Am 9. März 1950 feierte der Film „Der dritte Mann“ im Wiener Apollo-Kino seine Österreich-Premiere. Die Darstellung des kriminellen Milieus der Stadt sollte in den folgenden Jahren das Bild von Wien im Ausland prägen. Im Film schlüpfte der frühere Vienna-Präsident Paul Hörbiger in die Rolle des Hausmeisters Karl. Zwei Monate später fand sich sein ehemaliger Verein in einer eigenen Version des Klassikers wieder: Durch den Tipp eines Informanten hatte die Polizei am 12. Mai 1950 in einer Wohnung in der Wiener Innenstadt 860 Gramm Rohopium, das zur Herstellung von Heroin dient, sichergestellt. Wie sich rasch herausstellte, stammte das Rauschmittel vom Teamspieler und Vienna-Mittelläufer Ernst Sabeditsch. Umgehend wurde er wegen Verdachts auf Opiumschmuggel verhaftet. In der Folge kam es zur Festnahme seiner Klubkollegen Karl Loidold, Ferdinand Schaffer und Rudolf Strittich. Letzterer weilte gerade mit der B-Nationalmannschaft in Budapest. Als der ÖFB von der Verhaftung Sabeditschs erfuhr, ließ er vor der Rückreise die Koffer aller Teamspieler durchsuchen – ergebnislos. Bei der Ankunft der Mannschaft in Wien mischten sich einige Kriminalbeamte unter die Schaulustigen am Bahnhof, sie folgten Strittich zu seiner Wohnung und verhafteten ihn dort.
Opium aus dem Kaffeehaus
„Sabeditsch gab bei der Polizei zu, anlässlich einer Auslandstournee der Vienna im Jänner 1950 das Rohopium in einem Kaffeehaus in Ägypten von einem Kellner um 2.000 Schilling erstanden zu haben“, schrieb die Volksstimme am 14. Mai 1950. Die Transaktion hatte während einer Gastspielreise durch die Türkei und Ägypten stattgefunden. Sabeditsch hatte mit Schaffer und Strittich vereinbart, die Substanz nach Österreich einzuführen und sie dann über einen Mittelsmann zu verkaufen. Gegen alle beteiligten Spieler wurde Anklage wegen Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz sowie wegen teils vollendetem und teils versuchtem Verbrechen wider die Volksgesundheit erhoben.
Anfang Oktober kam es zur Verhandlung. Im Gerichtssaal versuchten die Fußballer, ihre Tat als Bagatelldelikt darzustellen. Die Tourneen boten in der Nachkriegszeit die Gelegenheit, Mangelgüter nach Österreich einzuführen. Die Fußballer profitierten dabei von ihrer Prominenz, da sie von den Zollbeamten höchstens für Autogramme aufgehalten wurden. Die Vienna-Spieler waren nicht die einzigen, die in Konflikt mit dem Gesetz gerieten. 1949 landeten zwei Spieler der Meidlinger Wacker wegen der illegalen Einfuhr von Feuerzeugen in einem türkischen Gefängnis.
Auch in Wien verfing die Strategie der Verteidigung nicht. Sabeditsch, Schaffer, Strittich und drei weitere Angeklagte wurden am 6. Oktober 1950 schuldig gesprochen, nur Karl Loidold wurde freigesprochen. Er hatte im Prozess glaubhaft machen können, nicht am Kauf und am Schmuggel der Drogen beteiligt gewesen zu sein. Die Verurteilten erhielten Strafen von vier bis sieben Monaten schweren Kerkers. In seiner Urteilsbegründung sagte der Richter: „Überdies war den Angeklagten erschwerend zuzurechnen, dass sie als Fußballer des FC Vienna das Ansehen dieses altbekannten Fußballvereines aufs Spiel gesetzt, aber überdies, noch dazu als Nationalteamfußballer, das Ansehen des österreichischen Fußballsportes und seinen Ruf im Ausland und der gesamten Fußballwelt aufs Spiel gesetzt, schwer gefährdet und sogar geschädigt haben.“
Der Imageschaden war enorm. Da halfen auch die vom Verband unmittelbar nach den Verhaftungen ausgesprochenen Sperren für die betroffenen Spieler wenig. Obwohl er glaubhaft versichern konnte, von den Vorgängen nichts gewusst zu haben, stand auch Vienna-Trainer Leopold Hofmann in der Kritik. Im Dezember 1950 wurde er vom Verein freigestellt.
Ausflug nach Kolumbien
Die verurteilten Spieler legten Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde gegen die Urteile ein und blieben bis zur endgültigen Entscheidung auf freiem Fuß, aber ohne Einkommen. Sabeditsch und Strittich wurden in ihren Zivilberufen gekündigt und durften nicht mehr als Fußballer tätig sein, also suchten sie nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Auf Vermittlung von Bela Guttmann erlangte Strittich im Dezember 1950 eine Anstellung als Nachwuchstrainer bei der US Triestina, für Ernst Sabeditsch eröffnete sich in Kolumbien – fern der FIFA-Regularien – eine Möglichkeit. Dort hatte sich die höchste Liga nach einem Streit vom Verband abgespalten und einen eigenen Ligabetrieb etabliert, der Legionäre mit hohen Gehältern anlockte. Sabeditsch wechselte im März 1951 zu Deportivo Samarios, ein Monat später folgte ihm Strittich. Beide erhielten die gerichtliche Erlaubnis zur Ausreise, blieben aber nicht lang in Kolumbien. Noch im selben Jahr einigte sich die Liga mit dem Verband und begann mit dem Abbau der Legionäre.
Im Oktober 1951 wies der Oberste Gerichtshof die Beschwerden der Angeklagten zurück, damit waren die Verurteilungen rechtskräftig. Sabeditsch und Strittich kehrten im November 1951 nach Österreich zurück und traten gemeinsam mit Schaffer Anfang Jänner 1952 ihre Haftstrafen an. Bereits nach zwei Monaten wurden sie begnadigt und entlassen – und erhielten dadurch ihre Spielerlaubnis vom Verband zurück. Strittich kehrte im Oktober 1952 zur Vienna zurück, 1953 wechselte er zu Besancon RC nach Frankreich. Später arbeitete er als Vereinstrainer und Teamchef in Dänemark. Auch Ferdinand Schaffer kehrte zur Vienna zurück, beendete aber noch im gleichen Jahr seine aktive Laufbahn im Dress des SC Wacker. Später trainierte er den LASK sowie den FC Schaffhausen in der Schweiz.