Andrei Markovits scheut klare Worte nicht: „Donald Trump ist ein Diktator von Kopf bis Fuß“, sagt er. Markovits hat jahrzehntelang in den USA Soziologie und Politikwissenschaft gelehrt, zuletzt an der University of Michigan. Er kennt sein Land, und er kennt Europa, besonders Deutschland und Österreich. In seinen Vorträgen und Publikationen hat er sich immer wieder dem Fußball und dessen gesellschaftlicher Bedeutung gewidmet – nicht zuletzt aus Begeisterung für den Sport. Die will Markovits sich von Trump nicht nehmen lassen, wenn die WM im kommenden Jahr in den USA, Kanada und Mexiko stattfindet.
ballesterer: Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung in den USA ein? Wird der Co-Ausrichter der WM im Sommer 2026 noch eine liberale Demokratie sein? Oder eine Autokratie, eine Oligarchie?
Andrei Markovits: Das Wort Oligarchie wird oft falsch verwendet. Jede moderne Organisation ist eine Oligarchie, weil sie von einer kleinen Zahl von Leuten geleitet wird. Eine Firma wie Siemens ist oligarchisch, die University of Michigan ist oligarchisch, deutsche Bundesliga-Vereine sind oligarchisch, auch wenn sich die Deutschen so gern auf die vermeintliche Demokratie ihres Fanseins berufen. Oligarchie ist ein Modus der organisatorischen Existenz, nichts weiter.
Gut, ist dann Autokratie der passende Begriff?
Eine Autokratie ist das Gegenteil einer liberalen Demokratie. Autokratie ist ein Inhalt, während Oligarchie ein Modus ist. Und wir sind in den USA auf dem Weg zu einer Autokratie. Das ist schlimm. Ich hätte niemals gedacht, dass ich Zeuge einer Entwicklung werden würde, die im Begriff ist, 249 Jahre Demokratie, egal mit welch eklatanten Mängeln, systematisch zu demontieren. Ich bin noch immer ziemlich sicher, dass es letztendlich zu keiner vollen Autokratie, geschweige denn zu einem vollen Faschismus bei uns kommen wird, aber der eingeschlagene Weg ist übel genug.
FIFA-Präsident Gianni Infantino ist von Trump begeistert, die beiden haben viele gemeinsame Auftritte. Gibt es eine Seelenverwandtschaft zwischen Funktionären großer Sportorganisationen und Autokraten?
Es wundert mich kein bisschen, dass Infantino ein Trump-Anhänger ist. Leiter solcher Organisationen – Oligarchen eben – lieben Menschen, die genau wie sie möglichst ungehindert regieren wollen. Man will als CEO, egal welcher großen Organisation, so wenig Opposition und so viel Willkür in der Machtausübung wie nur möglich. Man muss kein schlechter Mensch sein und keine faschistischen Werte haben, um die Nähe anderer mächtiger Menschen in Organisationen zu suchen.
Aber fördern internationale Sportorganisationen wie die FIFA und das IOC antidemokratische Entwicklungen?
FIFA und IOC wollen einen möglichst problemlosen Ablauf ihrer Show – mit null Gegenstimmen, mit null Einwänden, mit null Problemen. Das garantieren Diktaturen wie Russland, Katar und Nazi-Deutschland besser und leichter als liberale Demokratien. Aber das heißt nicht, dass das IOC und die FIFA faschistisch sind. Wäre Kamala Harris heute Präsidentin, wäre Infantino genauso happy und darauf bedacht, eine großartige Show abzuziehen. Diese Organisationen brauchen Ordnung und so wenig Gegenwind wie möglich. Das macht sie autoritär, aber nicht faschistisch.
Trump ist nicht Hitler, aber Vergleiche zu den Olympischen Spielen von 1936 werden jetzt gern gezogen. Wie legitim ist das?
Bitte, bitte aufhören mit den Hitler-Vergleichen. Und mit den Olympischen Spielen 1936. Jede Sportgroßveranstaltung ist eine Propagandashow. Die Lage ist auch ohne solche Analogien schlimm genug.
Trump nutzt auch Sport als Arena für Kulturkampf, er ist aber kein Fußballfan, er scheint mit dem Spiel sogar eher zu fremdeln. Wie gut lässt sich soccer in seinen Kulturkampf einbetten? Oder ist es egal, um welchen Sport es geht?
Das ist eine sehr interessante Frage. Trump ist so etwas wie der Volkstribun von Joe Sixpack, dem sprichwörtlichen Durchschnittsamerikaner. Das ist der männliche, weiße Arbeiter, der Trump anhimmelt und für Fußball nur Verachtung übrig hat, weil es ein „sissy sport“ ist, einer für Frauen, Schwule und Ausländer. Da könnte man meinen, dass die WM für Trump ein Leckerbissen in seinem Kulturkampf gegen Eliten und Kosmopoliten und alle anderen ist, die er hasst, quasi auf dem Silbertablett serviert.
Aber …?
Aber Trump ist ein brillanter Showman, er weiß, oder besser gesagt, er spürt, welch eine Show die Fußball-WM ist. Die will er nicht herunterputzen, das kann er auch gar nicht. Deswegen glaube ich nicht, dass er den europäischen Fußball gegen die für ihn einzig wahren Sportarten Football, Basketball, Baseball und Eishockey ins Spiel bringen wird. Und sein Machotum hat er für Joe Sixpack schon wiederholt mit seiner Liebe zu Mixed Martial Arts und der Nähe zum kommerziellen Wrestlingverband WWE demonstriert. Er ist dort sogar in den Ring gestiegen und im Publikum gesessen, auch als Präsident. Mit Linda McMahon, der WWE-Mitbesitzerin, sitzt eine Repräsentantin dieser Welt als Bildungsministerin in seinem Kabinett.
Die USA richten das Turnier nicht allein aus. Welchen Einfluss wird die Entwicklung des Verhältnisses zu Mexiko und Kanada auf das Turnier nehmen?
Ich glaube nicht, dass es zu negativen Vorfällen mit Kanada und Mexiko während des Turniers kommen wird. Die gab es auch nicht während der Concacaf Nations League im Fußball vor ein paar Wochen in Los Angeles und auch nicht beim Four Nations der NHL, einmal abgesehen vom Ausbuhen der amerikanischen Hymne im Bell Centre in Montreal. Drei Tage später in Boston beim Rückspiel wurde dann die kanadische Hymne ausgebuht, aber nicht so laut wie in Montreal.
Wie geht es Ihnen als Fußballfan mit der WM? Können Sie sich auf das Turnier freuen?
Voll und ganz. Das sind zwei Paar Schuhe, um beim Fuß zu bleiben. Es ist sogar so: Der Sport ist der einzige Ort, in den ich mich vor diesem Irrsinn rette, den Trump uns tagtäglich vorführt. Ich schaue nur ESPN, bin in der Welt der NBA, der MLB, der NHL versunken und finde da meine Muße und Freude – und auch gleichgesinnte Freunde. Die Premier League könnte auch ein schöner Zufluchtsort sein, wäre mein geliebtes Manchester United nicht so schlecht. Ich freue mich sehr auf die WM 2026, die wohl eine der letzten meines Lebens sein wird und bei der ich, wie schon bei den Turnieren 1966, 1974, 1982, 1990, 1994 und 2006, persönlich dabei sein werde.sehr auf die WM 2026, die wohl eine der letzten meines Lebens sein wird und bei der ich, wie schon bei sechs früheren Turnieren persönlich dabei sein werde.
Dieses Interview ist ursprünglich auf der Website des Projekts „Fairness United. Für Menschenrechte im Fußball“ erschienen. Für den Druck haben wir es leicht gekürzt und bearbeitet.