Es ist einer dieser heißen Sommerabende im Juli. Das österreichische Nationalteam der Frauen trifft in einem Testspiel in Wiener Neustadt auf Island. Viel lieber wären beide Teams jetzt in Australien oder in Neuseeland. Aber die ÖFB-Frauen sind ebenso wie die Isländerinnen im Play-off an der WM-Qualifikation gescheitert. Also Wiener Neustadt statt Down Under. Es ist das erste Spiel nach dem Abtritt von Kapitänin Carina Wenninger. Die Innenverteidigerin war in den vergangenen Jahren im Nationalteam ein Fels in der Brandung. Trotz bester Fitness und italienischem Meistertitel mit der AS Roma entschied sich die 32-Jährige im Frühjahr, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, um fortan in einem neu geschaffenen Job der Bundesliga auf die Sprünge zu helfen. Die Liga kann das sicher brauchen, aber das Team hätte Wenninger auch noch gebraucht.Das zeigt sich nicht zuletzt an diesem Sommerabend in Wiener Neustadt. Denn nicht nur Wenninger und die ebenfalls 32-jährige Viktoria Schnaderbeck, die nach der EM 2022 ihre Laufbahn beendet hat, fehlen in der Defensive. Auch die besten Außenverteidigerinnen stehen verletzungsbedingt nicht zur Verfügung.
Höhepunkt Schweiz
Und so wird dieses Match zum Test für die Zukunft, dem Nationalteam stehen ungewisse Jahre bevor. Die Spielerinnen der Goldenen Generation, die zwischen Oktober 1992 und Jänner 1994 geboren wurden, sind jetzt die ältesten im Kader. Und sollten Laura Feiersinger, Verena Hanshaw, Virginia Kirchberger, Sarah Puntigam und Sarah Zadrazil ähnlich jung ihre Karriere beenden wie Schnaderbeck und Wenninger, dann bricht schon bald so etwas wie das Herzstück des Teams weg.
„Ich glaube nicht, dass sie auf einen Schlag aufhören werden“, sagt Teamchefin Irene Fuhrmann dem ballesterer. Die Spielerinnen hätten ihre Planungen noch nicht kundgetan. 2025, nach der EM in der Schweiz, könnte allerdings ein Aderlass erfolgen. Die neue Kapitänin und Teamälteste Puntigam denkt vorerst noch nicht an einen Rücktritt. Die knapp 31-jährige Steirerin, die im Sommer zu Houston Dash in die US-Liga gewechselt ist, will beim Turnier in der Schweiz dabei sein. „Ich will noch spielen, ich habe Spaß daran“, sagt sie. Die 30-jährige Sarah Zadrazil hat ihren Vertrag bei Bayern München bis 2026 verlängert. „Solange die Kickerinnen auf hohem Niveau in den Vereinen spielen, gehe ich davon aus, dass sie auch für das Team zur Verfügung stehen“, sagt Fuhrmann.
Defensivsorgen
Dennoch: Umbruch heißt das Zauberwort, um das sich in den kommenden Jahren viel drehen wird. Freilich hat sich schon in den vergangenen Jahren einiges getan. Während der frühere Teamchef Dominik Thalhammer vor und bei der EM 2017 zumeist mit einem Stammkader von 13, 14 Spielerinnen ausgekommen ist, hat es seine Nachfolgerin Fuhrmann geschafft, mehr und jüngere Akteurinnen einzubinden. Manche von ihnen nehmen mittlerweile wichtige Rollen im Team ein, etwa Barbara Dunst, Julia Hickelsberger-Füller, Marie Höbinger, Katharina Naschenweng und Laura Wienroither. Geboren sind die Genannten zwischen 1997 und 2001.
Mit dem bisherigen Umbruchsprozess ist Fuhrmann zufrieden. In der FIFA-Weltrangliste liegt Österreich auf der 18. Position – so weit vorne wie noch nie. „Das bedeutet, dass wir in den vergangenen drei Jahren sehr konstant unsere Leistungen gebracht haben.“ Trotz der verpassten WM-Qualifikation gab es einige historische Siege – gegen Italien, die Niederlande und Norwegen. Im Testspiel gegen Island reicht es an diesem Juliabend in Wiener Neustadt nicht zu einem Erfolg. Aber immerhin hält die neu formierte Abwehr 89 Minuten lang stand, ehe den Isländerinnen das 1:0 gelingt.
Dennoch, gerade die Defensive gibt Fuhrmann noch zu grübeln. Wenningers Abgang sei ein herber Verlust. „Wenn wir Spiele gewinnen wollen, müssen wir hinten gut stehen.“ Und in den vergangenen Monaten seien immer wieder Schnitzer passiert. Marina Georgieva fehlte es, auch wegen mangelnder Spielpraxis bei Paris Saint-Germain, an Konstanz. Bei ihrem neuen Klub, der Fiorentina, darf die 26-Jährige auf mehr Einsätze hoffen. Gegen Island bildeten die 30-jährige Virginia Kirchberger und die 22-jährige Celina Degen das Duo in der Innenverteidigung, Köln-Spielerin Degen scheint das Zeug zur künftigen Abwehrchefin zu haben. „Es ist schön zu sehen, dass die Jungen in der Lage sind, ihre Leistungen zu bringen, wenn sie gefragt sind“, sagt Fuhrmann und meint damit auch die 21-jährige Mittelfeldspielerin Annabel Schasching, die gegen Island als Außenverteidigerin einspringen musste. Als problematisch für die Zukunft könnte sich die Verletzungsanfälligkeit der jungen Generation erweisen. Gegen Island fehlten etwa Naschenweng, Wienroither, Hickelsberger-Füller, Plattner, Lisa Kolb und Katja Wienerroither. „Da sind wir schon an unsere Grenzen gestoßen“, sagt Fuhrmann. „Wenn wir alle zur Verfügung haben, sind wir gut aufgestellt. Aber je enger der Kader wird, desto schwieriger wird es.“
Nagelprobe Nations League
Das Reservoir an potenziellen Spielerinnen ist ohnehin enden wollend. Nach wie vor fehlt es an der Breite. Nur 11.000 Fußballerinnen sind landesweit registriert. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es 25.000, in Belgien 36.000. Umso bemerkenswerter sind die Erfolge der vergangenen Jahre im Nachwuchsbereich, die viel mit der Akademie in Sankt Pölten zu tun haben. Je zweimal qualifizierte sich ein U17- und ein U19-Team für eine EM. 2023 verpasste die U19 nach einem Sieg gegen die Niederlande und einem Remis gegen Belgien dort nur knapp das Halbfinale. Von einer neuen Goldenen Generation will Fuhrmann deshalb nicht sprechen. Einzelne Spielerinnen hätten aber das Potenzial, es bis nach oben zu schaffen. Torfrau Mariella El Sherif, Verteidigerin Lainie Fuchs und Stürmerin Valentina Mädl zählen wohl dazu.
War die Partie im Juli ein Test für die Zukunft, folgt im Herbst die Nagelprobe. In der Premierensaison der Nations League bekommt es Österreich ab 22. September mit den drei WM-Teilnehmern Frankreich, Norwegen und Portugal zu tun. „Je nachdem welcher Kader uns zur Verfügung steht, können wir eine sehr gute Nations League spielen“, sagt Fuhrmann. „Aber es kann auch in die Hose gehen.“