Die Räume sind nicht höher als zwei Meter, an der Wand steht ein Holzkamin, an der Bar wird getrunken und gewürfelt: Eine Baracke am Stadiongelände dient den Fans des SCR Altach auch abseits der Spieltage als Treffpunkt. Rund 15 Leute sind am Tag vor dem Derby bei der Lustenauer Austria anwesend, unter ihnen Simon V. und Manuel E. von den „Altacher Jungs“, der Dachorganisation der ultra-orientierten Fanszene. Sie empfangen den ballesterer für ein Interview. Die beiden wirken nicht ganz entspannt. Zum ersten Mal nach achteinhalb Jahren spielen die Altacher wieder im Reichshofstadion. „Hoffentlich bekommen wir unser Zeug ins Stadion“, sagt Simon V. „Aber es wird schon alles gut gehen.“ Tags darauf liefern sie mit einer Pyroshow eines der wenigen Altacher Highlights, am Feld verliert ihre Mannschaft 0:3.
ballesterer: Wie wird man in Altach zum Ultra?
Manuel E.: Es fängt wahrscheinlich ganz typisch an, irgendwann bist du mit dem Papa oder dem Opa das erste Mal im Stadion. Ich kann mich an eine Partie gegen Wacker Innsbruck erinnern, die haben das ganze Stadion auseinandergenommen. Und als Kleiner schaust du nur zu den Fans und weniger auf das Spielgeschehen. Bei uns hat es damals noch keinen organisierten Support gegeben. Ich kann mich erinnern, dass ein bisschen später dann auf der Nordtribüne lauter junge Leute mit Schal und Schminke im Gesicht waren.
Simon V.: Als ich dazugekommen bin, hat es zwar schon Ultras gegeben, aber es war noch nicht so strukturiert wie heute. Bei mir hat alles damit angefangen, dass ich Ballbub war, deswegen haben meine Mama und ich Freikarten bekommen. Mir hat es einfach getaugt. Mit 13 habe ich dann angefangen, mit meinen Freunden ins Stadion zu gehen.
Woher ist der Impuls für eine Ultraszene gekommen?
E.: Von den „Nord Boys“, das war eine der ersten ultraorientierten Gruppen, die dauerhaft bestanden hat. In den 2000er Jahren hat es ein ziemliches Durcheinander gegeben: Ständig haben sich neue Gruppen gegründet und wieder aufgelöst. Ich war auch bei den „Nord Boys“ aktiv, bin dann 2008 zu den „Supporting Patriots“ gekommen.
In der Bundesliga gibt es größere Fanszenen bei Rapid, Sturm, der Austria und dem LASK, danach einige kleinere, bei denen die Rangordnung weniger klar ist. Wo ordnen Sie die Altacher Fanszene ein?
V.: Zu den großen Vier besteht ein Unterschied, ganz klar.
E.: Auch Ried ist eine andere Nummer. Sie sind ungefähr gleich groß wie wir, aber in Sachen Gewalt sind sie auf jeden Fall besser aufgestellt. Bei uns ist das weniger ausgeprägt. Aber verstecken müssen wir uns nicht. Wenn ein paar Leute aus der Szene der Wiener Austria meinen, sie müssen vor der Süd herumlaufen, können sie auch schauen, was passiert. Gegen größere Gruppen haben wir es natürlich schwer, wollen uns aber nicht alles gefallen lassen. Wir müssen da immer ein Gleichgewicht finden.
Hat das auch Vorteile?
E.: Auf jeden Fall. Wir leben den Verein anders als die großen Szenen, wir sind ein kleiner, familiärer Klub. Wenn wir eine Sitzung mit dem Präsidenten haben wollen, können wir in sein Büro gehen.
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit Hauptsponsor Cashpoint? Fordert Ihre Gruppe, dass das Logo aus dem Wappen verschwindet?
E.: Wir gehen solche Fragen in den letzten Jahren intensiver und strukturierter an. Vor Corona haben wir durchgesetzt, dass Altach wieder in unseren Gründungsfarben spielt, Schwarz-Weiß. Im Sommer 2021 sind allerdings Auswärtsdressen vorgestellt worden, die wieder gelb waren.
V.: Aber wir haben dann sehr produktive Gespräche geführt. Der Verein hat Verständnis geäußert, sie haben uns zum ersten Mal nicht vertröstet. Es geht auf jeden Fall endlich in die richtige Richtung. Mehr können wir an dieser Stelle noch nicht verraten. Aus diesem Grund sind die öffentlichen Aktionen bezüglich Wappen und Farben nach Corona auch nicht mehr geworden.
Kommen wir zum Fußball: In der Liga pendelt der Verein meistens zwischen Mittelfeld und Abstiegsgefahr. Welche Partien bleiben da in Erinnerung?
V.: Das größte Highlight war unsere Premiere im Europacup 2015, die Partien gegen Guimaraes in der Qualifikation für die Europa League. Das Heimspiel in Innsbruck war schon extrem, da sind über 1.000 Leute mit dem Sonderzug hingefahren. Wir haben 2:1 gewonnen, aber niemand hat geglaubt, dass wir im Rückspiel eine Chance haben. Und dann steigst du in den Bus nach Portugal.
In den Bus?
E.: Ja, über San Sebastian, 25 Stunden in eine Richtung, alle stinken. Es ist das Geilste, das es gibt.
V.: Und das Spiel war sowieso ein Wahnsinn. Dass wir dort gewinnen, hat sich unwirklich angefühlt. Sogar als wir 3:0 in Führung waren, habe ich es noch nicht realisiert.
Apropos Ausland: Sie haben auch eine Fanfreundschaft mit dem Schweizer Eishockeyverein HC Davos gehabt. Wie hat sich das ergeben?
E.: 2012 hat einer von unserer Gruppe bei einem Fußballspiel in der Schweiz Leute von der Szene Davos kennengelernt. Als Fußballfan ist es komisch, zu Eishockeyspielen zu fahren. Es war eine super Zeit, aber du stehst in der Eishalle und kennst die Regeln nicht. Du hast keine Ahnung, was da abgeht. Du siehst so einen Bully und denkst dir: Was ist da los? Wieso hat der jetzt den Ball? Äh, Puck.
Ist die Freundschaft deswegen geendet?
V.: So kann man das nicht sagen. Es hat einfach nicht mehr gepasst. Vor allem unter den Jungen ist die Freundschaft nicht mehr so gelebt worden.
E.: Davos spielt ja auch dreimal die Woche. Und da oben liegt immer Schnee. Einmal sind wir mit Sommerreifen hinaufgefahren. Bei uns hat es über 20 Grad gehabt, dann kommen wir in Davos aus der Halle, und alles war eingeschneit.
Zum Ende hin hat sich die Freundschaft mit jener zu den Grasshoppers überschnitten. Hat es da Reibereien gegeben?
V.: Es hat sich ein bisschen überschnitten, das ist blöd gelaufen. Das war aber nicht der Grund, weshalb es keine Freundschaft zu Davos mehr gibt. Wirklich überschnitten hat sich das Ganze lediglich bei einem Auswärtsspiel gegen Innsbruck.
E.: Wir haben geglaubt, wir können die Fahrt managen, aber es hat nicht gepasst. Es hat keine Schlägerei gegeben, aber sie haben sich nicht verstanden. Aber das Ende der Freundschaft hatte andere Gründe.
Kommen wir noch einmal zu Ihrer Gruppe zurück: Gibt es „Altacher Mädels“ auch?
V.: So gut wie nicht mehr. Es hat Zeiten gegeben, da waren drei, vier sehr motivierte dabei.
E.: Auf der Nordtribüne waren früher sehr viele Frauen, aber mittlerweile gibt es eigentlich keine mehr. Ich hätte nichts dagegen, wenn wieder welche kommen würden.
Heißt das, es wäre kein Problem, es ist Ihnen aber auch kein Anliegen?
V.: Es kommt darauf an. Manche Sachen haben sich in Richtungen entwickelt, bei denen es schwer ist, Frauen mitzunehmen. Dass sie sich dann ausgeschlossen fühlen können, ist verständlich.
Seit der Kooperation mit dem FFC Vorderland hat Altach ein erfolgreiches Frauenteam. Supporten Sie dort auch?
E.: Nein, aber wir waren beim ersten Spiel im Schnabelholz. Wir waren 30 Leute, haben ein bisschen gesungen und Bier getrunken, aber es war kein aktiver Support.
Ist das Team für Sie eine Altacher Mannschaft?
V.: Für mich war das von Anfang an schwierig. Weil es für mich nicht Altach war, sondern Vorderland. In unserer Gruppe, „Black Crusader“, ist das Interesse an den Spielen der Frauen deswegen eher begrenzt. Wenn man sieht, wie sich die Mädels ins Vereinsleben einbringen, kann ich der Kooperation aber auch Positives abgewinnen.
E.: Ich bin da nicht so streng, die Spielerinnen kommen zu unseren Partien und fiebern mit. Die Kooperation läuft schon seit zwei Jahren, und man merkt, dass sie dankbar über die Möglichkeiten hier sind. Wenn sie international spielen, bin ich sicher dabei.
Manuel E. (32) und Simon V. (26) sind seit den 2000er Jahren aktive Mitglieder der Altacher Fanszene. E. war 2011 an der Gründung der „Altacher Jungs“, der Dachorganisation der aktiven Fanszene bestehend aus „Supporting Patriots“, „Black Crusader“ und „Black Army“, federführend beteiligt.