Das Publikum beim Ligaspiel des SK Sturm gegen die Spielvereinigung Altach/Vorderland im Trainingszentrum Messendorf ist bunt gemischt: Familien, Mitglieder der aktiven Fanszene – und Hannes Reinmayr. „Es ist beeindruckend, was sich im Verein beim Frauenfußball in den letzten Jahren getan hat, Hochachtung“, sagt der langjährige Sturm-Spieler dem ballesterer. Das sieht auch ein weiterer Zuschauer so: „Die Atmosphäre ist ein bisschen wie früher am Fußballplatz. Die Emotionen der Spielerinnen sind authentisch – die Freude am Spiel ist einfach spürbar“, sagt Heimo Mürzl aus Graz.
Zeitsprung in den August. Der SK Sturm spielt in der Champions-League-Qualifikation im Estadio Alfredo Di Stefano gegen Real Madrid. Die Grazerinnen verlieren 0:6. „Das kleine Stadion war voll, es waren alle Altersgruppen vertreten. Und auch unsere Aktionen sind fair beklatscht worden“, sagt Sturm-Kapitänin Annabel Schasching. „Man hat bei den Mädchen, die zugeschaut haben, gemerkt, dass die Spielerinnen riesige Vorbilder für sie sind.“ Der sportliche Unterschied zwischen spanischer und österreichischer Liga ist jedoch nicht zu übersehen. „Wir haben gewusst, dass wir nicht dorthin fahren, um zu gewinnen“, sagt Mario Karner, Leiter der Frauensektion. „Gegen solche Gegnerinnen merkst du, was aufs internationale Niveau noch fehlt und wo die Reise hingehen kann. Wir haben die Partie in der Analyse in Phasen unterteilt und dabei auch gute von uns gesehen.“ Beim zweiten internationalen Match gegen Tomiris-Turan aus Kasachstan ist Sturm erfolgreicher: Die Grazerinnen gewinnen 5:1.
Druck von unten
Um auch nächstes Jahr international anzutreten, gilt es, erneut eine so starke Saison zu spielen wie heuer. Die Sturm-Frauen wurden hinter dem SKN Sankt Pölten Vizemeisterinnen und erreichten das Cupfinale, Schasching wurde zur Spielerin des Jahres gekürt. „Wir wollen uns wieder oben festsetzen und wissen, dass die Ausgangssituation heuer eine andere ist“, sagt sie. Eines bleibt allerdings gleich: Favoritinnen sind die Sankt Pöltnerinnen. „Nur weil sie Serienmeisterinnen sind, heißt das nicht, dass ihr Fokus nicht gezielt genug ist“, sagt Schasching über die Konkurrentinnen. „Jede von ihnen will unbedingt wieder Meister werden.“ Sektionsleiter Karner verweist auf Entwicklungen bei den übrigen Teams. „Die Vienna und Altach schätze ich hoch ein, beide haben starke Neuzugänge geholt. Auch die Austria hat einen Schritt nach vorne gemacht und wird mitmischen wollen.“ Kurz: Die Liga ist ausgeglichener als zuvor.
Die Rolle seines Teams ist für Karner klar: „Für uns gilt es, auf den Punkt bereit zu sein, konstant aufzutreten und unsere Aufgabe erfolgreich zu erledigen. Diese volle Konzentration wird über die gesamte Saison von enormer Bedeutung sein. Wer schwächelt, wird schnell dafür bestraft werden.“ Generell sieht er darin aber eine sportliche Aufwertung der Liga. „Wünschenswert wäre es, wenn mehrere Teams längere Zeit auf Augenhöhe sind. Das gilt auch für uns: Wir wollen in den Partien gegen Sankt Pölten um die Tabellenführung spielen. So wie letzte Saison.“
Format und Förderung
Karner will jedoch auch über den eigenen Verein hinausdenken – und nimmt dabei das Format in den Blick. „Das langfristige Ziel ist es, Mädchen zum Fußball zu bringen. Dabei kann eine Ligareform einen wichtigen Beitrag leisten“, sagt er. „Ich denke da an ein Play-off, bei dem du nach einem Grunddurchgang gegeneinander antrittst. So hätten wir mehr Spannung, höhere Einschaltquoten, und vor allem kämen auch mehr Leute zu den Spielen.“ In Sachen Aufmerksamkeit sei dadurch, dass manche Teams Spiele in den großen Stadien ihrer Klubs austragen würden, schon eine Verbesserung erreicht worden. Auch die Sturm-Frauen haben im Mai gegen Neulengbach mit 1.704 Fans in Liebenau einen Zuschauerrekord in der Liga aufgestellt.
Nach der EM wurde allenthalben der Wunsch nach langfristiger Förderung des Fußballs der Frauen geäußert. Schasching sieht dafür die Vermarktung als einen wichtigen Faktor und verweist auf das positive Feedback zum Turnier. „So etwas brauchen auch die Vereine in der Liga. Mit den Livespielen im ORF und der ausgebauten Social-Media-Präsenz ist schon einiges geschehen, aber der ÖFB könnte ruhig mehr finanzielles Risiko eingehen, um das Interesse durch spezielle Aktionen zu steigern.“ Ähnlich sieht es Karner, der in Graz auch die Akademie der Frauen leitet. Der Hype dürfe nicht verpuffen. „Dass das Interesse da ist, sieht man an den steigenden Zuschauerzahlen in der Meisterschaft. Und gerade bei der EM haben Leute, die bisher kaum Bezug zum Frauenfußball gehabt haben, gemerkt, dass der Sport schön anzuschauen ist.“
Baustelle Postplatz
Entwicklungspotenzial gibt es auch in Graz. Nach Umbauarbeiten sollen die Frauen die Möglichkeit haben, Ausstattung wie die Kraftkammern im Trainingszentrum der Männer in Messendorf regelmäßig zu nutzen. Damit wäre auch ein expliziter Wunsch von Schasching erfüllt. „Wir spielen schließlich für dasselbe Wappen wie die Männer“, sagt sie. In Sachen Infrastruktur hat die dreifache Teamspielerin mittlerweile Vergleichsmöglichkeiten. „Wenn man, wie Annabel, beim Nationalteam die dortigen Gegebenheiten hat, steigt der Anspruch“, sagt Karner. „Wir trainieren aber immer noch auf dem Grazer Postplatz, wo wir eigenständig den Kabinentrakt renoviert haben. Wir wollen nicht jammern, immerhin steht uns ein tolles Team aus Physiotherapeuten, Trainern und einer Ernährungsberaterin zur Verfügung.“
Wolle man mehr Zulauf erreichen, müssten sich die Rahmenbedingungen jedoch verbessern. Dabei nimmt Karner auch die steirische Politik in die Pflicht. „Es gibt die Akademie, das ist gut. Was aber fehlt, ist ein eigenes Frauenfußballzentrum“, sagt er. „Aktuell gibt es Gespräche dazu.“ Mit Weiterentwicklungen dieser Art mache man sich auch interessanter für Neuzugänge. Zur neuen Saison sind Julia Matuschewski aus Basel, Merle Kirschstein vom AC Milan und Laura Krumböck von der Austria gekommen. Sturm verstärkte sich aber nicht nur bei Erstligateams, mit Sophia Bertolo, die gegen Tomiris bereits traf, und Gina Steiner kamen Spielerinnen aus Seckau in der Landesliga und dem US-Collegebetrieb. „Sie alle machen uns besser“, sagt Schasching.
Zurück zum Spiel gegen Altach/Vorderland. Sturm gewinnt nach 0:1-Rückstand 4:1. Die rund 300 Zuschauer sind zufrieden. Stürmerin Modesta Uka war eine der besten am Platz. Ihre Schwester Albina hat wie immer auf der Tribüne mitgefiebert. „Ich begleite meine Schwester von ihren ersten Spielen an“, sagt sie. „Es ist schön, dass die Fans sich endlich für die Frauen begeistern können. Das macht mich stolz.“