Elke Kahr schaut gerne Fußball, zwei neue Stadien in der Stadt will die Grazer Bürgermeisterin aber nicht. Im Interview erklärt sie, warum leistbarer Wohnraum für sie wichtiger ist als perfekte Bedingungen für Bundesligaklubs.
Am Tag vor dem ballesterer-Termin ist alles raus: Medien berichten, in Graz werde kein zweites Stadion gebaut, die Stadt habe sich auf die Renovierung des Stadions Liebenau festgelegt. Der SK Sturm und der GAK werden sich weiter eine Spielstätte teilen. In der Grazer Fußballwelt lässt dieses Thema niemanden kalt. KPÖ-Bürgermeisterin Elke Kahr und ihr Finanzstadtrat Manfred Eber hätten eine Lösung verschleppt, lautet ein Vorwurf. Wozu wir mit ihr zum Stadionthema sprechen wollen, es sei doch alles geklärt, fragt Kahr zu Beginn. Diese Strenge passt nicht zum sonst herzlichen Empfang. Die hohen, dunkel vertäfelten Büroräume sind gemütlich eingerichtet. In einer Ecke hängt ein Opatija-Zigaretten-Poster. Kahr erzählt von ihrem langlebigen Plattenspieler, den erst kürzlich ein Fachhändler am Griesplatz repariert habe. Sie spricht einfach und verständlich, auch bei der komplizierten Stadionfrage, zu der es doch noch einiges zu sagen gibt.
ballesterer: Was haben Sie für eine Beziehung zum Fußball?
Elke Kahr: Als Kind habe ich wie alle bei uns in der Siedlung Fußball gespielt. Da waren die Mädchen nicht ausgeschlossen. Ich liebe Ballsportarten jeder Art und bin eine Mannschaftssportlerin, aber überhaupt keine Vereinsmeierin. Ich bin auch ganz talentiert gewesen. Meine Turnlehrerin hat mich gefördert und zu den steirischen Schülersportmeisterschaften geschickt. Da habe ich die Goldmedaille im Weitsprung gemacht. Mein Sohn hat auch von klein auf so ein Bewegungstalent gehabt. Mein Mann wiederum ist der Zeitungsjunkie. Der kennt jedes Fußballergebnis, ist aber ein kompletter Antisportler.
Hat es in der Triestersiedlung, wo Sie aufgewachsen sind, einen Fußballplatz gegeben?
Wir haben beim Urnenfriedhof gewohnt und auf der Straße gespielt. Es hat damals noch viele Wiesen gegeben. Wenn man die Verbauung dort heute sieht, ist es schwer vorstellbar, dass das damals möglich war.
Ihr Sohn ist Sturm-Fan. Ist Fußball ein Thema in der Familie?
Das ist privat, das möchte ich ausgespart lassen. Nur so viel: Mein Sohn ist Mitte 30, Familienvater und rechnet sich einer Richtung von Fans zu, die kommerzialisierungskritisch sind. Sie legen Wert darauf, dass Fußball ein Spiel ist und das Gegenüber kein Kriegsgegner, sondern eine Mannschaft, die auch gerne gewinnen möchte. Das ist ihm wichtig und mir auch.
Am Arbeitsplatz – Die Stadionfrage beschäftigte Kahr zuletzt intensiv
Sturm und GAK sind derzeit sehr erfolgreich im Spitzensport. Aber Fußball ist auch Breitensport. Beide brauchen Unterstützung. Wie gehen Sie diesen Spagat als Bürgermeisterin an?
Wir haben immer schon die Meinung vertreten, dass die Kommune die Aufgabe hat, den Breitensport zu fördern und zwar in allen Sportarten. Im Profifußball gibt es tolle Vorbilder für junge Menschen. Das Gleiche gilt aber für Handball und Volleyball und eigentlich alle Sportarten. Außerhalb des Fußballs sind aber fast alle Menschen ehrenamtlich tätig. Der Fußballklub LUV Graz kämpft schon lange um einen Ausbau seines Sportplatzes. Das haben wir jetzt endlich geschafft. Auch die großen Profiklubs sind von der Stadt nie schlecht bedient worden.
Wenn man sich den Postsportplatz und den Sportplatz des ATG anschaut und einige mehr, gibt es da noch großen Aufholbedarf.
Wir vertreten die Ansicht, was im öffentlichen Eigentum ist, soll dort bleiben. In jeder Periode nehmen wir uns wie bei den Gemeindebauten vor, konkrete Renovierungen zu machen, und zwar in Abstimmung mit den Sportverbänden. Im Übrigen müssen Sie diese Frage dem Sportstadtrat stellen. Diese Agenden sind in den Händen der ÖVP. Das schafft man nicht in einer Periode. Wichtig ist hier die Transparenz. Dass jeder weiß, wann er drankommt und wie lange er noch warten muss. Die Investitionen in Sportanlagen in dieser Amtsperiode bisher gehen in die zweistelligen Millionenbeträge.
Ist das ausreichend?
Es geht auch darum, Platz für den Sport zu reservieren. Vor allem bei Wohnbauten. Damit sich die Menschen in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes sportlich betätigen können. Die Dornschneiderwiese neben der Triestersiedlung ist jahrzehntelang brach gelegen. Da kannst du jetzt Volleyball, Basketball, Fußball und Tischtennis spielen, und es gibt Toilettenanlagen und Sitzgelegenheiten. Das ist wunderschön geworden.
Es gibt Dinge, die die Allgemeinheit unbedingt braucht. Dazu gehört ein Dach über dem Kopf, Bildung und genug zu essen. Dass Sturm und GAK ausgezeichnete Bedingungen vorfinden, ist nicht lebensnotwendig.
Wenn man in den Profisport unterhalb der höchsten Liga geht, dann gibt es derzeit in Graz keinen lizensierten Fußballplatz. Sturm II muss für seine Spiele nach Wolfsberg ausweichen. Welche Lösung sehen Sie hier?
Das würde eine Zweistadienlösung bedeuten, die ist nicht möglich. Das war für mich immer klar. Für andere nicht. Die SPÖ als Koalitionspartner hat sie schon vor der letzten Wahl forciert. Deshalb haben wir ihr den Vorsitz im Stadionausschuss gegeben. Jetzt haben wir in der Koalition gemeinsam festgelegt, es wird eine Prüfung zu einem Stadion geben und nicht zu zwei.
Aus welchem Grund nur ein Stadion?
Das hat budgetäre Gründe. Warum sollten außerdem Sturm und GAK nicht in einem Stadion spielen?
Weil es hinsichtlich Nutzung, Vermarktung und Größe für den GAK suboptimal ist. Ganz zu schweigen von der Rivalität.
Ja, es ist nicht immer alles optimal. Optimal wäre es, wenn wir 50 Prozent Gemeindebauten für die Menschen in Graz hätten und Mietobergrenzen für den privaten Wohnungsmarkt. Haben wir aber nicht. Es gibt Dinge, die die Allgemeinheit unbedingt braucht. Dazu gehört ein Dach über dem Kopf, Bildung und genug zu essen. Dass Sturm und GAK ausgezeichnete Bedingungen vorfinden, ist nicht lebensnotwendig. So gewichten wir dann die Budgetmittel der Stadt. Außerdem möchte ich hinzufügen: Ohne Bund, Land und Vereine wäre sich ein Neubau ohnehin nie ausgegangen.Hatte das Land Steiermark eine Finanzierung zugesagt?
Geredet wird vor der heurigen Landtagswahl viel. Auf das gebe ich nichts. Wir brauchen fixe Zusagen. Ich sehe das, was ich an budgetären Mitteln habe, und ein zweites Stadion wäre sich nicht ausgegangen.
Auch nicht, wenn Sturm das Stadion Liebenau als Baurecht kauft wie angeboten?
Was machst du dann mit dem GAK? In Weinzödl im Norden können sie aus wasserrechtlichen Gründen nicht ausbauen, und die Mittel für ein Stadion über der Remise in Puntigam in die Hand zu nehmen, die dort notwendig wären, ist fahrlässig bei unserem Budgetstand. Da sind Dinge ohne geprüfte Konzepte durch die Medien gegeistert.
Wenn das für Sie immer so klar war, warum haben Sie sich nicht früher so positioniert? Dann hätten Sie sich den Vorwurf erspart, dass jetzt zwei Jahre mit Diskussionen ins Land gezogen sind.
Ich habe nie einen anderen Standpunkt gehabt. Ein Ausschuss unter SPÖ-Leitung hat diese Varianten diskutiert. Aber ja, ich hätte viel früher sagen sollen: „Jetzt ist Schluss.“ Ich hätte früher die Notbremse ziehen müssen, als klar war, dass ein Ausbau von Weinzödl nicht möglich sein wird. Aber das war für uns alle inklusive der Grünen nicht leicht. Fußballfans sind eine starke Lobby.
Ich schaue mir gerne Spiele an, aber nicht, um gesehen zu werden oder auf einer Erfolgswelle mitzuschwimmen.
Wie geht es nun weiter?
Es kommt die Prüfung für den Ausbau des Stadions Liebenau von der Stadtbaudirektion in Absprache mit den Vereinen. Das Stadion ist jahrelang vernachlässigt worden, das möchten wir jetzt angehen. Mit Sturm-Präsident Christian Jauk sind wir in guten Gesprächen. Mal sehen, welche Pferdefüße es bei der Renovierung noch gibt.
Schauen Sie sich die Gastronomie und die Verkehrssituation dort auch an? Die ist nicht gut.
Ja, es kommt ein umfassendes Konzept.
Bleibt die Frage zu den Zweitliga- und den Regionalligavereinen. Wo spielen die?
Wir sollten uns die Gruabn als Spielstätte wieder anschauen. Die scheint mir nicht voll ausgelastet. Aber dazu kann ich ad hoc im Detail nichts sagen, da müsste ich mich näher informieren. Die Mittel für das Sturm-Trainingszentrum für die Frauen und den Nachwuchs sind freigegeben.
Was gibt es noch zu sagen?
Offen ist noch der Wunsch, Ivica Osim im öffentlichen Raum zu würdigen. Vom Bürgermeisteramt haben wir das Budget zur Verfügung gestellt. Jetzt ist der Standort offen.
Osims Bedeutung geht über Sturm hinaus.
Und Osim war nicht so für Huldigungen zu haben. Da würde ich überhaupt bei der aktuellen Erfolgswelle aufpassen. Vereine brauchen auch dann Unterstützung, wenn sie nicht so erfolgreich sind wie GAK und Sturm gerade jetzt. Ich schaue mir gerne Spiele an, aber nicht, um gesehen zu werden oder auf einer Erfolgswelle mitzuschwimmen, sondern aus Freude am Spiel und den Fans.
Elke Kahr (62) ist seit November 2021 Bürgermeisterin von Graz.
Sie führt die Stadtregierung in einer Koalition mit der SPÖ
und den Grünen, und ist die einzige KPÖ-Bürgermeisterin des Landes.
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