Die Großklubs dominieren Rios Staatsmeisterschaft nach Belieben, im März 2025 gewann Rekordsieger Flamengo den Wettbewerb zum 39. Mal.
Zwischen Stränden und Stadien
Hoch oben im Westen thront die Christusstatue, das weltbekannte Wahrzeichen von Rio de Janeiro. Im Osten erstreckt sich an der Küste ein breiter Strand, im Meer schaukeln dutzende Boote. Dahinter ragt der Zuckerhut mit seiner Gipfelseilbahn empor. Die Bucht von Botafogo ist fast schon zu kitschig, um wahr zu sein. Die Aussicht interessiert die tausenden Menschen hier am 1. Dezember 2024 bei sommerlichen Temperaturen aber nur am Rande. Sie blicken nicht hoch zur Christusstatue, auch nicht zum Zuckerhut und aufs Meer. Sondern nur auf den LKW, der sich langsam die Strandpromenade entlangschiebt. Auf der Ladefläche: die Spieler von Botafogo FR. Tags zuvor hat die Mannschaft in Buenos Aires erstmals die Copa Libertadores, das südamerikanische Pendant zur Champions League, gewonnen. Finalgegner war der Ligarivale Atletico Mineiro aus Belo Horizonte.
Brasilianische Dauerparty
„Campeao da America“ steht auf einer riesigen Fahne, die am LKW angebracht ist. „Ninguem ama como a gente“ auf einer anderen: Niemand liebt so wie wir. Wieder und wieder stemmen die Spieler die gewaltige Trophäe mit ihrem breiten Sockel und dem silbernen Ball in den dunklen Himmel. Rundherum brennen Bengalen, Bier wird in die Menge gespritzt. Aus den Boxen schallt Partymusik auf Portugiesisch mit tiefen Bässen. Manchmal tanzen die Fans zu den Beats, dann singen sie wieder ihre eigenen Lieder, klatschen, hüpfen und schwenken Pyrofackeln. Fast alle tragen ein Trikot mit Botafogos weißem Stern auf schwarzem Grund. Auch viele eilig produzierte Siegerschärpen mit Fotos aller Kaderspieler sind zu sehen.
Da ist zum Beispiel Thiago Almada. Der womöglich vielversprechendste Spieler der Mannschaft wechselte im Jänner zu Olympique Lyon. Oder Gregore, der im Finale bereits in der zweiten Spielminute Rot sah und seine Mannschaft damit erst einmal in die Bredouille brachte. Natürlich sind auch die drei Torschützen abgebildet: Luiz Henrique, Junior Santos und Alex Telles, der neun Jahre in Europa spielte. Sie haben Botafogo trotz Unterzahl und sehr wenig Ballbesitz zum 3:1 geschossen. Einen epischen Triumph nannte der portugiesische Trainer Artur Jorge diese Leistung. „Vielleicht sogar den epischsten Triumph in der Geschichte aller Copa-Libertadores-Finale.“
Der Kontinentalbewerb hat sich zuletzt zu einer brasilianischen Dauerparty entwickelt. In den vergangenen sechs Jahren kamen zehn der zwölf Finalisten aus dem größten Land Südamerikas. Sämtliche Titel gingen nach Brasilien, die letzten drei nach Rio de Janeiro. 2022 gewann Flamengo, 2023 Fluminense und nun Botafogo. Eine Woche nach dem Sieg in Buenos Aires holte sich der Klub im Fernduell mit Titelverteidiger Palmeiras aus Sao Paulo auch noch die Meisterschaft und feierte einfach weiter. Momentan ist Rio de Janeiro Südamerikas Fußballhauptstadt.
Reiche Pioniere
Die drei jüngsten Copa-Libertadores-Sieger stammen nicht nur aus der gleichen Stadt, sie sind fast so etwas wie Nachbarn. Zwei, nämlich Flamengo und Fluminense, sind sogar miteinander verwandt. Nur Rios vierter Großklub Vasco da Gama hat seinen Ursprung nicht im wohlhabenden Süden der Stadt, sondern im Nordwesten. Wo Botafogos Parade endet, beginnt das Viertel Flamengo. Der gleichnamige Klub ist heute der größte Brasiliens. Flamengos Fußballabteilung ist aus einer Abspaltung von Fluminense entstanden, dem ältesten Klub der Stadt. Fluminenses Vereinssitz ist seinerseits nur zehn Gehminuten von der Botafogo-Bucht entfernt. Dort steht das Estadio das Laranjeiras, gewissermaßen der Geburtsort von Rios Fußball.
Als Hebamme fungierte Oscar Cox. Ein gebürtiger carioca, wie man die Bewohner Rio de Janeiros nennt, mit britischen Wurzeln. Während seiner Studienzeit in Europa kam Cox mit dem dort gar nicht mehr so neuartigen Fußball in Kontakt. Nach der Rückkehr in seine Heimat wollte er auf sein Hobby nicht mehr verzichten. Also gründete er 1902 den ersten Fußballklub der Stadt und nannte ihn Fluminense, die Bezeichnung für Bewohner des Bundesstaates Rio de Janeiro. Ab 1906 gab es endlich genügend Gegner für eine lokale Meisterschaft. Unter anderem Botafogo, weshalb Duelle zwischen den beiden Stadtrivalen als „Classico Vovo“ firmieren, zu Deutsch: Opaderby. Als die Opas noch Kinder waren, gewann meist Fluminense. Der Klub von Cox sicherte sich die ersten vier Staatsmeisterschaften von Rio.
Aufgrund der Dimensionen des fünftgrößten Landes der Welt beschränkte sich Brasiliens Fußballbetrieb lange auf diese regionalen Turniere. Einen landesweiten Bewerb gibt es erst seit 1959, dessen Einführung führte aber keineswegs zur Abschaffung der Staatsmeisterschaften. Als Eigenart Brasiliens finden sie alljährlich vor dem Beginn der Meisterschaft im April statt – und die großen Klubs spielen stets mit. „Die Vereine in Rio betrachten die Campeonato Carioca als eine Art Vorbereitungsturnier“, sagt die Journalistin Raisa Simplicio, die aus Rio für das Fußballportal Goal Brasil berichtet, dem ballesterer. „Siege in der Staatsmeisterschaft sind egal, Niederlagen aber resultieren in Krisen. Dann ist der Trainer zu Beginn der Meisterschaft vielleicht schon nicht mehr im Amt.“ Trotz der gesunkenen Bedeutung dominieren die Großklubs Rios Staatsmeisterschaft nach Belieben, im März 2025 gewann Rekordsieger Flamengo den Wettbewerb zum 39. Mal. Letztmals durchbrochen wurde die Phalanx der großen vier 1966 vom aktuell viertklassigen Bangu SC.Kronleuchter und Glasmalerei
Zurück zu den Anfängen ins Viertel Laranjeiras, wo sich die Pioniere von Fluminense ansiedelten und bald das erste Stadion des Landes bauten. 1914 fand hier das erste inoffizielle Länderspiel Brasiliens statt, das die Gastgeber mit 2:0 gegen Exeter City gewannen. Es einmal mit dem Rekordweltmeister aufgenommen zu haben, kann nicht jeder von sich behaupten. Entsprechend stolz sind die Fans des englischen Drittligisten auf dieses Spiel. „Have you ever played Brasil?“, singen sie gerne in Richtung ihrer Gegner. In Rio erinnert das Estadio das Laranjeiras seit seinem letzten Ausbau 1922 weitestgehend unverändert an die Anfänge des dortigen Fußballs. Aktualisiert wurde über die Jahre lediglich die Titelaufzählung auf der Betonwand über dem Oberrang. Fluminenses vier Meistertitel sind dort genauso fein säuberlich vermerkt wie der erstmalige Triumph in der Copa Libertadores 2023.
Auf der Haupttribüne begrenzen fein verarbeitete Holzgeländer eine Empore. Dahinter führt eine Marmortreppe in einen Saal, der eher für Tanzbälle geschaffen scheint als für Ballspiele. Unten Parkett, oben ein Kronleuchter, die Fenster sind mit antik anmutenden Malereien verziert. Ein Diskuswerfer vor einem griechischen Tempel ist zu sehen und ein Pferdegespann vor einem römischen Triumphbogen. Im Nebenraum wartet ein Flügel darauf, bespielt zu werden. Erhaben still ist es hier am Montagvormittag nach Botafogos rauschender Siegesfeier nur wenige hundert Meter entfernt, dennoch schreit das Ambiente: Wir sind alt und elitär! Fluminense gilt als Rios Klub der Oberschicht, hat deshalb womöglich seinen Startvorteil verspielt. Der älteste Verein der Stadt ist nämlich nicht der größte und erfolgreichste. Das ist Flamengo, Fluminenses kleiner Bruder.
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