Wer an Frauenfußball in Österreich denkt, denkt heute wahrscheinlich an das Nationalteam – an Dominik Thalhammer und Irene Fuhrmann, an bekannte Spielerinnen wie Viktoria Schnaderbeck, Manuela Zinsberger und Laura Feiersinger. Kaum jemandem fällt wohl Gerhard Traxler ein. Dabei war er einer der wichtigsten Wegbereiter des Frauenfußballs in Österreich. Wahrscheinlich der wichtigste. „Er war der Mister Frauenfußball“, sagt Robert Sedlacek, Präsident des Wiener Verbands. Am 27. Dezember 2021 ist Traxler im Alter von 82 Jahren verstorben. Sein Leben war untrennbar mit dem Union SC Landhaus verbunden. Bis zuletzt war er Obmann des langlebigsten österreichischen Frauenfußballvereins. Traxler war immer da. Bei den Spielen stand er auf dem Balkon des Klubhauses – oft gemeinsam mit seiner Frau Frieda, mit der er 55 Jahre lang verheiratet war. In einer Festschrift zum 50-jährigen Klubjubiläum im Jahr 2018 bedankte sich Traxler bei ihr für die Geduld und Unterstützung. „Unser Privatleben wurde zu 75 Prozent von Fußball geprägt.“ Frieda Traxler ist bis heute Vorstandsmitglied bei Landhaus.
Vom Hand- zum Fußball
In der 53-jährigen Vereinsgeschichte hat Traxler viele Höhen und Tiefen miterlebt. Mit zwölf Titeln ist der Wiener Verein gemeinsam mit dem SV Neulengbach Rekordmeister. Finanziell aber war es oft knapp. 2018 rettete die Wiener Austria Landhaus mit einer Spielgemeinschaft. Seit der Trennung im Sommer 2021 spielt die Austria mit den besten Spielerinnen in der ersten Liga – noch immer am Landhaus-Platz in Floridsdorf. Landhaus musste als wieder eigenständiger Verein den Gang in die zweite Liga antreten. Der Abstieg muss Traxler geschmerzt haben, schließlich war er auf die fast 50-jährige Erstligazugehörigkeit besonders stolz. „Mein Bestreben war immer, dass es Landhaus weiter gibt“, sagte er vor knapp einem Jahr in einem Interview für ein bisher unveröffentlichtes Buch.
Traxler starb nur wenige Wochen nach seiner Zwillingsschwester Annemarie Leitner, die 22 Jahre lang für Landhaus gespielt hat. Sie hatte 1964 den Anstoß zur Gründung des Vereins gegeben. Die fußballbegeisterte Annemarie fragte ihren Bruder, ob man ein Frauenteam gründen könne. Und Gerhard rief den Hobbyverein Schwarz-Weiß ins Leben. Die ersten Spielerinnen waren Handballerinnen aus Annemaries Team. Weitere Spielerinnen fanden die Geschwister durch Mundpropaganda. Die Gründung fiel in eine Zeit, in der es Frauen verboten war, auf Verbandsplätzen zu spielen. „Frauenfußball war damals verpönt“, erzählte Traxler. „Wir haben nur im Ausland gespielt oder auf Plätzen, wo man keine Strafe zahlen musste.“
1968 wurde Schwarz-Weiß als Abteilung in den USC Landhaus aufgenommen, der bis dahin nur über eine Männersektion verfügte. Es ist das offizielle Gründungsjahr des Frauenteams, das nun unter dem Namen Landhaus antritt. Traxler wurde Obmann – und war anfangs auch Trainer. Im selben Jahr wurden weitere Frauenfußballsektionen und der Damenfußballverband ÖDFV gegründet, doch Landhaus trat nicht bei. Über Jahre hinweg war Traxler im Clinch mit ÖDFV-Chef Helmut Goldschmidt. Letzterer veranstaltete und vermarktete Matches mit Frauen, die spielerisch kein gutes Niveau hatten, Publikum und Zeitungen machten sich entsprechend lustig. Traxler fand das traurig. Goldschmidt, sagte er, sei es nur ums Geld gegangen.
In den Gremien
1971 wurde das Spielverbot für Frauen auf Verbandsplätzen aufgehoben. Landhaus wurde als erster Frauenfußballverein in den Wiener Verband aufgenommen. 1972 startete zum zweiten Mal nach 1936 ein Meisterschaftsbetrieb. In der zweiten Saison feierte Landhaus seinen ersten von zwölf Meistertiteln, Cupsieger wurde der Klub elfmal. Presse und Zuschauer hatten da die Lust am Frauenfußball längst wieder verloren. Die Sensationslust war gestillt. Das Interesse der Medien galt ohnehin häufig nicht dem Sport an sich. Traxler erzählte von einem Reporter, der die Spielerinnen unbedingt in der Kabine filmen wollte. „Ich habe ihn rausgeschmissen.“
Von 1972 bis 2007 war Traxler Vorstandsmitglied im Wiener Fußball-Verband. Durchaus hartnäckig habe er sich da für den Frauenfußball eingesetzt, sagt Präsident Sedlacek. Traxler, der viele Jahre in der Druckerei des Stadtschulrates gearbeitet hat, habe stets versucht, seine Ideen durchzubringen – etwa wenn es um Schulkooperationen gegangen sei. Sedlacek sagt: „Er hat gewusst, was es braucht.“
Reisen ins Ungewisse
Vielleicht hatte Traxlers Engagement auch etwas damit zu tun, dass er selbst wegen einer Herzschwäche nie Fußball spielen konnte. „Er war sehr fixiert auf den Fußball“, sagt seine Nichte Eveline Leitner, die auch zwei Jahrzehnte lang für Landhaus gespielt hat. Gerhard und Frieda Traxler hätten früher sogar die Fußballdressen mit der Straßenbahn vom 15. zum Fußballplatz in den 21. Bezirk transportiert.
Ehemalige Spielerinnen schätzten, dass der Verein schon früh vergleichsweise professionell war. Anders als andere Klubs setzte Landhaus stets auf Nachwuchsarbeit. In den 2000er Jahren wurde der USC Landhaus ein reiner Frauenverein. Traxler war stolz darauf, dass man die Fußballplätze und die Container nur den Frauen gewidmet hatte. „Der Landhaus-Platz soll ein Zentrum für Frauenfußball bleiben“, wünschte er sich.
Mit Landhaus hat Traxler viel erlebt – vor allem auf den Auslandsreisen. Der Verein wurde 1987 in die USA und nach Mexiko, 1978 nach Taiwan und 1972 nach Indonesien eingeladen. Mehrere Spiele wurden damals absolviert – eines laut Traxler vor 70.000 Zuschauern in Jakarta. Die Indonesien-Reise sei durchaus riskant gewesen, man habe nicht gewusst, ob alles so funktioniere, wie es die Agentur geplant hatte. „Heute würde ich mich das nicht mehr trauen.“ Es sei eine Reise ins Ungewisse gewesen. Das gilt irgendwie auch allgemein für Traxlers Projekt.
Von der Gründung des Klubs bis zu seinem Tod war Gerhard Traxler Obmann des USC Landhaus. Dort hinterlässt er eine große Lücke. Und Österreichs Frauenfußball verliert einen Pionier. „Ohne ihn wäre der Frauenfußball nicht da, wo er jetzt ist“, sagt Eveline Leitner. Auf der Vereinswebsite wird der Gründer mit einem Wunsch zitiert: „Dass der Frauenfußball in Österreich endlich entsprechende Anerkennung und Unterstützung erhält, wie es in anderen Ländern schon lange selbstverständlich ist.“