Pele ist fern. Er stammt aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Als er am 23. Oktober 1940 geboren wird, rücken die Truppen der deutschen Wehrmacht im Norden und Westen Europas vor. Im Jahr zuvor hat die FIFA nach Kriegsbeginn die Planungen für die WM 1942 eingestellt, außer Deutschland hat sich kein weiterer Ausrichter beworben. In Saudi-Arabien, wo die WM 2034 stattfinden wird, hat zwei Jahre vor Peles Geburt gerade die Ölförderung begonnen. Und als er 1966 seine dritte WM spielt, werden die Eltern von Neymar geboren. Pele hat nie bei einem Verein in Europa gespielt, die Bilder von einem großen Teil seiner Karriere sind auch für Zeitgenossen nur in Schwarz-Weiß zu sehen, erst in den späten 1960er Jahren werden sie bunt.
Doch Pele ist auch nah. Viele Facetten seines Lebens und seiner Karriere unterscheiden sich nicht von denen heutiger Spieler. Er ist ein Star am Feld, in der Werbung und jenseits des Platzes. Er besucht die Filmfestspiele in Cannes, nimmt Lieder auf und ist in Talkshows zu Gast. Er verkörpert den märchenhaften sozialen Aufstieg und gilt als glatter Karrierist, der alles dem Erfolg opfert und die Bevölkerung seines Landes verrät. Er ist Fußballer und Politiker, verehrt und verachtet. Er ist ein Schwarzer, der diskriminiert wird und der Rassismus verharmlost.
Pele hatte viele Namen und war sich dessen bewusst. Der erste, Edison Arantes do Nascimento, ist genau genommen schon falsch. Im Geburtenregister wird das am 23. Oktober 1940 geborene Kind als Edison eingetragen, ein Missverständnis, denn das „i“ wollen seine Eltern weglassen. „Brasilianer lieben Spitznamen, wer wüsste das besser als ich“, schreibt Pele in seiner Autobiografie von 2006. Seine Mutter nennt ihn bis an sein Lebensende „Dico“, bei Santos heißt er aufgrund seiner Hautfarbe anfangs „Gasolina“. Später setzt sich der Spitzname durch, den er selbst zunächst nicht mag, aber akzeptiert, weil ihn die ganze Welt verwendet.
Peles Knie
Noch eine Weltmeisterschaft werde er nicht spielen, sagt Pele im Juli 1966. Wenige Tage zuvor ist das Turnier für die Titelverteidiger mit dem Ausscheiden in der Vorrunde und für Pele mit einem Bänderriss im Knie und weiteren Blessuren zu Ende gegangen. Bereits im ersten Spiel gegen Bulgarien ist er immer wieder Ziel von Fouls, Brasilien verliert 0:2. Die Mannschaft aus alternden Stars wie Garrincha und unerfahrenen Talenten wie Tostao ist schlecht ausbalanciert. Gegen Ungarn spielt sie ohne Pele und verliert 1:3. Portugal mit seinem neuen Star Eusebio reicht im dritten Spiel ein Punkt zum Weiterkommen. Nach einem Tackle wird Pele minutenlang behandelt, kehrt mit bandagiertem Knie zurück, kann seinem Team aber kaum helfen. Auswechslungen sind ebenso wenig vorgesehen wie Gelbe und Rote Karten. Portugal siegt 3:1, der Weltmeister ist ausgeschieden. „Der Schiedsrichter hat nichts getan, um mich oder meine Mitspieler vor dieser brutalen Taktik zu schützen“, schreibt Pele später.
Das verletzte Knie hat eine Vorgeschichte, eine Familiengeschichte. Auch Peles Vater Joao Ramos do Nascimento, der den Spitznamen Dondinho trägt, ist Fußballer. In Tres Coracoes, der Kleinstadt im Bundesstaat Minas Gerais, in der Pele zur Welt kommt, spielt er als Halbprofi. Er ist groß gewachsen, ein Stürmer, der viele Kopfballtore macht und dadurch Aufmerksamkeit erregt. Auch beim CA Mineiro in der Landeshauptstadt Belo Horizonte. Dondinho wird zu einem Probespiel eingeladen. 1942, wie Pele behauptet. Oder eher 1940, wie es in Spielberichten steht. Einigkeit besteht darin, dass das Spiel für Dondinho mit einer schweren Knieverletzung endet. Er wird nicht bei CA Mineiro spielen, er wird nie Profi werden.
1944 zieht die Familie nach Bauru, nordwestlich von Sao Paulo. Dort findet der Vater Arbeit in einem Kaufhaus, dessen Besitzer der Präsident des Lusitana FC ist. Unter der Woche macht er dort Botengänge und kocht Kaffee, am Wochenende spielt er – solange das Knie hält. „Ich erinnere mich, wie er abends nur zu Hause saß, das Knie dick geschwollen“, schreibt Pele, der seinem Vater Eis bringt, um die Schwellung zu mindern. An eine Meniskusoperation habe kein Arzt damals gedacht. Ohnehin hätte es sich die Familie, zu der noch Bruder Jair, Schwester Maria Lucia, Onkel Jorge und die Großmutter gehören, wohl nicht leisten können. Nachdem er den eigenen Fußballtraum begraben hat, trainiert Dondinho seinen Sohn.
Pele spielt für den Bauru AC, wie Lusitana inzwischen heißt, und andere Klubs der Region. Er bekommt dort nicht nur seinen berühmten Spitznamen, sondern wird besser und ehrgeiziger. Trotz der Erfahrung, dass eine Verletzung das Leben als Profi schnell beenden kann, will er genau das werden. Waldemar de Brito, der für Brasilien bei der WM 1934 gespielt hat, vermittelt ihn als 15-Jährigen an den Santos FC, in die Hafenstadt am Rand von Sao Paulo. Der Beinbruch von Stürmer Valter Vasconcelos und Peles Dribblings, Finten und Tore bringen ihn bald in die Kampfmannschaft. 1957 wird er Torschützenkönig der Staatsmeisterschaft von Sao Paulo mit 36 Toren in 37 Spielen, im Juli schießt er in seinem ersten Länderspiel das erste Tor – gegen Argentinien im Maracana.
Die große Chance, um etliches größer als die, die Dondinho gehabt hat, ist ganz nah. Doch im März 1958 wird Pele bei einem Vorbereitungsspiel für die WM gefoult – am Knie. Trotz der Verletzung nominiert Teamchef Vicente Feola den inzwischen 17-Jährigen, der im Mai 1958 mit bandagiertem Knie den ersten Flug seines Lebens antritt. Nach Europa, wo das Team in Schweden den ersten WM-Titel holen wird.
Die Ankündigung im Juli 1966, nie wieder bei einer WM zu spielen, sei impulsiv gewesen, sagt Pele später, aber in diesem Moment so gemeint. Der Bewerb habe für ihn seinen Glanz verloren. Es dauert zwei Jahre, bis er wieder im Nationalteam spielt. Und vier, bis Brasilien dank ihm erneut Weltmeister wird. Die Knieverletzungen – und die Erinnerung an die seines Vaters – werden Pele durch seine Karriere begleiten.