Mühelos gleitet der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen von Hiroshima nach Osaka durch den Westen Japans. Bei einem Tempo von 300 Kilometern pro Stunde kann ich mir die Landschaft schwer einprägen, jeder Eindruck rast unscharf vorbei. Der Sitz lädt zum Schlafen ein. Mein Nachbar aber, ein Mann Mitte 40, sitzt gekrümmt und konzentriert vor seinem Laptop. Sein Hemd ist zugeknöpft, und seine Uhr geht zehn Minuten vor. Er arbeitet an einer Excel-Tabelle, murmelt dabei immer wieder kurze Sätze in sein Headset. Offenbar sitzt er in einem Onlinemeeting. Es ist ein Freitagnachmittag Anfang April, kurz nach 17 Uhr. Nach meiner Uhr. Durch den Lautsprecher kommt die Durchsage, dass wir in wenigen Minuten Osaka erreichen.
Pretty in Pink
Es ist Sakura-Saison in Japan, das heißt, die Kirschbäume stehen in voller Pracht. Auch jene um das Stadion von Cerezo Osaka im Süden der Innenstadt. Es ist eine von drei Arenen im groß angelegten Nagai-Park, eine der wenigen Grünflächen im Zentrum. Osaka hat rund drei Millionen, die Metropolregion 19 Millionen Einwohner. Während die Kirschbäume das Stadion mit seinen 25.000 Plätzen von außen pink einhüllen, tun das die Tausenden Cerezo-Osaka-Fans von innen. Die Heimmannschaft trifft auf die Urawa Red Diamonds aus Saitama. Die Gesänge der Urawa-Fans hört man bereits von Weitem und das 90 Minuten vor Spielbeginn. Der Gästeblock ist komplett gefüllt und rot, weiß und schwarz eingefärbt. „No Guts, No Glory“ und „Life is Red“ lauten die Aufschriften auf den Transparenten am Zaun. Man kann sie nur lesen, wenn die 20 großen Schwenkfahnen in der ersten Reihe im Einsatz sind, da sie sonst überdeckt werden. Wie bei anderen Spielen in Japan erklingen pausenlos Gesänge in Kombination mit Pfeifmelodien.
Genauso laut ist der ebenso volle Fanblock von Cerezo Osaka. Zwischen den Fahnen der Ultras wehen immer wieder Brasilienflaggen. Der Grund steht am Platz: Die Brasilianer Lucas Fernandes und Rafael Ratao sind die Topscorer des Teams. Viele ausländische Spieler findet man in den Mannschaften der J.League nicht, Legionäre aus Brasilien sind die Ausnahme. Aktuell sind es 51 in der ersten Liga. Der berühmteste hat seine Karriere schon lange beendet. Zico spielte von 1991 bis 1994 für die Kashima Antlers, wurde später Trainer der Mannschaft und danach japanischer Teamchef.
Am Absperrgitter der Fankurve von Cerezo Osaka lerne ich kurz vor Spielbeginn A. kennen, der seinen vollständigen Namen nicht gedruckt sehen will. Die Kommunikation ist schwierig, auch in der Metropole Osaka spricht fast niemand Englisch. Es sind nur wenige Touristen beim Spiel, die Fans scheinen sich nicht für sie zu interessieren. Wir tauschen E-Mail-Adressen aus. Seit seiner Kindheit gehe er ins Stadion, schreibt mir der 32-jährige Fitnesstrainer später auf meine Fragen, die ich per App ins Japanische übersetzt habe. Vor zehn Jahren ist er seiner Fangruppe beigetreten, für die er Flaggen und Transparente entwirft. In der Kurve geben die „Real Osaka Ultras“ und „Osaka-06“ den Ton an.
Entspannte Polizisten
„Normalerweise komme ich fünf bis sechs Stunden vor Anpfiff im Stadion an“, schreibt A. Die schönsten Momente bei Cerezo Osaka seien für ihn Siege gegen den Stadtrivalen Gamba Osaka. „Das Osaka-Derby gilt als das beste Derby Japans, was Spannung und Rivalität angeht. Das sehen wir natürlich genauso, es ist hitzig, wir können einander wirklich nicht leiden.“ Hitzig ist die Stimmung allerdings auch beim Spiel gegen Urawa. Die Heimmannschaft führt bis zur Schlussphase 1:0. In der 83. Minute erzielt Ryoma Watanabe den Ausgleich. Der Gästesektor tobt. „Im Vergleich zu Europa machen japanische Fans nicht viel Ärger“, schreibt A. später.
Es komme selten zu Zusammenstößen mit der Polizei. Und tatsächlich stehen bei den Hunderten Urawa-Fans im Gästeblock nur ein paar wenige Polizisten. Sie tragen keine Kampfmontur, sondern ihre reguläre Uniform und verfolgen entspannt das Spiel. A. schreibt: „Viele Japaner legen großen Wert auf Regeln. Selbst wenn also eine Gruppe die Regeln bricht, kann es sein, dass andere nicht mitmachen.“
Ich frage A. nach einem anderen Thema, das in europäischen Fankurven immer wieder eine Rolle spielt: Politik. „Im Vergleich zu anderen Ländern interessieren sich viele Menschen in Japan weniger für Politik“, antwortet er. „Politische Äußerungen kommen im Stadion selten vor.“ Auch seine Gruppe betrachte sich nicht als politisch. Ausnahmen gibt es aber. Im März 2014 machten Fans von Urawa Schlagzeilen in Japan, als sie bei einem Heimspiel gegen Sagan Tosu über einen Eingang zu ihrem Sektor ein Transparent mit der englischen Aufschrift „Japanese Only“ anbrachten. Medienberichten zufolge wollten die Fans so verhindern, dass ausländische Stadionbesucher in ihrem Block Gesänge und Choreografien stören. Die Reaktionen waren drastisch: Der Klub entschuldigte sich und verhängte rund 20 Hausverbote. Der Urawa-Präsident versprach, drei Monatsgehälter zu spenden, und die Liga verordnete als Strafe ein Geisterspiel, das erste in der Geschichte der J.League.
Verbeugung vor der Kurve
Die Reise geht weiter, Kirschblüten weichen Neonlichtern, mich zieht es in die Hauptstadt. Die 500 Kilometer zwischen Osaka und Tokio schafft der Shinkansen in zweieinhalb Stunden. Überwältigend sind beide Städte, aber Tokio kennt schlicht kein Ende. Trotz ihrer Dimensionen ist die Stadt nicht besonders laut, aber optisch eine Reizüberflutung. Es wirkt, als bestünde das Zentrum aus einem Geflecht zehnstöckiger Shopping Malls und riesiger Bürogebäude. Der einfachste Weg von der Innenstadt zum Stadion, das nach dem Lebensmittelkonzern Ajinomoto benannt ist, führt über den Bahnhof Shinjuku, mit 3,6 Millionen täglichen Fahrgästen der meistgenutzte der Welt. Konstant schieben sich einem hier Menschenmengen entgegen. Unterbrochen wird der Fluss von Leuten in Bürokleidung einzig durch verwirrte Touristen, die in den Gängen stehen bleiben.
Heute empfängt der FC Tokyo Kawasaki Frontale. Die beiden gehören zu den acht der 20 Klubs der ersten Liga, die aus der Metropolregion Tokio stammen. Auf den ersten Blick versteht man im Stadion nur Spanisch. Also wortwörtlich. „El Ciclon“ und „Torcida N.1“ steht auf den Transparenten der Heimfans. Auch die Gäste haben ein Faible für romanische Sprachen. „La nostra fede non retrocede“, unser Glaube kennt keinen Rückzug, ist auf ihren Spruchbändern zu lesen. Die erste Spielhälfte bleibt ereignisarm. In der zweiten legt Kawasaki Frontale los und trifft in der 55. und der 72. Minute. Die Tokyo-Fans johlen immer wieder geschlossen den Namen ihrer Stadt. Doch in den letzten 20 Minuten gibt es für die Heimmannschaft nur mehr eine Stresssituation nach der nächsten, Frontale trifft ein drittes Mal. Nach Abpfiff gehen die siegreichen Spieler geschlossen zur Kurve und verbeugen sich tief. Die Trommeln ihrer Fans begleiten uns noch auf dem Weg zur U-Bahn-Station. Hier staut es sich, praktisch alle Stadionbesucher sind öffentlich angereist.
Ein paar Tage später wiederholt sich alles, mit einem kleinen Unterschied. Das Stadion ist dieses Mal in Grün gehüllt, die Vereinsfarbe von Tokyo Verdy, das den FC empfängt. Die Klubs teilen sich das 50.000er-Stadion. In den 1990er Jahren gewann Verdy die ersten zwei Titel der J.League, danach blieben die Erfolge aus. 2006 stieg der Klub ab und spielte danach meist zweitklassig, bis er es 2023 wieder in die erste Liga schaffte und auf dem sechsten Platz landete.
Schweigen in der U-Bahn
Im Vorfeld des Spiels hieß es, in Tokio gebe es anders als in Osaka keine Derbystimmung, was vor allem daran liege, dass Verdy nicht mit dem Niveau des FC Tokyo mithalten könne. Im Stadtbild zumindest ist von der Rivalität nichts zu sehen. Aber in Tokio findet man ohnehin fast keine Graffiti, nirgendwo kleben Pickerl. Nur in der U-Bahn gibt es ein Lebenszeichen des FC Tokyo. In einem Werbeclip laufen die Spieler als riesige Monster durch die Stadt. Anders als Godzilla, das bekannteste der Kaiju, also der japanischen Riesenmonster, zerstören sie keine Häuser, sondern laufen ins Stadion ein.
Am Weg füllen sich die U-Bahn-Waggons langsam – und leise – mit Fans beider Klubs, die in sich gekehrt dasitzen. Laut werden sie erst im Stadion. „Jetzt wird es hektisch“, sagt mein Sitznachbar. 27.000 Fans sind gekommen, sie tragen Grün. Noch vor ein paar Jahren blieben bei Verdy-Spielen die Plätze größtenteils leer. Heute werden die FC-Tokyo-Fans bei ihrer Hymne „You’ll never walk alone“ von der vollen Verdy-Kurve ausgebuht. Als Antwort rollen die Gäste zwei Transparente mit QR-Codes aus, sie führen zu YouTube-Videos. Eines zeigt das Ausgleichstor von FC Tokyo im letzten Derby, das andere den Sieg gegen Verdy im Elfmeterschießen in der dritten Cuprunde 2023.
Beim heutigen Spiel sind die Mannschaften einander ebenbürtig. In der 19. Minute fällt das erste Tor – Verdy-Verteidiger Naoki Hayashi nutzt den Corner perfekt und trifft per Kopf. Zwei Minuten vor der Halbzeit folgt der Ausgleich. An den Kiosken gibt es Reis mit frittierten Garnelen und ebenfalls frittierte Reiskuchen, zwei Männer ein paar Sitzreihen hinter mir nutzen die Pause aber, um die letzten Mails auf ihrem Laptop zu versenden. Der FC Tokyo beginnt die zweite Spielhälfte mit einem fatalen Fehler. Verdy-Stürmer Itsuki Someno läuft auf den Tormann zu, stiehlt ihm den Ball und schießt das 2:1. Das Spiel bleibt bis zur letzten Minute spannend, und dann macht der Brasilianer Henrique Trevisan in der 89. Minute mit dem zweiten Kopfballtreffer das zweite Tor für den FC Tokyo – Riesenjubel im Auswärtssektor. Nach dem Spiel sitzen die Fans beider Mannschaften in denselben U-Bahnwaggons. Und es ist wieder still.
Der erste Teil des Reiseberichts aus Matsuyama und Hiroshima war in ballesterer #197 zu lesen.