Sie kennen das Bauwerk aus jeder Perspektive – vor leeren Rängen beim Training, als volles Haus beim Spiel, von der Trainerbank und von der Tribüne. Andi Herzog, Heimo Pfeifenberger und Toni Polster über das Wiener Stadion.
„Hier ist so viel passiert, hier sind so viele Erinnerungen.“ Schon beim Fotoshooting für das ballesterer-Interview im Innenraum des Ernst-Happel-Stadions sind Andi Herzog, Heimo Pfeifenberger und Toni Polster kaum zu bremsen. Gemeinsam haben sich die drei hier zweimal für die Weltmeisterschaft qualifiziert und darüber hinaus jede Menge erlebt. Auch beim Interview in der im Mantel des Stadions untergebrachten ÖFB-Geschäftsstelle führt fast jede Antwort zu einer weiteren Anekdote oder Häkelei.
ballesterer: Wenn Sie ans Praterstadion denken, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Anton Polster: Ich bin hier groß geworden. Ich bin im Jänner 1973, es war eiskalt, mit meinem Vater da drüben gestanden und Austria-Nachwuchstrainer Karl Giesser ist auf uns zugekommen. Er hat meinen Vater gefragt: „Kann er was, der Bua?“ Und mein Vater hat gesagt: „Schau ihn dir einfach einmal an.“ Seitdem war ich bei der Austria. Ich war auch Ballschani, bin aber nie vor Ehrfucht erstarrt und habe keine Autogramme gesammelt, sondern mir gedacht: „Irgendwann spiele ich da auch.“
Andreas Herzog: Im Nachhinein betrachtet war sicher das Tor im Spiel gegen Schweden in der WM-Qualifikation 1997 das emotionalste. Hätte ich hier mein erstes Länderspiel gefeiert, wäre das wahrscheinlich das Erste, an das ich denke würde.
Heimo Pfeifenberger: Ich bin ja ein Landler, für mich war das große Stadion in Wien immer beeindruckend. Ich verbinde es mit wichtigen Spielen, auch wenn wir mit Rapid das Derby gegen die Austria hier gespielt haben – und dann Salzburg im UEFA-Cup und in der Champions League.
„Vom Emotionalen her würde ich das Stadion nie wegreißen, weil das unsere Erinnerungen sind. Aber von der Entwicklung her geht es nicht anders.“
Was verbinden Sie mit dem Andi Herzog und dem Stadion?
Polster: Die zwei Sanitäter, die ihn eine Dreiviertelrunde auf der Tragbahre getragen haben. Die haben mit 18 in Frühpension gehen müssen. Spaß beiseite, der Andi hat hier viele wichtige Tore gemacht. Er war immer schon ein fantastischer Spieler, aber im Team ist er Weltklasse geworden.
Pfeifenberger: Schweden 1997 ist mir gut in Erinnerung, das war ein riesengroßes Highlight.
Polster: Hätten wir es ohne das Tor auch geschafft? Also wenn wir 0:0 gespielt hätten?
Pfeifenberger: Nein. Wir haben dann noch beide Partien gegen Weißrussland gehabt, auswärts zuerst. Da haben wir uns qualifiziert.
Polster: Ohne den Punkt hätten wir es nicht geschafft? Dann war es ja doch ein wichtiges Match.
Herzog: Mit Schweden hast du so deine Probleme. Kannst du dich erinnern, als ihr 1991 in Schweden 0:6 verloren habt? Du bist nachher zum Teamchef, dem Alfred Riedl, gegangen und hast gesagt: „Haben wir jetzt eigentlich 0:5 oder 0:6 verloren?“
War es das wichtigste Spiel Ihrer Karriere?
Herzog: Sicher eines der wichtigsten. Aber auch für Österreich, weil wir uns zum letzten Mal für die WM qualifiziert haben. Aber nicht nur deswegen, der Heimo hat in Weißrussland getroffen. Der Toni hat drei Tore gegen Estland geschossen, die waren vielleicht nicht so wichtig.
Pfeifenberger: Ländermatches waren schon sehr speziell, die Atmosphäre beeindruckend. Schon allein der Weg hinein mit dem Bus, das war Gänsehaut pur.
Herzog: Man kann über das Stadion sagen, was man will, aber wenn es voll war, war es fantastisch.
Polster: Es ist schon ein Fußballtempel.
Pfeifenberger: Man muss das auch im Kontext der Zeit sehen, das ist ja fast 30 Jahre her.
Herzog: Damals haben auch in Deutschland fast alle Stadien eine Laufbahn gehabt. Riesige Tempel mit 60.000, 70.000 Zuschauern – München, Hamburg, Bremen. Für die WM 2006 sind dann die Stadien ohne Laufbahn entstanden. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis so ein altes Stadion nicht mehr zeitgemäß ist, weil du zu weit weg sitzt.
„Ich war beim Spiel gegen die DDR ein Frischgefangter und richtig froh, dass ich nicht von Anfang an spielen muss.“
Haben Sie sich in Ihrer aktiven Karriere gedacht: „Was ist denn das für ein Stadion? Da sehen die Leute ja nichts.“?
Herzog: Am Spielfeld hast du einen anderen Blickwinkel.
Pfeifenberger: Und wenn du bei einem österreichischen Verein gespielt hast, hast du nie so viele Zuschauer gehabt wie hier.
Wie war es im Vergleich mit Stadien wie dem San Siro und dem Bernabeu?
Polster: Bernabeu ist total steil, aber das Wiener Stadion hat mit allen mithalten können.
Herzog: Für dich war es eh wurscht. Du hast nur aufs Tor und den Strafraum geschaut.
Pfeifenberger: Ich glaube schon, dass du aus jedem noch etwas herauskitzelst, wenn es eng ist. San Siro ist von der Atmosphäre noch einmal größer gewesen.
Herzog: Ich habe dort mit Bremen gegen Milan gespielt, die ersten Minuten beim Einlaufen waren beeindruckend. So ein Kessel macht schon etwas aus.
Sie waren gute Freistoßschützen. Macht es einen Unterschied, ob es einen visuellen Kontrast gibt oder Sie allein mit der Laufbahn sind?
Herzog: Es ist angenehmer, wenn hinten nicht so viel frei ist. Im Hanappi-Stadion war alles viel enger, da habe ich gewusst: „Da hinten ist der Zaun und die Säule, da muss ich den Ball ungefähr hinbringen.“ Hier musst du etwas anderes visualisieren, du schaust zum Beispiel über die zwei Mann in der Mauer.
Polster: Das war auch beim Training anders. Wenn du nicht aufs Tor triffst, müssen die Masseure 40 Meter um die Wette laufen. Auch das Feld ist hier riesig. Der Platz war immer in Ordnung, aber links vorne oft gefroren, weil dort keine Sonne hinkommt. Solche Sachen kneisst du erst mit den Jahren.
War es das Stadion, in dem Sie am liebsten gespielt haben?
Herzog: Es war jedenfalls etwas Besonderes, auch wenn es damals schon engere, größere und schönere Stadien gegeben hat. Hier ist das Emotionale dazugekommen, wir haben gewusst, es geht um ein wichtiges Spiel fürs ganze Land.
Polster: Es ist unsere Heimat.
Herzog: Wir haben gegenüber gewohnt, sind sieben Minuten zum Training gegangen. Und wenn der Doktor einen neuen Ernährungsplan mit gesundem Essen aufgestellt hat, sind wir nach dem Training zum Würstlstand gegangen. Das war auch ein Gefühl von Heimat. Du kommst aus Bremen, und auf einmal haust du dir beim Abschlusstraining noch eine Käsekrainer rein.
Haben Sie Angst oder Ehrfurcht gehabt, wenn das Stadion voll war?
Polster: Für mich war es mehr Beflügelung als Angst. Und es war ja nicht immer so gut gefüllt. Der Österreicher pickt sich ja immer die Rosinchen heraus. Trotzdem haben die Gegner Respekt vor uns und dem Stadion gehabt. Wir waren hier schon stark, oft haben wir nicht verloren.
Kommen wir zum Match gegen die DDR 1989, das große Spiel von Toni Polster. Wie haben die anderen das erlebt?
Herzog: Ich war krank vorher. Vielleicht war das auch nur wegen der Aufregung, Nationalmannschaft spielen war am Anfang eine große mentale Anstrengung. Dass bei einem Entscheidungsspiel der beste Spieler so ausgepfiffen wird, das gibt es nicht oft. Da habe ich mir schon gedacht: „Wie deppert sind die Leute eigentlich?“ Und dann schießt er die drei Tore. Wir sind nach jedem Tor zu ihm hingesprintet, beim dritten haben die Fans plötzlich gejubelt: „Toni, Toni!“ Und du bist hingerannt und hast geschrien: „Gehts alle miteinander …“
Polster: Nein.
Herzog: Sicher hast du das gesagt.
Polster: Das bestreite ich.
Herzog: Ich hätte das gemacht. Und dann kann ich mich noch an mein Schicksal erinnern. Ich habe damals Probleme mit der Schulter gehabt, bin eingewechselt worden. Nach einer Minute habe ich ein Tempodribbling gemacht, einen Pass gespielt und bin mit der hinigen Schulter in den Verteidiger, den Dirk Stahmann, hineingelaufen. Das war so ein bärtiger Hüne, dann war es für mich wieder erledigt, und der Heimo ist hineingekommen. Er hat das 3:0 über die Zeit gerettet.
Es war Ihr zweites Spiel im Team. Das erste im Stadion.
Pfeifenberger: Ja, ich habe gegen Island in Lehen debütiert, damals hat es ja eine Bombendrohung mit der Forderung gegeben, dass ich spielen muss. Dann war noch Russland daheim, da hat mich der Hickersberger nicht eingewechselt, obwohl das ganze Stadion geschrien hat – das war schon beeindruckend. Ich war damals ein Frischgefangter und richtig froh, dass ich nicht von Anfang an spielen muss. Der Druck war riesengroß. Ich habe 1987 noch in Zederhaus gespielt, 1989 dann plötzlich im Nationalteam.
Polster: Ich habe an dem Tag eine unfassbare Energie gehabt. Für mich war es ein Zielsprint dorthin, wo wir alle hinwollten, zur WM.
Motiviert so ein Publikum?
Polster: Mich schon. Ich habe aus Konflikten immer Energie geschöpft.
Herzog: Also mich in jungen Jahren nicht, mich hätte das vernichtet. Das hat sich verändert. Wenn sie mich später geschimpft haben, weil ich mich verdribbelt habe, habe ich umso mehr gedribbelt.
Andreas Herzog (54) bestritt zwischen 1988 und 2003 39 seiner 103 Einsätze für die österreichische Nationalmannschaft im Ernst-Happel-Stadion, Anton Polster (59) zwischen 1982 und 2000 36 seiner 95 Teameinsätze und Heimo Pfeifenberger (56) zwischen 1989 und 1998 15 seiner 40 Teameinsätze.
In welchem Dress sehen Sie den Heimo Pfeifenberger in diesem Stadion?
Polster: Für mich ist er untrennbar mit Salzburg verbunden. Die Boygroup, gemeinsam mit dem Otto Konrad und dem Wolfgang Feiersinger.
Herzog: Bei mir ist das anders, ich habe ja mit ihm als Junger bei Rapid gespielt – und dann in der Nationalmannschaft. Er hat auf jeder Position spielen können und war für die Mannschaft extrem wichtig.
Pfeifenberger: Für mich ist es ganz eindeutig das Teamdress. Die sechs Spiele mit Salzburg waren auch richtig emotional, aber das war über eine kurze Zeit geballt. Im Team habe ich über einen viel längeren Zeitraum hier gespielt.
Wie hat die Mannschaft die Entscheidung aufgenommen, für das UEFA-Cup-Viertelfinale nach Wien zu gehen?
Pfeifenberger: Wir haben gesagt: „Jetzt ist Präsident Quehenberger verrückt geworden. Da kommen doch keine Leute.“ Aber er hat gesagt: „Ihr werdet schon sehen, das wird bummvoll.“ Und recht hat er gehabt. Damals war die Nationalmannschaft nicht so erfolgreich, das war für uns ein bisschen ein Glück, weil wir ihre Rolle eingenommen haben. Ich kann mich auch noch gut an ein Ländermatch in Linz erinnern: Da haben die Fans alle anderen ausgepfiffen, aber die Salzburger bejubelt. Das sagt auch etwas über die österreichische Mentalität: Wenn es gut geht, sind alle da, wenn es nicht rennt und du sie brauchen würdest, dann nicht.
Hat Sie das Stadion 1994 ins Finale getragen?
Pfeifenberger: Ich glaube schon. Mit der Wucht, mit der Stimmung. In der Meisterschaft waren es bei vollem Haus 18.000, hier 50.000. Diese Masse war einfach sensationell, auch das ganze Drumherum: vom Hotel herfahren mit der Eskorte, alles Weiß-Violett.
Herzog: Ich glaube ja, dass viele Austria-Wien-Fans darunter waren. Die hat es gefreut, dass sie endlich wieder so weit gekommen sind.
Polster: Die waren natürlich verwöhnt aus der Zeit, als ich noch gespielt habe.
Zwei Jahre später hat Rapid im Europacup hier gespielt. Wie haben Sie das verfolgt?
Herzog: Es war eine gute Staffelung. Bei der WM 1990 war eine Euphorie fürs Nationalteam da, dann war dort eine Flaute, dafür sind die Salzburger gekommen, dann Rapid, dann war das Nationalteam mit der WM 1998 zurück. Innerhalb von fast zehn Jahren waren durchgehend Mannschaften erfolgreich.
Polster: Für ein so kleines Land war das schon beeindruckend. Diese Erfolge und diese Magie müssen auch mit dem Stadion zusammenhängen.
Danach war es zwar auch oft voll, aber keine Euphorie mehr vorhanden.
Herzog: Es hat ja keine Chance auf eine Qualifikation gegeben. Nach 1998 hätte eine neue Mannschaft aufgebaut werden sollen, das geht aber nicht von heute auf morgen. Das hat sich erst mit Arnautovic und Alaba so richtig geändert.
Kommen wir zu einer anderen Perspektive. Sie kennen das Stadion auch als Trainer, wie fühlt es sich an?
Herzog: Als ich mit Israel hergekommen bin, habe ich gewusst, dass es aufgrund der Laufbahn kein Hexenkessel wird. Wenn hinter der Ersatzbank Fans sitzen, hast du gleich eine ganz andere Stimmung.
Ist es dann auch leichter, Kommandos zu geben?
Herzog: Sicher. Wenn es eng und laut ist, brauchst du gar nicht reinrufen, die hören dich ja eh nicht.
Sie haben hier mit dem WAC gegen die Austria gespielt, als sie ihr Stadion umgebaut hat.
Pfeifenberger: In Wahrheit war das eine trostlose Stimmung. Wenn 8.000, 9.000 Leute kommen, verteilt es sich hier zu sehr.
Haben sich die Spieler trotzdem gefreut, weil es eben das Happel-Stadion war?
Pfeifenberger: Die Jüngeren schon, die Älteren nicht mehr, die spielen lieber in einem kleinen Stadion.
Und wie ist das in den Wiener-Landescup-Finale mit der Viktoria?
Polster: Es ist schon etwas Besonderes, wenn man in diese heiligen Hallen kommt, in denen sich das Nationalteam umzieht und so weiter. Wir haben das auch zelebriert, alle sind im Klubanzug und mit Krawatte gekommen.
Inwieweit spielt die Geschichte des Bauwerks eine Rolle? Weiß man über die politischen Hintergründe?
Polster: Natürlich kriegt man das mit, das ist schon wichtig. Trotzdem ist das Stadion nicht mehr zeitgemäß, dabei gäbe es hier alles, was man braucht: Trainingsplätze, Raum für Büros und die Geschäftsstelle.
Braucht es ein neues Stadion?
Polster: Ja, mit Logen und großen VIP-Räumen. Wir Legenden kriegen heute bei Länderspielen nur noch ein Ticket. Ich verstehe das, weil die Räumlichkeiten nicht da sind. Ich will aber mit meiner Frau kommen, nicht allein, deswegen gehe ich zu keinen Spielen mehr. Das ist schade.
Herzog: Ich bin ein kompletter Romantiker, aber trotzdem für einen Neubau. Ich komme seit Jahren mit Nationalteams herum: In Israel haben sie schönere Stadien, in Asien auch. Wenn sie in Thailand, Vietnam und Kambodscha bessere Stadien haben, brauchen wir uns nicht wundern. Ungarn, Slowakei, Albanien, Rumänien überholen dich, wenn du nimmer zeitgemäß bist. Ich weiß nicht, wie viel so ein Stadion kosten würde und was mit Denkmalschutz und dem ganzen Drumherum noch dranhängt, aber es gehört ein neues Stadion her, ohne Laufbahn.
Würden Sie dieses Stadion abreißen oder ein neues an anderer Stelle bauen?
Herzog: Ich finde die Lage hier perfekt, ich würde es plattmachen und ein neues bauen. Wenn wir ein hypermodernes Stadion hinstellen, muss man aber auch eine Idee haben, wie man es zwischendurch voll kriegt.
Polster: Ja, mit einem modernen Management, Konzerten und so weiter.
Pfeifenberger: Es sollte ja heutzutage kein Problem mehr sein, Ideen für Veranstaltungen zu haben.
Herzog: Ich war vor Kurzem bei Tottenham, die haben das modernste Stadion der Welt. Da spielt zweimal im Jahr die NFL, die haben nur für die Footballteams eigene Kabinen eingebaut, weil die mit 50, 60 Leuten kommen.
Polster: Ich liebe dieses Stadion, aber du musst da trotzdem etwas machen.
Herzog: Ich auch, aber darum geht es nicht. Vom Emotionalen her würde ich es nie wegreißen, weil das unsere Erinnerungen sind. Aber von der Entwicklung her geht es nicht anders.
Pfeifenberger: Ich würde es anders nutzen und woanders ein neues bauen.
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