Während die Spieler am Rasen Tore schießen, wird drumherum immer mehr Inhalt produziert. Die Zahl der Stadionvlogger und Fußballinfluencer wächst stetig, ihre Videos von den Tribünen erleben einen Boom und werden millionenfach geklickt. Um besser zu verstehen, was dahinter steckt, begleitet der -ballesterer den reichweitenstärksten österreichischen Stadionvlogger zu einem Spiel. Sebastian Miegl studiert Jus, momentan aber nicht mit hundertprozentigem Engagement, wie er sagt, denn er ist eben auch Content-Creator rund um das Thema Fußball und nimmt seine Fans als „dermiegl“ wöchentlich mit in die Stadien Österreichs und darüber hinaus. Am Programm steht heute das Rückspiel im Play-off zur Europa League, der SK Rapid empfängt den portugiesischen Klub SC Braga.
Emotionalisieren und polarisieren
Schon bevor es Richtung Stadion geht, beginnt Miegl sein Video mit einem genretypischen Einstieg: Er filmt sein Essen. Heute gibt es für die Zuseherinnen und Zuseher eine kurze Einführung in die vietnamesische Küche samt kleiner Restaurantkritik – das Fazit zu Sommerrollen
und Schweinebauchfleisch fällt positiv aus. „Beim ersten Mal ist das Filmen immer etwas komisch“, sagt er vor Aufnahmestart. „Aber man gewöhnt sich dran.“ Der Sturm-Fan begann eher zufällig mit seinen Stadionvlogs, als er sich vor mehr als zwei Jahren bei einem Besuch im
Liebenauer Stadion filmte und danach viel Zuspruch bekam. Fußball eignet sich ausgezeichnet für Social-Media-Content, gerade Inhalte über Vereine emotionalisieren und polarisieren, und das ist es, was Influencerinnen und Influencern Reichweite verschafft. Miegl hat das gemerkt und sich seitdem auf diese Inhalte spezialisiert.
Sein beliebtestes Video auf YouTube entstand beim Grazer Derby im Oktober 2022 und hält heute bei
34.000 Aufrufen, auf TikTok erhielten seine Clips bisher 200.000 Likes.
Nach dem Essen geht es mit der U-Bahn nach Wien-Hütteldorf. Bei internationalen Spielen unterstützt Miegl die österreichischen Vertreter, nicht nur wie heute den SK Rapid, sondern auch – was beim Polarisieren hilft – Red Bull Salzburg: „Die Bundesliga profitiert von ihnen, die Europacupstartplätze haben wir größtenteils Salzburg zu verdanken“, sagt er. Aber auch abgesehen von seiner persönlichen Sympathie hofft der YouTuber heute auf einen Sieg von Rapid, das Video würde dann deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Influencer raus
In den Fanszenen Europas sind die Social-Media-Stars nicht immer gern gesehen. Einen kleinen Höhepunkt erreichte die Debatte bei der EM im Sommer, als Paola Parente, Twenty4tim, ViscaBarca und andere auf ihren Kanälen von den Partien posteten. Oft auf Einladung von Turniersponsoren. „Dass hier vereinzelt Menschen Zugang zu Karten ermöglicht wird, die keinerlei Faninteresse verfolgen, sondern nur sich selber vermarkten wollen – das ist, vorsichtig formuliert, schräg“, sagte Thomas Kessen, Sprecher der deutschen Fanorganisation „Unsere Kurve“, dem Spiegel.
Grundsätzlich versucht Miegl, den Fankurven gegenüber respektvoll zu sein und auf ihre Forderung, nicht gefilmt zu werden, Rücksicht zu nehmen. Er filme aus der Distanz und mache im Extremfall die Gesichter unkenntlich. Bislang habe er kaum Probleme gehabt, einmal sei er von Anhängern eines österreichischen Klubs aber verjagt worden, als er ihren Fanmarsch begleitet und gefilmt habe. „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn da zwei Vermummte auf dich zulaufen“, sagt Miegl über die Situation.
Rechtlich ist das Filmen und Vervielfältigen von Spielszenen zumindest problematisch. Bislang werden Miegls Videos aber von den Rechteinhabern hingenommen. Miegl sagt, er bringe
vor allem junge Menschen näher an den Fußball und im Zuge dessen würden auch andere von seinem Content profitieren. „Das ist gute Werbung für die Ligen und Verbände.“ Das scheinen aber nicht alle so zu sehen. Sky unterhält eine Anti-Piracy-Abteilung, um gegen Inhalte vorzugehen. „Wir zahlen viel Geld für die Rechte und wollen unseren exklusiven Con-tent exklusiv bei uns haben, und nicht bei Vloggern und YouTubern“, sagte Uwe König, Vice President Sports von Sky Österreich, im Mai dem ORF.
Im ausverkauften Weststadion hat Miegl auf der Längsseite Platz genommen und hält sein Handy bereit, um wichtige Spielsituationen und seine Reaktion darauf zu filmen. Seit er seine Stadionbesuche filmisch festhält, hat er lediglich drei Tore nicht mit der Kamera einfangen können, sagt er. Auch beim heutigen 2:2 erwischt er alle vier Treffer. Miegl hat viel experimentiert, damit
man seine Stimme trotz der Stadionatmosphäre gut hören kann. Am besten funktioniere das Mikrofon seines
Handys, er spricht aus kürzester Distanz hinein. Auch vor ohrenbetäubender Kulisse versteht man so im Video, was er sagt. Das Remis bedeutet für Braga nach dem 2:1 im Hinspiel die Teilnahme an der Europa League – Rapid hat eine 2:0 Führung durch individuelle Fehler aus der Hand gegeben.
Meist ein Minusgeschäft
Miegl sagt, er wolle denen, die nicht beim Spiel seien, die Stimmung näherbringen und so auch ein Stadionerlebnis ermöglichen. Bei der Zielgruppe kommt das an. Immer wieder bitten Kinder und Jugendliche in Hütteldorf den 25-Jährigen um Selfies. Sie freuen sich sichtlich, ihn zu treffen. Einmal sei der Sohn von Sturm-Trainer Christian Ilzer im Stadion auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob er denn seinen Papa kenne, erzählt Miegl. Auch unter den Sturm-Spielern würden einige seinen Kanal verfolgen. Der YouTuber hat dadurch auch Kontakte ins Umfeld des Vereins und Einblicke hinter die Kulissen der Mannschaft. „Am Anfang bin ich überrascht gewesen, dass die Spieler, denen ich wöchentlich zusehe, mir zusehen.“ Auch andere Vereine seien bereits auf ihn aufmerksam geworden, erzählt Miegl, so habe ihn der Geschäftsführer des Floridsdorfer AC eingeladen, die Heimspiele des Zweitligisten zu verfolgen.
Abgesehen von solchen Einladungen sei das Ganze finanziell aber meistens ein Minusgeschäft. Seine Eintrittskarten und Reisen zahlt Miegl meist aus eigener Tasche, vereinzelte Sponsorings würden zwar helfen, aber viel Geld verdiene er nicht. Er bearbeitet seine Videos noch am Spieltag und sitzt teilweise bis spät in die Nacht vorm Bildschirm, damit die Vlogs am nächsten Tag abrufbar sind. Mit dem heutigen Spiel ist der Vlogger jedenfalls zufrieden: Es war eine stimmungsvolle Partie, und Rapid spielt immerhin in der Gruppenphase der Conference League. Am nächsten Tag kann man den 18-minütigen Vlog auf YouTube finden. Sebastian Miegl bereitet sich da schon auf die nächste Bundesliga-Partie vor. Es geht zu Sturm.