Am 24. Mai, kurz nach 19.30 Uhr, nimmt Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer den Meisterteller in die Hände. Ein paar Schritte muss er mit der 11,5 Kilogramm schweren Trophäe gehen, dann übergibt er sie einem Triumvirat: Stefan Hierländer, Otar Kiteishvili und Jon Gorenc Stankovic nehmen den Teller für den SK Sturm entgegen. Alle drei haben die Grazer in der abgelaufenen Saison mit der Schleife aufs Feld geführt, sie sind die Kapitäne der Meistermannschaft. Jetzt dürfen sie mit ihren Kollegen feiern.
Damit Ebenbauer nicht stört, geht er nach der Übergabe zügig ein paar Schritte rückwärts. Schon nach zwei Sekunden ist er aus den TV-Bildern verschwunden. Doch auch wenn Ebenbauer an diesem Abend nicht beim Jubeln zu sehen ist, hat er jeden Grund, zufrieden zu sein. Die Bundesliga-Saison war die spektakulärste und spannendste der letzten Jahrzehnte. Noch zehn Minuten vor Ende der letzten Runde hatten drei Mannschaften Chancen auf den Titel. Hätte der WAC noch ein Tor geschossen und damit Sturm 2:1 besiegt, hätte Dominik Baumgartner als Kapitän des Sensationsteams den Teller übernommen. Wäre jedoch zeitgleich in Favoriten die Austria als Sieger vom Platz gegangen, wäre sie Meister geworden. Dann hätte nicht der Vorstand, sondern Spielbetriebsleiter David Reisenauer für die Liga den Teller überreicht.
Am anderen Ende der Tabelle zitterten drei Teams fast bis zum Schluss. Vor dem letzten Spieltag war nicht klar, ob Austria Klagenfurt, der GAK oder der SCR Altach absteigen muss. Schließlich erwischte es die Kärntner. Sie blicken aufgrund der unklaren Finanzlage einem Gang ins Ungewisse entgegen. Es war ein Saisonfinale, das sich eine genaue Nachbetrachtung verdient. Eine Konferenzschaltung der beiden letzten Runden im Kampf um den Teller. Oder die Teller.
31. Spieltag
10.000 für den GAK
Der GAK hat mit Abstiegskampf wenig Erfahrung. Als er 2007 aus der Bundesliga abstieg, war er nach dem Abzug von 22 Punkten aufgrund von Lizenzvergehen und eines Konkursverfahrens sportlich chancenlos. Es folgten drei weitere Konkurse, der Neustart in der achten Liga und die Rückkehr nach oben. Mit dem Aufstieg in die Bundesliga 2024 war sie abgeschlossen. Doch die Saison ist nicht nach Wunsch verlaufen. Im Oktober ist Trainer Gernot Messner nach fast drei Jahren im Amt abgelöst worden, sein Nachfolger Rene Poms blieb nicht einmal fünf Monate. Unruhe hat sich breitgemacht. Einige im Verein wollen nicht jeden Preis für den Verbleib in der Bundesliga zahlen, andere haben große Träume: Kann der GAK nicht wieder um Titel mitspielen? Im März wird Ferdinand Feldhofer, der als Spieler mit Sturm Meister geworden ist, als neuer Trainer präsentiert. Das Ziel: Klassenerhalt.
Der ist noch nicht fixiert. Am vorletzten Spieltag liegen die Grazer auf dem zehnten Platz, punktegleich mit den elftplatzierten Altachern, Letzter ist Klagenfurt mit nur einem Zähler weniger. Und während die Altacher in Klagenfurt gastieren, empfängt der GAK vor fast 10.000 Zuschauer*innen den LASK im Liebenauer Stadion. Er hat die Qualifikationsgruppe dominiert und hält seit der Ligateilung bei sieben Siegen und einem Remis. Vor Spielbeginn spricht nur eines für den GAK: Die Partie ist für die Linzer völlig bedeutungslos. Sie können schon für das Europacup-Play-off planen. Nach 16 Minuten spricht noch etwas für die Grazer: Schiedsrichter Christopher Jäger zeigt LASK-Verteidiger Andres Andrade eine sehr harte Rote Karte.
Die Partie geht danach hin und her. Der GAK trifft zweimal die Stange, der LASK einmal die Latte. Doch in der 71. Minute kommt Tio Cipot völlig frei im Sechzehner an den Ball, er lässt sich die Chance nicht entgehen. Die Grazer führen 1:0 und bringen das Ergebnis über die Zeit. Und weil im Parallelspiel weder Altach noch Klagenfurt ein Tor schießen, ist der GAK fast gerettet. Ein Punkt am letzten Spieltag reicht sicher. Ziemlich gelöst feiert die Mannschaft deswegen nach Abpfiff vor ihren Fans. Im Mittelpunkt: Marco Perchtold. Durch ein Spalier aus Mitspielern und Trainern läuft er auf die Kurve zu, sie singt minutenlang für ihn. Der Kapitän wird im Sommer seine Karriere beenden. 2017 wechselte er vom SKN Sankt Pölten aus der Bundesliga zu seinem Herzensverein, der damals in der steirischen Landesliga spielte. „Ganz abschalten kann ich aber noch nicht“, sagt er danach im Interview. „Wir haben noch einen Weg vor uns.“