Sturm-Regisseur Jakob Jantscher ist in Topform, mit seiner Jugendliebe verheiratet und bewirtschaftet 3.500 Obstbäume. Zu seinem Geburtstag erzählt er, warum Geschirrspüler nach Höhenflügen wichtig sind und warum er Bruce Springsteen hört.
Mittagspause in Messendorf. Das Trainingszentrum des SK Sturm scheint ohne eine Menschenseele seinen Mittagsschlaf in der Wintersonne zu genießen. Der Schein trügt an diesem 7. Jänner, denn Jakob Jantscher führt den ballesterer auf der Suche nach einem Besprechungsraum treppauf und treppab durchs Gebäude. Alle sind sie belegt. Die Spieler und das Management der Grazer arbeiten wenige Tage nach Trainingsstart schon wieder emsig. Im Laufschritt verscheucht das Aufwärmprogramm unsere Mittagsmüdigkeit. Raumlos lassen wir uns im Sekretariat nieder und reden.
ballesterer: Alles Gute zum 33. Geburtstag. Wie werden Sie morgen feiern?
Jakob Jantscher: Wir haben zwei Trainingseinheiten am Programm, ich werde also bis zum Abend hier sein. Danach werden wir uns in der Familie zusammensetzen und gemeinsam feiern – die Tochter meiner Schwester hat einen Tag nach mir Geburtstag.
Sie sind meist in größerer Gruppe mit Familie und Freunden unterwegs. Haben Sie gerne vertraute Menschen um sich?
Jetzt war ich vor allem durch den Europacup sehr viel weg. Wenn ich dann da bin, versuche ich, viel mit meiner Familie zu erleben. Mein Sohn wird drei und meine Tochter sechs. Da können wir schon richtig viel miteinander unternehmen, diese Phase ist für Kinder extrem wichtig. Es geht so schnell, dann sind sie groß. Meine Tochter fährt im Skigebiet auf der Weinebene schon alleine mit dem Kinderlift. Die Freunde nehme ich gerne mit. So bin auch ich aufgewachsen.
Wenn ich richtig informiert bin, legen Sie in der Kabine Musik aus den 1980er und 1990er Jahren auf, insbesondere Bruce Springsteen. Dahingehend habe ich auch mein Geburtstagsgeschenk gewählt – das Buch „Renegades“ von Barack Obama und Springsteen.
Danke, jetzt habe ich im Trainingslager etwas zu lesen. Mein Papa hat mich zu Springsteen gebracht. Wir sind im Urlaub immer auf die Insel Rab gefahren. Damals hat es noch keine Autobahn nach Kroatien gegeben, auf den langen Fahrten haben wir gemeinsam seine Lieder gehört.
Das hätte ich aufgrund Ihres Alters nicht erwartet.
Ich verbinde mit dieser Musik sehr viel und kann dabei sehr gut abschalten. Leider habe ich Springsteen noch nie live gesehen. Ich muss das rasch nachholen, bevor er altersbedingt nicht mehr nach Europa kommt.
Im Buch „Renegades“ spricht er mit Obama über die Dinge, die beide geprägt haben. Was ist Ihnen wichtig?
Da fallen mir als Erstes Respekt und Offenheit ein. Ich will mich nicht nur auf eine Richtung versteifen. Sondern zuerst anhören, dann urteilen, nicht gleich Nein sagen. Vielleicht kann ich das meinen Kindern mitgeben. Auch wenn nicht alles erfolgreich verlaufen ist, habe ich im Ausland sportlich und persönlich viel gelernt.
„Wenn du einen Höhenflug erlebst, ist es hilfreich, wenn du jemanden hast, der dich daran erinnert, den Geschirrspüler auszuräumen.“
War Ihre Frau bei Ihren Auslandsstationen immer dabei?
Immer. Ich kenne sie jetzt die Hälfte meines Lebens. Sie ist eine sehr wichtige Person und hält mir den Rücken frei. Es war nicht so einfach, mit 23 Jahren vom beschaulichen Salzburg zu Dinamo nach Moskau zu wechseln. Die Stadt und das Land waren in jeder Hinsicht zig Dimensionen größer. Sportlich war die Mannschaft damals mit Klassespielern bestückt, aber ich habe mithalten können. Das hat mir Zuversicht gegeben. Als ich gekommen bin, waren wir Letzter, am Ende haben wir die Europacupränge knapp verpasst.
Hätte es eine Chance gegeben, dass Dinamo Sie fix verpflichtet?
Es war eine relativ hohe Ablösesumme vereinbart, die Dinamo nicht zahlen wollte. Ich habe damals noch zwei Jahre Restvertrag in Salzburg gehabt und war optimistisch, dort erfolgreich sein zu können. Das ist dann anders gelaufen, aber so ist das halt.
Die Saison vor Ihrem Wechsel nach Russland war Ihre bislang erfolgreichste. Was war das Erfolgsrezept?
Da hat es kein Geheimnis gegeben. Wir haben nicht den klassischen Salzburger Fußball gespielt, aber 2012 das erste Double für Red Bull geholt. Ich bin Torschützenkönig und Spieler des Jahres geworden. Ricardo Moniz war für mich wesentlich. Er hat einen Schwerpunkt auf Offensive und Technik gelegt und viele Übungen mit mir gemacht.
Wie haben Sie Ihre Nerven behalten? 2012 war auch das Jahr, in dem Ihr Vater freiwillig aus dem Leben geschieden ist.
Damals ist sehr viel auf mich eingeprasselt. Ich habe schnell erwachsen werden müssen. Der Fußball hat mir Struktur und Rhythmus gegeben und mich abgelenkt. So habe ich nicht alleine zu Hause sitzen und nachdenken müssen. Meine Mitspieler haben mir damals sehr geholfen, indem sie ganz normal mit mir umgegangen sind. So habe ich schnell zurück in mein Leben gefunden.
Es ist trotzdem außergewöhnlich, dass Sie Ihre beste Saison unter diesen Bedingungen geliefert haben.
Vielleicht war ich auch im Unterbewusstsein befreiter, weil sich der Fußball nach so einem Schicksalsschlag relativiert. Vielleicht ist es für Fußballer schwieriger, bei denen es immer nur bergauf geht. Wenn dann ein Rückschlag kommt, ist es schwieriger, damit umzugehen.
Springsteen und Obama sprechen in dem Buch auch über ihre Frauen, die sie auf den Boden der Tatsachen holen.
Wenn du einen Höhenflug erlebst, ist es hilfreich, wenn du jemanden hast, der dich daran erinnert, den Geschirrspüler auszuräumen. Meine Frau kennt mich ganz genau und weiß, wie ich drauf bin und was mir guttut. Meine Mama hat immer gesagt, ich muss die Schule fertig machen und erst dann kann ich machen, was ich will. Das war immer in meinem Kopf.
Wie war das beim Wald und der Natur, die für Sie eine große Rolle spielen?
Ich bin relativ ländlich aufgewachsen, in unmittelbarer Nähe der Schwarzl-Schotterteiche in Unterpremstätten bei Graz. Mit uns haben die Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits gewohnt. Mein Opa hat einen Wald gehabt und uns auch einen Fußballplatz gebaut. Wir waren als Kinder jeden Tag in der Natur, bis mein Papa am Abend beim Balkon hinausgepfiffen hat. Da haben wir gewusst, dass wir zum Abendessen kommen müssen.
Jetzt bauen Sie gerade ein Haus, knapp zehn Kilometer von Unterpremstätten entfernt.
Ja, ich möchte in der Gegend bleiben, aus der ich komme. Wir haben ein Grundstück gefunden, und bauen dort im ländlichen Stil mit modernen Elementen. Das Haus steht, ist aber noch eine Baustelle. Und wir haben sechs Hektar Obstbäume dazu gekauft. Die werden mich auch nach der Karriere beschäftigen. Die kannst du nicht dahinvegetieren lassen.
Hat Ihnen jemand beigebracht, wie man Obstbäume bewirtschaftet?
Der Vorbesitzer hat uns einiges gezeigt, das war ihm ein großes Anliegen. Leider ist er voriges Jahr verstorben, er war 91 Jahre alt. Aus der näheren Umgebung hilft uns ein Birnenbauer mit seinen Maschinen. Erst vor Kurzem haben wir 500 neue Bäume gesetzt. Da kannst du schon etwas verhauen, wenn du nicht weißt, was du tust. Ich muss auch ein Lob an die Gemeinde aussprechen. Dort sind alle sehr hilfsbereit. Jeder trägt etwas bei. Einmal leiht dir einer die Häckselmaschine, oder jemand bringt dir das Gras weg. Alle helfen zusammen.
Haben Sie diese alten, knorrigen Obstbäume?
Ja, die sind 40, 50 Jahre alt. Das wollen wir auch nicht zwanghaft ändern, wir erneuern nur sukzessive, wenn es notwendig ist. Mein Schwiegervater hat am Anfang alle Bäume selber geschnitten. Das sind 3.500 Birnen- und Apfelbäume, da brauchst du schon vier, fünf Monate, bis alles fertig ist.
Als Kind sind Sie von Unterpremstätten zum LUV Graz gewechselt, nicht direkt zu Sturm. Warum?
Die waren damals der zweite oder dritte Verein in Graz, aber für die Jugendarbeit bekannt. Wir waren ein guter Jahrgang.
„In Österreich gibt es für mich nur Sturm Graz.“
Mit 14 sind Sie zu Sturm gegangen, die Kartnig-Ära hat sich damals dem Ende zugeneigt. Woran erinnern Sie sich von Ihrer ersten Zeit bei Sturm?
Der Verein hat nach dem Konkurs 2006 den steirischen Weg forciert. Wir hatten 18 Kicker aus dem Bundesland im Kader. Zu denen habe ich als 17-Jähriger sofort einen Bezug aufbauen können. Wir haben erfrischenden Fußball gespielt mit vielen Talenten, die dann weit gekommen sind. Das verkörpert für mich immer noch Sturm.
Sie sind mir damals sehr unbekümmert vorgekommen.
Diese Zeit habe ich genossen. Wir waren mit dem Cupsieg 2010 auch sehr erfolgreich. Für mich hat sich damals ein Traum verwirklicht. Ich war mit fünf Jahren mit meinem Opa in der Gruabn und wollte immer im großen Stadion in Liebenau spielen. Ich bin damals auch erstmals ins Nationalteam einberufen worden.
Das Angriffsduo Jantscher und Daniel Beichler ist noch heute vielen Sturm-Fans in Erinnerung.
Wir sind immer noch Freunde. Er ist jetzt bei Salzburg als Jugendtrainer tätig. Ich habe ihn schon als Gegenspieler gekannt, bevor ich bei Sturm gespielt habe. „Beichi“ hat sich immer schon für den Übungsaufbau beim Training interessiert. Also passt der Trainerjob zu ihm. Der Typ bin ich weniger, Trainer werde ich wahrscheinlich nicht.
Sie waren immer so dünn und haben trotzdem einen präzisen harten Schuss. Woher kommt das?
Ich habe vielleicht nicht die größte Power, treffe den Ball aber sauber. Meine größte Stärke ist, dass ich beidbeinig gleich gut schießen kann. Darauf hat meine Mutter immer wert gelegt. Auch beim Baseball und beim Golf bin ich beidseitig.
Nach einer Zeit mit vielen Wechseln zwischen Salzburg, Moskau und Nimwegen sind Sie nach Luzern gekommen und dort zwei Jahre geblieben. Hat Ihnen diese Station gutgetan?
Der Kontakt ist über Teamchef Marcel Koller entstanden. Außerdem habe ich mich in Salzburg mit Christian Schwegler angefreundet, der aus Luzern kommt. Er hat mir vor meinem Wechsel viel erzählt, und wir haben dort Silvester gefeiert. Das ist ein schönes Eck auf dieser Welt. Der Vierwaldstättersee ist traumhaft. Der damalige Sportdirektor Alex Frei hat mich extrem begeistert und mir Sicherheit gegeben. Meine Verbindung nach Luzern wird immer bestehen bleiben, schließlich ist meine Tochter dort auf die Welt gekommen.
Vom Vierwaldstättersee ans Schwarze Meer zu Rizespor. War das eine große Umstellung?
Mich hat dort das Klima beeindruckt. Wir waren am Meer und hatten riesige Berge hinter uns. Im Winter hat es viel geschneit, einmal sind wir nicht mehr aus dem Trainingszentrum herausgekommen. Dieses Trainingszentrum war wie ein Hotel mit vier Stockwerken. Jeder Spieler hat sein eigenes Zimmer bewohnt. Im Sommer haben wir nach dem Training direkt schwimmen gehen können. Dahinter hat es hektarweise Teefelder gegeben.
Wie ist die Stadt Rize?
Sehr klein. Da bist du mit dem Auto in zehn Minuten durch. Die Stadt ist wenig westlich, die haben beispielsweise keinen McDonalds. Für mich war das ideal. Unsere Wohnung war direkt am Meer, da habe ich mit meinem Schwiegervater sofort fischen gehen können. Es gibt Schlimmeres. Aber dann ist die Zeit gekommen, als ich kein Geld mehr bekommen habe.
Was ist passiert?
Ich habe einen sehr guten Vertrag gehabt, das Gehalt hätte sich unabhängig von der Spielklasse jedes Jahr erhöhen sollen. Im ersten Jahr in der ersten Liga habe ich fast alles gespielt, dann sind wir abgestiegen. Sie haben mich nicht mehr gebraucht und mir so zu verstehen gegeben, dass ich gehen soll. Die ausstehenden Gelder habe ich dann über die FIFA gekriegt.
Die Sturm-Legenden kommen aktuell fast alle aus den Osim-Mannschaften. Könnten Sie eine für die jüngere Fangeneration werden?
Für mich ist es absolut denkbar, auch nach meiner Karriere bei Sturm zu bleiben. Ich habe viel Erfahrung und viele Kontakte, die ich weitergeben kann. Als ich aus der Türkei zurückgekommen bin, war für mich klar: In Österreich gibt es für mich nur Sturm Graz. Das ist der Verein, dem ich alles zu verdanken habe. Hier habe ich als Profi anfangen dürfen.
Jakob Jantscher (33) debütierte mit 18 in der Kampfmannschaft
des SK Sturm. Nach Stationen bei Red Bull Salzburg,
Dinamo Moskau, NEC Nijmegen, FC Luzern und
Caykur Rizespor kehrte er 2018 nach Graz zurück.
Im September 2021 wurde er nach fünf Jahren
Pause wieder ins Nationalteam einberufen.
Wir hoffen, dir gefällt dieser Text. Online findest du viele weitere Artikel aus unseremArchiv – kostenlos. Wir freuen uns, wenn du uns einen kleinen Beitrag spendest. Damit hilfst du uns, weiter unabhängig und kritisch zu berichten – und weiter Texte kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
2011 beginnt der Prozess gegen Hannes Kartnig, der ihm schlussendlich eine Gefängnisstrafe bescheren wird. Hohn sei fehl am Platz, kommentieren wir, allzu großes Mitleid auch. lesen