„Wien ist die Fußballstadt des europäischen Festlandes. Welche Stadt sieht Sonntag für Sonntag selbst bei wenig einladendem Wetter zumindest 40.000 bis 50.000 Zuschauer auf allen Sportplätzen versammelt?“, schrieb der Sportjournalist Emil Reich am 24. November 1924 im Neuen Wiener Journal. Tags zuvor hatte der SK Rapid den Wiener Amateur SV, den heutigen FK Austria Wien, auf der heimischen Pfarrwiese 3:0 besiegt. Franz Weselik erzielte alle Tore – ein „Hat-trick“, wie die Sportmedien notierten. Reich fuhr fort: „Wo noch interessiert sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung für den Ausgang der Wettspiele, sodass man in den Abendstunden auf der Straße, in der Elektrischen, in den Gast- und Kaffeehäusern, im Kino und fast jeden zweiten Menschen von den Ergebnissen der Meisterschaftsspiele sprechen hört?“
Er beschrieb damit, wie sich das noch junge Massenphänomen Fußball in den frühen 1920er Jahren im Alltag der Wienerinnen und Wiener ausgebreitet hatte. Und zwar mehr als anderswo auf dem Kontinent. „In dieser Beziehung hat Wien allen europäischen Städten den Rang abgelaufen, mag man das nun als einen Vorteil oder einen Nachteil betrachten.“
Das Match auf der Pfarrwiese dürfte nicht nur im Ergebnis eine klare Sache gewesen sein. „Zwei Meister im Kampfe, doch nur einer führte meisterhaft die Klinge“, schrieb das Sport-Tagblatt, die seinerzeit wichtigste Sporttageszeitung, über das Spiel. Zeitgleich besiegte der SC Hakoah den First Vienna FC 1894 in dessen Stadion, der Hohen Warte, 3:1. „Mit einem bescheidenen Aufwand von Kunstfertigkeit siegte gestern die Hakoah über die unglücklich spielende Vienna“, bilanzierte der Matchbericht des Sport-Tagblatts. Der ungarische Hakoah-Stürmer Jozsef „Eisi“ Eisenhoffer erzielte zwei Tore für sein Team. Es war der achte Spieltag der Saison 1924/25. Die Spielzeit, die am 21. September begonnen hatte, läutete eine neue Ära ein. Sie war die erste Profisaison in Österreich, die erste auf dem Kontinent.
Großkoalitionäre
Die vier genannten Vereine – Rapid und Amateure, Hakoah und Vienna – hatten gemeinsam mit dem Wiener Sport-Club die Interessengemeinschaft „Große Koalition“ gebildet, um die Einführung des Profifußballs voranzutreiben. Auch andere arrivierte Vereine bekannten sich zum Profitum, wie die Floridsdorfer Admira im Februar 1924 in der Zeitung Der Tag: „Die Vereinsleitung hat in ihrer Sitzung am 30. Jänner beschlossen, der Einführung des Professionalismus zuzustimmen, das heißt, den Professionalismus im Prinzip für ihre Mannschaften einzuführen.“ Damit setzten die Klubs den Verband unter Zugzwang.
Im ÖFB fand die „Große Koalition“ in Bundeskapitän Hugo Meisl einen wichtigen Verbündeten, der die Einführung des Profitums als Generalsekretär beim FIFA-Kongress vertreten sollte. Am 1. März 1924 ermächtigte die Generalversammlung des Wiener Fußball-Verbandes den Verbandsvorstand, alle Maßnahmen zu ergreifen, um mit Beginn der Herbstsaison 1924/25 die Trennung von Amateur- und Profiliga durchzuführen. Elf Vereine in der ersten und zwölf Vereine in der zweiten Wiener Spielklasse starteten in die erste Profisaison, mit Zweitligist Germania Schwechat nahm nur eine nicht aus Wien stammende Mannschaft teil.
Vereine und Spieler mussten sich zwischen Amateur- und Profifußball entscheiden. Amateure konnten an der Profiliga teilnehmen, aber Profis nicht im Amateurbereich spielen. So entschied sich der Wiener AC aus dem zweiten Bezirk für die Profiliga. Einige seiner Spieler, die Studenten waren, zogen es jedoch vor, Amateure zu bleiben. Der ägyptische Medizinstudent und Stürmer Mohammed Al Anwar zum Beispiel ging für die Athletiker noch etwas mehr als ein Jahr in der Profiliga auf Torejagd, nach seiner Promotion im November 1925 kehrte er in seine Heimat zurück.
Am 5. September 1924 beschloss die Generalversammlung des Wiener Fußball-Verbandes schließlich die Einführung des Profifußballs. Zwei Wochen später stimmte die Generalversammlung des ÖFB zu, zwei Tage später wurde der erste Spieltag angepfiffen. Die elf Erstligisten spielten im Modus „Jeder gegen jeden“. Neben den fünf Großkoalitionären komplettierten die Floridsdorfer Admira, der Wiener AC, der 1. Simmeringer SC, der Sportclub Wacker aus Meidling, der Favoritner SC Rudolfshügel und der SK Slovan, der Verein der Wiener Tschechen, das Feld. Zum Auftakt vermerkte das Sport-Tagblatt: „Das ist ein gewaltiges Ereignis, das sicher auch im Auslande entsprechenden Eindruck machen wird, da unsre besten Spieler, unsre hervorragendsten Vereine offen das Bekenntnis ablegen, dass sie Geld nehmen, beziehungsweise geben.“