstadtvereine hatten auch jüdische Funktionäre, bis zur Shoah waren rund zehn Prozent der Bevölkerung Wiens jüdisch.
Jüdische Stärke
Sein sichtbares Aushängeschild hatte das jüdische Wien im SC Hakoah, dessen Fußballsektion 1925 die erste Profimeisterschaft gewann. Der zionistische Verein wurde damit zum Symbol jüdischer Stärke, der Erfolg in der „hakenkreuzverseuchten“ Stadt, wie es im Bericht der nationaljüdischen Wiener Morgenzeitung hieß, schien besonders hart erkämpft. Antisemitische Ausfälle auf den Fußballplätzen waren keine Seltenheit. Wie andere Ausschreitungen hatten sie ihren Ausgang meist in Ereignissen auf dem Feld, gerade bei Spielen der Hakoah unterschied sich ihre Interpretation aber je nach politischem Standpunkt.
Das Meisterteam der Hakoah nützte seine Popularität zu ausgedehnten Tourneen in die USA und nach Osteuropa. Solche Gastspiele waren im Wiener Fußball üblich und eine wichtige Einnahmequelle der Klubs. Die so entstehenden Netzwerke machten die Vereine international erfolgreich und bekannt – das Pyramidenspielsystem des Donaufußballs entwickelte sich im Austausch zwischen Wien, Budapest und Prag. Ausdruck und zugleich Motor dieser Netzwerke war nicht zuletzt der Mitropa-Cup, der Bewerb für die besten Klubs aus Zentraleuropa, der 1927 auf Initiative von Rapid-Präsident Hans Fischer, Hugo Meisl und anderen entstand. Die Rivalität zwischen den Nachfolgestaaten der Monarchie, aber auch mit dem ehemaligen Kriegsgegner Italien sorgte für volle Ränge und spektakuläre Spiele.
Die Stadtmeisterschaft
Dass der Meister aus Wien gleichzeitig als österreichischer Fußballmeister galt, war in der Stadt weitgehend unhinterfragt. Diskussionen über eine Einbindung der Provinz gab es dennoch ab den späten 1920er Jahren. 1929 brachte der Steirische Fußballverband im ÖFB den Antrag ein, die „Meisterschaft 1929/30 so zu organisieren, dass jedem Verein in Österreich die Möglichkeit geboten ist, gleichgültig ob Verein mit oder ohne Berufsspieler, Meister von Österreich werden zu können“.
Der ÖFB gründete stattdessen jedoch nur eine bundesweite Amateurmeisterschaft. Ein Finalspiel zwischen dem Profimeister und dem Amateurmeister wurde von den Profivereinen abgelehnt, zu deutlich schien der sportliche Klassenunterschied, zu fraglich der wirtschaftliche Nutzen.
1930 stellte der Steirische Verband den Antrag zur Einführung eines Cups, an dem neben den Wiener Profis auch Bundesländerklubs teilnehmen sollten – ab 1935 wurden Vereine aus Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark zugelassen. Vermutlich auf Druck der austrofaschistischen Sportbürokratie plante ein Reformkomitee des ÖFB die Einführung einer Nationalliga ab der Saison 1937/38. Ihr sollten die neun bestplatzierten Vereine der obersten Wiener Klasse angehören, dazu ein zwischen den zweiten Wiener Ligen und dem steirischen Meister ermittelter Klub. Bei der einzigen Austragung dieser Relegation konnte sich der SK Sturm nicht durchsetzen. Der Wiener Fußball war sportlich noch zu überlegen, die Grazer landeten hinter Simmering und Helfort auf dem letzten Rang.