Dass es einfach geht, ist gar nicht so einfach. Und dann ist da der Moment, an dem es flutscht. Ausflüge wollte ich immer machen – über die Grenze, nach Süden, nach Italien. Deshalb zog es mich vor 17 Jahren nach Kärnten. Hunderte Dinge meines fleißigen Lebens verhinderten meine Ausflüge bisher. An diesem Samstag im Juli ist alles anders.
Das Dreiländereck erwartet uns. Wir haben Karten für „Skunk Anansie“ um 14.00 Uhr beim No-Borders-Festival an den Laghi di Fusine bei Tarvis. Um 17.30 Uhr spielt Sturm in Klagenfurt gegen den SAK im Cup. Zum Mittagessen hat uns eine Freundin die Osteria Tarvisio empfohlen. Wir fahren spät los, doch heute ist das egal. Die Straße geht bergab Richtung Süden. Tarvis platzt aus allen Nähten. Trotzdem bekommen wir einen Parkplatz fast direkt vor dem Lokal und einen Tisch, ohne reserviert zu haben. Vorbereitung zählt nicht, wenn es läuft. Wir essen Pizza und Calamari Fritti. Alles entspannt.
Wir sehen Menschen Richtung Fusine ziehen und lassen dennoch keine Hektik aufkommen. Als wir beim Festivalgelände ankommen, sind alle Parkplätze belegt. Es scheint aussichtslos, doch als wir Richtung Ortszentrum rollen, deutet uns eine Villacherin zu warten. Ihr Mann parkt seinen SUV gerade am Hang einer Grundstückseinfahrt aus, unser Astra rollt elegant in Schräglage. 45 Minuten, meint der Ordner, seien es zu Fuß bis zum Festivalgelände. Um diese Zeit fährt kein Shuttlebus mehr, und die 1,5 Kilometer von der Website sind wohl für den obersten der Parkplätze angegeben. Wir nehmen den Fußmarsch auf uns. Unser ältester Sohn läuft voraus, der jüngere schimpft und lässt sich erst an den wildromantischen Sturzbächen beruhigen, in die er Steine wirft. Meine Frau humpelt mit ihrer Fußverletzung den Berg hinauf und schweigt. Die besten Voraussetzungen für Unstimmigkeiten. Sie bleiben aus. Als wir das Konzert erreichen, sind wir nassgeschwitzt, und „Skin“ schmettert „Infidelity“. Wir sind da. Im Moment. Der See glitzert. Das angesagte Unwetter bleibt aus. Das halbe Konzert bleibt uns.
Weil wir als Letzte kommen, sind wir die Ersten bei der Rückfahrt mit dem Shuttlebus. Dann geht es Richtung Klagenfurt. Als wir ankommen, sehen wir die Auswirkungen des Klimawandels. Ein Sturm hat Gärten und Straßen verwüstet. Meine Frau versucht, ihre Gemüsebeete wiederzubeleben. Ich schnappe unseren jüngeren Sohn, und wir fahren Richtung Welzenegg. Die „Schwarzen“ warten. Wir finden auch dort sofort einen Parkplatz. Wie könnte es heute anders sein. Mein Sohn hört die Fans singen und schreit: „Sturm ist da, komm schnell.“ Ich kann ihm kaum folgen, als er Richtung SAK-Platz läuft. Das Match beginnt. Sturm drückt und schießt schnell drei Tore. Der Regen setzt etwas drauf, der Himmel schickt Blitze und Donner. Wir finden gerade noch Platz unter dem Tribünendach. Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel für eine Viertelstunde. Die Sturm-Fans singen weiter. Sie haben kein Dach. „Schau, die haben keine Leiberl mehr an“, sagt mein Sohn. Als die Mannschaften wieder aus der Kabine kommen, kassiert Sturm einen Gegentreffer. Der SAK spielt darauf seinen Torjubel: „Ti moja rozica“. Der Refrain geht ab, alle singen. Der Regen hört auf, die Sonne bricht durch die Wolken. Die Mannschaften kommen aus der Pause. Sturm lässt nichts mehr anbrennen. Der SAK schießt das schönste Tor des Tages zum 2:7. Die Fans lassen ihr Röschen, rozica, noch einmal hochleben und essen die besten Cevape in Klagenfurt. Zu Hause angekommen baut mein Sohn das Spiel mit Duplo-Steinen nach. Heute ist unsere Welt in Ordnung.