In der Ferne wehen die Fahnen des Stadtrivalen, als Hertha BSC am 1. Oktober 2023 auf den FC Viktoria 1889 trifft. Während das Olympiastadion gerade für die Champions-League-Partie des 1. FC Union Berlin herausgeputzt wird, geht es beim Derby im Amateurstadion auf dem Olympiagelände um die vorderen Tabellenplätze in der Regionalliga Nordost. Die Frauen von Hertha BSC treffen auf Viktoria, das mit großen Zielen wie ein Start-up von Investorinnen geführt wird. Bei schönstem Herbstwetter finden sich über 800 Fans bei diesem Drittligaderby ein, das Publikum besteht aus einer Mischung von Familien und alteingesessenen Fans. Immer wieder werden Gesänge angestimmt, sogar eine Choreografie haben die Fans vorbereitet. Alle, die mitmachen wollen, bekommen blaue und weiße Tüten in die Hand gedrückt, die mit Luft gefüllt und zugeknotet werden sollen. Unter den Fans befindet sich auch der 27-jährige Ralf, er ist seit Kindheitstagen Hertha-Anhänger, nun hat er sich dem Support der Frauen verschrieben: „In kleineren Stadien zählt jeder Fan, ich möchte einer davon sein. Ich möchte dem Frauenteam zeigen, dass es großartig ist“, sagt er.
Basisentscheidung
Seit 1892 wird bei Hertha BSC Fußball gespielt, seit 1924 wird gekegelt, seit 1948 wird geboxt, und seit 1963 wird im Verein Tischtennis gespielt. Auch Frauen durften in den 1920er Jahren bei der Hertha kurzzeitig gegen den Ball treten, dann wieder ab 1978 – allerdings nur zehn Jahre lang. Warum sich das Frauenteam damals aufgelöst hat, kann heute niemand mehr so genau beantworten. Über 30 Jahre sollte es dauern, bis die Hertha wieder ein Frauenteam hatte. Nach zwei mehrjährigen Kooperationen mit den Teams vom FC Lübars und Turbine Potsdam wurde im Juli 2023 ein neuer Weg eingeschlagen.
Das hatte eine Faninitiative in einem Antrag auf der Mitgliederversammlung 2022 gefordert. „Wir wollen, dass auch Mädchen die Möglichkeit haben, für Hertha BSC aufzulaufen. In Berlin leben knapp 3,6 Millionen Menschen, gut die Hälfte davon sind Mädchen und Frauen. Es gibt genug Potenzial“, sagt Inis Heidekrüger. Sie war eine Mitinitiatorin des Antrags, der Verein hätte zuvor zu zögerlich agiert. „Die Frage ist ja seit Jahren immer wieder aufgekommen“, sagt sie. „Vom Verein ist dann meistens die Antwort gekommen, dass es gerade eine Kooperation mit Turbine gebe, das Geld knapp sei oder beides zusammen. Daher haben wir uns entschieden, einen Antrag zu stellen.“
Er wurde mit großer Mehrheit angenommen. Doch selbst ohne die Initiative der Mitgliederbasis hätte sich der Verein Gedanken machen müssen. Schließlich war der damalige Erstligist im Vorjahr der letzte Profiverein ohne Frauenteam. Laut den DFL-Richtlinien für die Lizenzierung ist die Gründung eines solchen zwar noch nicht Pflicht, jedoch müssen die Vertreter der beiden höchsten Spielklassen den Fußball von Frauen seit der laufenden Saison aktiv fördern.
Die große und die kleine Hertha
Der Antrag auf der Mitgliederversammlung sah ursprünglich ein organisches Wachstum vor. „Mit unserem Frauenteam wollen wir keine lokalen Strukturen in den Kiezen zerstören oder Frauen/Mädchen abwerben, sondern das Angebot erweitern“, hieß es im Antrag. Doch es kam anders, Hertha BSC einigte sich mit dem FC Hertha 03 Zehlendorf auf die Übernahme seiner Frauen- und Mädchenteams. Die Initiative dazu ging von Kamyar Niroumad, Präsident der kleineren Hertha, aus. Im April 2023 schrieb der Klub in einer Aussendung: „Wir stoßen bei der Weiterentwicklung und Professionalisierung der Leistungsteams leider an Grenzen und sehen bei Hertha BSC die idealen Bedingungen dafür.“ Die Spielerinnen sollten also von personeller, infrastruktureller und finanzieller Unterstützung durch Hertha BSC profitieren.
Ein kompletter Umzug der Frauenteams aufs Olympiagelände findet jedoch nicht statt. Zwar können einzelne Spiele und Trainingseinheiten dort ausgetragen werden, der reguläre Betrieb findet aber vorerst weiter auf dem Ernst-Reuter-Sportfeld in Zehlendorf statt. Denn auf dem Olympiagelände ist nicht genügend Platz für alle Teams, neben der Hertha trainieren dort Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 20 Vereinen und Verbänden. „Die Frauen und die U17-Juniorinnen trainieren zweimal wöchentlich auf dem Olympiagelände und zweimal pro Woche auf dem Platz bei Hertha Zehlendorf“, sagt Sofian Chahed. Der ehemalige Trainer von Turbine Potsdam ist seit Oktober 2022 Sportlicher Leiter der Frauen- und Mädchenabteilung bei Hertha BSC. „Wir stehen gerade ganz am Anfang, wir haben ein junges und talentiertes Team. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, sich in der Liga zu etablieren“, sagt er. Ob er über den Aufstieg nachdenke? „Wir wollen das Projekt nachhaltig aufbauen. Bestimmt kommt irgendwann der Punkt, an dem wir auch darüber nachdenken. Aber der ist nicht jetzt.“
Gänsehaut beim Derby
Dabei kämpft die Hertha in der dritten Spielklasse mit den Stadtrivalen Union und Viktoria um die vorderen Plätze. In der Liga spielen die zweiten Teams von RB Leipzig und Carl Zeiss Jena ebenso wie traditionelle Frauenvereine wie der Magdeburger FFC und der FFV Erfurt. Ganz im Gegensatz zur Bundesliga: Mit Turbine Potsdam ist der vorletzte verbliebene Frauenverein in der vergangenen Saison abgestiegen. Mit der Infrastruktur und den finanziellen Ressourcen der Frauensektionen bei Profiklubs der Männer mitzuhalten, ist fast unmöglich.
Interne Kritik, dass die Hertha durch die Kooperation eine Abkürzung nimmt, gibt es jedoch nicht. „Das ist unter den gegebenen Umständen das Beste, das wir erreichen konnten“, sagt Heidekrüger. Die Spielerinnen freuen sich, dass sie nun die Hertha-Fahne auf der Brust tragen können. „Es ist eine große Ehre und ein absoluter Traum. Es ist einfach überwältigend, vor so vielen Fans zu spielen. Ich bin stolz darauf, ein Teil davon zu sein“, sagt Kapitänin Elina Frieauff. Die 17-jährige Ronja Borchmeyer sieht das ähnlich. „Mich freut es jedes Mal, das Trikot anzuziehen und die blau-weißen Farben vertreten zu dürfen. Gegen Union habe ich im vollen Stadion die ganze Zeit Gänsehaut gehabt. Die Fangesänge waren krass – auch nach Abpfiff.“
Gegen die Tabellenführerinnen von Union setzte es zwar eine deutliche Niederlage, doch an diesem sonnigen Oktobertag schaut es für die Herthanerinnen gegen Viktoria schon viel besser aus. Sie gewinnen 2:1 – und lassen sich von den Fans feiern. „Ich bin richtig froh, wie gut das Team angenommen wird“, sagt Ralf. „Sie sind Teil der blau-weißen Familie und haben sich unseren Support genauso verdient wie die Männer.“