2. April 2023. Es ist das größte Spektakel, das seit der Übernahme durch die katarische Investorengruppe im Parc des Princes zu sehen ist. Die Stars am Rasen spielen dabei nur eine Nebenrolle, Paris Saint-Germain verliert sogar 0:1. Die Show stehlen ihnen aber nicht die Gäste aus Lyon, sondern die Ultras auf der Fantribüne Virage Auteuil. Dort feiert das „K-Soce Team“, eine der sechs Gruppen des „Collectif Ultras Paris“, sein 15-jähriges Bestehen. Der Tifo beginnt lange vor dem Anpfiff, setzt sich während des Spiels fort und endet erst nach Schlusspfiff. Im Laufe der Show zeigen die Ultras zahlreiche mehrteilige Choreografien, dazwischen gibt es fast durchwegs Pyrotechnik – doch nur so viel, dass es nicht zum Spielabbruch kommt.Das große Finale hebt sich das „K-Soce Team“ bis nach Schlusspfiff auf. Dafür zieht es über die gesamte Tribüne das Bild eines vermummten Fans im PSG-Trikot hoch, auf dem statt des Sponsors der Name der Gruppe gemalt ist. Die Person hält in beiden Händen eine Fackel, aus der blauer und roter Rauch austritt. Dann brennt es rechts und links des bemalten Stoffs lichterloh. Vor den staunenden Augen der Mannschaft, die auf der Laufbahn vor der Kurve steht, werden hunderte Fackeln gezündet, zahlreiche Raketen fliegen in die Luft.
Kontrolliertes Abbrennen
Das gigantische Feuerwerk fand vier Tage nach der Ankündigung statt, dass Pyrotechnik legalisiert werden soll. „Feuer frei! Frankreich erlaubt Pyrotechnik in Stadien“, lautete die Headline von Laola1, die sich wie viele andere Nachrichtenseiten und Fanportale auf einen kurzen Bericht in L’Equipe bezog. Sowohl die Liga LFP als auch Fanorganisationen reagierten rasch mit Präzisierungen, denn die im Dekret 2023-216 aufgelisteten Bedingungen sind nicht derart neu, wie es die Schlagzeilen vermuten lassen würden. Experimente gibt es bereits seit 2019, nun tritt lediglich die Modifizierung eines Dekrets vom März 2022 in Kraft, das nach Ende des Testlaufs 2025 zur Dauerbestimmung werden könnte.
Im Kampf gegen unkontrollierte Pyrotechnik setzen Verbände und Behörden auf zwei konträre Mittel: Kollektivstrafen und Dialog. Das bedeutet zum einen, dass in der laufenden Saison der ersten beiden Ligen bereits fast 50 Sektorsperren wegen der illegalen Verwendung von Pyrotechnik ausgesprochen wurden, zum anderen gibt es das Experiment. Auf viel Begeisterung ist die legale Lösung noch nicht gestoßen. Laut LFP wurde bei Spielen der ersten und zweiten Liga seit Beginn der Saison 2021/22 je 14-mal legal gezündelt. Dabei wurden im Schnitt 28 Fackeln eingesetzt – meist bei Vereinen mit kleineren Fanszenen wie Amiens, Auxerre, Clermont, Le Havre, Lorient, Reims und Toulouse.
Gewachsenes Misstrauen
„Wir haben das im Dezember 2021 beim Spiel gegen PSG getestet. Das hat ein schönes Bild ergeben“, sagt Florian Le Bihan, Präsident der „Merlus Ultras“ des FC Lorient. „Trotzdem wird es bei dem einen Mal bleiben, denn die Art, wie es gemacht werden muss, entspricht nicht den Vorstellungen unserer Gruppe.“ Ähnlich sieht es „Red Kaos“ aus Grenoble, die Gruppe reagierte mit einem ausführlichen Kommunique auf die Debatte. „Mitglieder organisierter Gruppen müssen zu Verwaltungsbeamten werden, um ihr Team zu unterstützen“, schreiben die Ultras.
Um eine Genehmigung zu erhalten, muss nämlich ein Monat vorher ein Antrag eingereicht werden und zahlreiche Auflagen erfüllt werden: So müssen die zündelnden Personen ihre Identität bekanntgeben, der Ablauf muss von ausgebildeten Pyrotechnikern und Feuerwehrleuten begleitet werden, Informationen zu den eingesetzten Produkten samt ihrer Preise müssen angegeben werden, es darf nur in eingeschränkten Bereichen gezündet werden, und die Zustimmung von drei Institutionen ist einzuholen: der LFP, dem veranstaltenden Klub und der lokalen Behörde.
Auch wenn einzelne Punkte in der Praxis schon einmal lockerer genommen werden, widerstreben die strengen Vorschriften den Fans. Aufgrund von Sektorsperren und meist kurzfristig ausgesprochenen Verboten für Auswärtsfahrten ist ihr Misstrauen gegenüber den Behörden und der Liga ohnehin groß. Die Ultras aus Grenoble wollen sich daher nicht auf das Experiment einlassen und warnen andere Fans davor, sich von der legalen Lösung ködern zu lassen. Dennoch betonen sie, dass sie den Austausch, den der Fandachverband ANS führt, weiterhin aufmerksam verfolgen werden.
Heuchlerische Diplomatie
Der Lobbyarbeit der ANS ist es zu verdanken, dass legale Pyrotechnik überhaupt möglich ist. Abgesehen von den Gruppen aus Bordeaux, Lyon, Marseille und Nizza sind fast alle relevanten Fanszenen in der ANS organisiert. Sie haben den Druck aufgebaut, der dazu geführt hat, dass die Regierung mit diesem Dekret zumindest guten Willen zeigt.
„Die Bemühungen sind von allen Seiten heuchlerisch“, sagt der Historiker und Soziologe Sebastien Louis, der die Dynamiken von Fanszenen aus seinen Forschungen zur Ultrabewegung kennt. Die ANS und die darin organisierten Fanszenen seien um Verbesserungen bemüht, würden dafür aber beachtliche Zugeständnisse machen. „Um ihre Interessen durchzubringen, geben die Gruppen etwas von ihrem Ultraspirit auf. Sie stimmen Dingen zu, von denen sie wissen, dass sie nicht funktionieren werden“, sagt Louis. „Letztlich werden sie ihre Praxis aber nicht ändern.“ Auch die Regierung bleibt bei ihrer Linie, sie setzt auf Repression: In der vergangenen Saison wurden 184 Verordnungen erlassen, um die Bewegung von Fans zu regulieren oder ihnen Auswärtsreisen ganz zu verbieten.
„Es wäre naiv zu glauben, dass die strengen Auflagen zur legalen Nutzung von Pyrotechnik langfristig funktionieren können“, sagt Louis. „Dafür liegen die Interessen der Konfliktparteien viel zu weit auseinander.“ Die Liga möchte ein sauberes Produkt, mit einem berechenbaren Geschehen auf den Tribünen, das international vermarktet werden kann. Die Ultras wollen sich in ihrer Freiheit aber nicht beschränken lassen. „Uns ist bewusst, dass eine völlige Legalisierung von Pyrotechnik unrealistisch ist“, sagt Le Bihan von den „Merlus Ultras“. „Wir wollen aber zumindest die Entkriminalisierung.“
Wie auch immer der Testlauf ausgeht: Beide Seiten werden von sich behaupten können, man habe es versucht. „Grenzüberschreitungen sind letztendlich Teil der Ultrabewegung“, sagt Louis. Die Ultras vom „K-Soce Team“ bewiesen das mit ihrer Jubiläumsfeier. Zumindest in der Kurve von PSG wird es vorerst keine legalen Experimente geben. Die Disziplinarkommission der Liga verhängte aufgrund des Einsatzes pyrotechnischer Gegenstände für zwei Spiele eine Sperre der Virage Auteuil.