Was haben Red Bull Salzburg, Dietmar Hopp und Montagsspiele gemeinsam? Sie sind Symptome der Kommerzialisierung des Fußballs. Die Kritik an ihnen, so wie sie von aktiven Fans oft geübt wird, bezeichnet Raphael Molter in seinem Buch „Friede den Kurven, Krieg den Verbänden“ als bemerkenswert unreflektiert. Er möchte den Fokus von den Auswüchsen auf das ganze System lenken – den Kapitalismus. Fußball sei nicht per se gut oder böse, sondern das Produkt seiner Umstände.
Für diese Analyse seziert Molter im ersten Teil die Herrschaftsverhältnisse des Fußballs und die Geschichte der Kommerzialisierung. Anschließend leitet er von Gesellschaftstheorien und sozialen Bewegungen ab, wie sich der Fußball verändern könnte – und gibt wie in einem Manifest Handlungsanweisungen an die aktiven Fanszenen. Er schließt mit den Worten: „Mögen die herrschenden Verhältnisse, die Verbände und die Funktionäre vor einer Revolution zittern.“
Molter schafft es, Denkanstöße für einen neuen Fußball zu geben. Das Buch präsentiert sich als Wälzer, das liegt nicht nur an seinen 250 Seiten. Wer mit den Theorien von Karl Marx und Johannes Agnoli nicht vertraut ist, wird intellektuell gefordert. Dass die Handlungsempfehlungen an Ultras laut Molter keinen Anspruch auf wirkliche Umsetzung haben, ist etwas irritierend.
ballesterer: Wie ist es zur Idee für das Buch gekommen?
Raphael Molter: Christian Bartlau hat in seinem Buch „Ballverlust“ aufgezeigt, dass sich relativ viel an Gesellschaftskritik auch auf den Fußball übertragen lässt. Als Politikwissenschafter forsche ich am liebsten zu Institutionenkritik. Da habe ich gesehen, dass ich das auf den Fußball beziehen kann.
Im Buch geben Sie Handlungsempfehlungen an die aktive Fanszene, fast wie eine Anleitung zur Revolution. Sie schreiben aber gleichzeitig, diese seien nicht genauso in der Realität umzusetzen. Welchen Anspruch hat das Buch?
Da bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Vor anderthalb Jahren hätte ich gesagt, man kann es als eine Art Manifest lesen, weil es eine stringente Argumentation über das ganze Buch hinweg ist. Ich habe es aber vor zwei Jahren geschrieben. Heute geht es mir nicht mehr so sehr um die Empfehlungen, sondern um die Kernaussage: Es ändert sich nichts durch andere Personen in Führungspositionen oder Forderungspapiere von Fangruppen, die Verhältnisse im Fußball können sich nur in Relation zu den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen ändern.
Sie meinen, dass im Kapitalismus kein anderer Fußball möglich ist. Müssten die Ultras also erst das Wirtschaftssystem stürzen, um den Fußball zu ändern?
Sie sollten das zumindest im Blick haben. Ob es realistisch ist, ist fast wieder eine philosophische Frage. Große Sprünge sind durch die kapitalistische Logik sehr schwer, wir bewegen uns immer innerhalb kapitalistischer Leitplanken. Ultras sollten aber Brücken zur Gesellschaftspolitik ziehen. Die Ungerechtigkeiten im Fußball haben auch mit den gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten zu tun.
Sie schreiben, dass der Fußball den Fans nicht gehört. Haben die überhaupt noch Macht?
Wie Marx sagt, kann der Einzelne gegen die Institutionen nichts ausrichten. Die Strukturen des Fußballs sind nicht neutral, sie sind kapitalistisch ausgerichtet. Das heißt aber nicht, dass es auf alle Ewigkeit so bleibt. Die gefühlten Sachzwänge des Fußballs sind menschengemacht. Wir können also selbst beschließen, in welcher Form wir das ändern wollen. Wir müssen kritisch gegenüber den Strukturen und Herrschaftsverhältnissen bleiben und dürfen nicht resignieren. Es braucht ein wenig radikale Hoffnung.