In Frankreich sind Platzstürme fast schon alltäglich geworden. Im August wurde die Partie zwischen dem OGC Nizza und Olympique Marseille abgebrochen, nachdem Nizza-Fans auf das Feld gelaufen waren und es zu Handgreiflichkeiten mit OM-Spielern gekommen war. Ende November wurde das Spiel von Marseille in Lyon nicht fertig gespielt, nachdem OM-Kapitän Dimitri Payet von einer Plastikflasche getroffen worden war. Dazwischen prügelten sich auch in Angers, Lens und Montpellier Fans auf dem Feld, in Saint-Etienne wurde ein Spiel um eine Stunde verschoben, weil Bengalen Teile des Rasens und das Tornetz in Brand gesteckt hatten. Die Geschehnisse gehen an Pierre Barthelemy nicht spurlos vorüber. Der Pariser Anwalt kämpft als Mitglied des landesweiten Fanverbands ANS immer wieder gegen Geisterspiele und Auswärtsfahrverbote, momentan hat er jedoch andere Sorgen. „Es kann nicht so weitergehen“, sagt Barthelemy. „Aber mit mehr Repression werden wir da nicht hinauskommen.“ballesterer: Warum kracht es seit Sommer in den französischen Stadien so oft?
Pierre Barthelemy: Viele Soziologen sagen, dass die Pandemie den Leuten Druck macht. Das Stadion ist der Ort, an dem sie ihren Stress ausleben können. Ich bin kein Soziologe, ich kann also nicht beurteilen, ob das stimmt. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir wegen der Pandemie beim Sicherheitspersonal viele fähige Leute und eingeübte Routinen verloren haben.
Was meinen Sie damit?
In Frankreich kommen Polizisten alle eineinhalb Jahre zu einer neuen Einheit. Die Beamten, die vor Corona in Stadien gearbeitet haben, sind heute also nicht mehr da. Für die Securitys gilt dasselbe. Die haben aufgrund der Geisterspiele 20 Monate lang nicht in einem Stadion gearbeitet. Das ist eine sehr prekäre Branche, die meisten haben sich in der Zwischenzeit einen anderen Job gesucht. Als dann klar war, dass im Sommer die Fans zurückkehren würden, haben die Vereine verzweifelt Ersatz gesucht. Sie haben jeden genommen, ganz egal, wie qualifiziert sie waren und ob sie Erfahrungen im Fußball gehabt haben.Hätten besser qualifizierte Securitys verhindern können, dass Leute das Feld stürmen?
Nein, wahrscheinlich nicht. Aber an den Vorfällen von Lens sieht man, was das Problem ist. Dort hat es mit Kleinigkeiten angefangen. Ein paar Gästefans haben Gegenstände in Richtung der anderen Sektoren geworfen. Da hätte man eingreifen und das unterbinden müssen. Aber weder die Polizei noch die Securitys haben irgendetwas gemacht, sie haben nur zugeschaut. In der Pause haben die Lens-Fans das dann selbst regeln wollen und sind auf den Gästeblock zugestürmt. Viele der Vorfälle seit dem Sommer sind auf diese Art eskaliert.
Auffällig ist, dass es häufig zu Auseinandersetzungen kommt, wenn Marseille spielt. Im November ist Dimitri Payet mit einer Flasche beworfen worden, in Nizza und Angers ist es auf dem Feld zu Rangeleien mit den Gästefans gekommen. Woran liegt das?
Kein Team polarisiert so wie Olympique Marseille. Es ist der meistgeliebte, aber auch der verhassteste Klub des Landes. Ganz egal, wohin OM kommt, die gegnerischen Anhänger wollen sie verlieren sehen. Gleichzeitig ist deren Fanszene etwas unübersichtlich, es gibt sechs große Fanklubs. Die Sicherheitsleute, die es ohnehin nicht mehr gewohnt sind, mit Fans zu arbeiten, sind bei Marseille-Spielen dann oft komplett überfordert.
Lyon ist nach dem Flaschenwurf zu zwei Geisterspielen verurteilt worden. Ist das ein übliches Strafmaß?
Ja, die Liga und der Verband sprechen solche Sperren sehr oft aus. In Frankreich werden immer noch viele Kollektivstrafen verhängt, Einzelpersonen seltener belangt. In den fünf Jahren vor der Pandemie hat es jeweils weniger als 200 Stadionverbote gegeben, aber fast 70 Stadion- oder Sektorsperren. Das liegt daran, dass die Behörden der Liga und dem Verband die Verantwortung zuschieben. Sie sagen dann Sachen wie: „Wir wollen uns nicht auch noch um Fans kümmern, sonst haben wir keine Zeit für Mörder.“ Deshalb sind Polizei und Gerichte froh über Kollektivstrafen, sie müssen dann keine einzelnen Täter ermitteln.
Im internationalen Vergleich sind das wenige Stadionverbote. Woher kommt das?
In Frankreich haben weder der Verband noch die Liga die Möglichkeit, welche auszusprechen. Gerichte können Stadionverbote verhängen, sie sind dann Teil eines strafrechtlichen Urteils. Die Betroffenen dürfen damit nicht nur nicht ins Stadion, sondern sie müssen sich auch während der Spiele bei der lokalen Polizeiwache melden. Das heißt, sie können während der Saison nur schwer auf Urlaub fahren. Das kann bis zu fünf Jahre gelten. Dann gibt es die Stadionverbote der lokalen Behörden, die präventiv und auf bis zu drei Jahre ausgesprochen werden können.
Gibt es nun Rufe, die Strafen zu verschärfen?
Nein, das ist das Verwunderliche. Es gibt wie immer einige rechte Zeitungen und Politiker, die ein härteres Durchgreifen fordern. Aber zum ersten Mal in der Geschichte des französischen Fußballs lassen sich der Verband und die Liga nicht vor diesen Karren spannen. Sie sagen, dass wir nur mit einem verstärkten Dialog aus der Krise kommen.
Woran liegt das?
Das ist schwer zu sagen. Vielleicht liegt es an der Stelle, die 2016 im Sportministerium eingerichtet worden ist, um zwischen Fans, Verbänden und Vereinen zu vermitteln – nicht nur im Fußball, sondern auch im Basketball, Handball und Rugby. Die war ein großer Erfolg. Vor der Pandemie hat es einen Rückgang der Fangewalt gegeben. Die Funktionäre haben gemerkt, dass es etwas bringt, mit den Fans zu reden. Es war ein langsamer Prozess, aber den wollen sie sich jetzt nicht kaputt machen.
Ist der Dialog die Alternative zu härteren Strafen?
Ja, auf alle Fälle. Sicher gibt es Leute, die Grenzen übertreten. Es ist nicht okay, Spieler oder andere Fans mit Gegenständen zu bewerfen. Aber dafür gibt es Sanktionen, wir müssen sie nur anwenden. Mit Kollektivstrafen werden wir aus dieser Situation nicht herauskommen. Die erzeugen nur noch mehr Wut.