„Schau, die pissen den Kiberern fast aufs Auto.“ Am Parkplatz hinter der Osttribüne des Rieder Stadions kommt gute Laune auf. Ungefähr 30 Mitglieder und Freunde der „Glory Boys“ – der zweiten Rieder Ultragruppe neben den „Supras“ – warten auf die Abfahrt des Fanbusses zum Auswärtsmatch gegen Sturm Graz. Zwei Nachzügler haben gerade direkt neben dem zivilen grauen Ford der lokalen szenekundigen Beamten ins Gebüsch uriniert. Polizei und Ultras, das ist auch im Innviertel eine konfliktbeladene Beziehung. Entsprechend herzlich werden die beiden Provokateure von der Gruppe begrüßt. Die letzten Dinge wandern in den Bus, der in Sachen Komfort auch den Ansprüchen einer Wochenendreisegruppe genügen würde: steigenweise Bier, Alkopops – ebenfalls in rauen Mengen. Und ein paar Flaschen Mineral und Cola. „Die haben wir extra für euch gekauft“, sagt einer der Ultras. Punkige Klänge begleiten die Ausfahrt aus Ried, die „Glory Boys“ haben per MP3-Player die Kontrolle über die Busanlage an sich gerissen. Der Chauffeur unterbricht die Musik für eine Durchsage: „Burschen, wir haben heut’ einen halbwegs sauberen Bus. Schaut’s bitte, dass das so bleibt.“ Müllsäcke werden ausgegeben und an den Sitzgriffen befestigt.
Eine kleine Stadt
Die „Glory Boys“ aus Ried im Innkreis haben sich 2005 aus der Taufe gehoben, entsprechend jung sind die 29 Burschen und drei Mädels, die die 480 Kilometer nach Graz und retour in Angriff nehmen. Das Spektrum reicht von 17 bis 24 Jahren. Vereint werden die „Glory Boys“ durch ihre Leidenschaft für die Rieder Spielvereinigung – und ihre soziale Herkunft aus der lokalen Arbeiterschaft. Bis auf einen Studenten mit migrantischem Background, der sich mittels T-Shirt als „Integriert“ bezeichnet, sind alle Businsassen Hackler, teilweise noch in der Lehre, zwei seit Kurzem arbeitslos. „Die meisten von uns waren früher Punks und sehr links“, erzählt Karim, Capo und einer der Gründer der Gruppe. Im Verein wie in der Stadt stießen die Punks nicht unbedingt auf Gegenliebe. Mit den „Supras“ habe es am Anfang nicht so gepasst, auch wegen ideologischer Auffassungsunterschiede. Die Gruppen haben sich aber arrangiert und respektieren einander. Nicht zuletzt, weil die beiden Capos in derselben Firma arbeiten. Von heftigeren Konflikten als im Fanblock waren die Beziehungen zur Vereinsführung geprägt. Nachdem im Herbst 2006 in Graz einige Leute aus dem Umfeld der „Glory Boys“ Polizisten attackiert hatten, erteilte Ried-Manager Stefan Reiter der Gruppe Hausverbot. Im Sommer 2007 wurden die Stadionsperren aufgehoben. Auch wenn sich das Klima entspannt habe, traut Karim dem Frieden nicht ganz: „Das kann schnell wieder anders werden. Ried ist eine kleine Stadt, da wird viel geredet.“
Über Wels und Sattledt nähern wir uns der Steiermark. Der Alkpegel steigt merklich, auch der Wodka wird nach anfänglicher Skepsis („Bist oag, schau auf d’Uhr“) angepackt. Über das Rauchverbot im Bus setzt sich jedoch niemand hinweg, dafür gibt‘s die Pinkelpausen, in denen ordentlich Rauch aufsteigt. Ganz oben in der Rangliste der glorreichsten Auswärtsfahrten stehen die Ausflüge zum LASK, die mitunter per Wikingerschiff bewältigt wurden. Als ich mich als blau-weißer Linzer oute, meint einer der Boys: „Die Blau-Weißen gehen eh. Aber die LASKler, die verstehen nur eine Sprache. Und das ist Gewalt.“
„Sing lauda!“
In Rieder Gewalt ist weiterhin auch die Audioanlage des Busses. Zu Manny Marcs „Das geht ab“ entwickelt sich eine Polonaise, die dem Songtitel alle Ehre macht. Der Erste speibt ins eilig untergehaltene Müllsackerl: „Nix passiert.“ Auf dem Rastplatz Kalwang wird vor einer mächtigen Bergsilhouette ein Bengale gezündet.
Wieder an Bord rücken sportliche Belange in den Mittelpunkt. Das Out im Cup-Viertelfinale gegen die Admira, die kläglich versemmelte Chance auf neuerliche Europacup-Abenteuer. Nur Stefan Lexa habe es danach der Mühe wert befunden, sich von den Fans zu verabschieden. Oliver Glasner soll gesagt haben, zu den Asozialen gehe er nicht mehr hin. Karim: „Wenn er glaubt, wir kriegen das nicht mit, dann hat er sich geschnitten. Wie gesagt: Ried ist eine kleine Stadt.“
Wenige Kilometer vor Graz dann noch ein letzter Stopp auf einer Raststation. Weckerl mit Ei, Schnitzel- und Leberkässemmeln sind schnell ausverkauft, alle zahlen brav. Die Fanpolizisten stehen ebenfalls in der Tankstelle. Beim Zurückgehen entdecken zwei der Fans das scheinbar unbesetzte Auto der SKBs: „A Bier, wonnst eana die Karre hundert Meter weida fiare stößt.“ Beide finden die Idee ziemlich lustig, der Angestiftete öffnet die Tür. Als die Scherzbolde bemerken, dass der dritte Polizist noch auf der Hinterbank sitzt, machen sie sich aus dem Staub.
Das mitgebrachte Pyromaterial wird aufgeteilt, die bevorstehenden Kontrollen beunruhigen niemanden. „Die Bengalen haben wir immer noch hineingebracht.“ Die der Gewalt nicht abgeneigte Fraktion wirft sich derweil in Kampfmontur: Sweater mit integrierter Sturmhaube oder Haube, Schal und Kapuze. Begleitet wird das Prozedere von verbalem Säbelrasseln mit klischeegerechtem Innviertler Charme: „Meine Idealvorstellung ist: vor dem Spiel boxen, 90 Minuten gscheit Stimmung machen und nachher wieder boxen.“
Um 19.37 Uhr, eine knappe Stunde vor Spielbeginn, erreicht der von Polizeiautos eskortierte Bus den abgeriegelten Parkplatz hinter dem Auswärtssektor des Grazer Stadions. Die Atmosphäre ist entspannt. Die Ansage in Sachen Pyro bestätigt sich, das Material wird ohne Probleme durchgeschleust. Im Stadion werden dann erst einmal die Realitäten offensichtlich. Allein in der Sturm-Kurve stehen rund 50-mal so viele Fans wie im Auswärtssektor. Kämpfen ist angesagt und Zusammenrücken. Vor dem Anpfiff entledigen sich die „Glory Boys“ ihrer Oberbekleidung, in den ersten zehn Minuten gibt es nur ein Lied: „Ale ale, Ried, ale! Seht ihr unsre Fahnen wehen? Unsre Liebe wird nie vergehen.“
Die „Glory Boys“ geben den Takt vor. Ohne Megafon, nur mit einer kleinen Trommel, die mitunter vom schweren Bassgerät des Fanklubs „Schwarz-Grün“ unterstützt wird. Die Gesänge werden nicht ausschließlich vom Capo angestimmt, sondern kommen von mehreren Seiten. Die Boys putschen sich gegenseitig auf: „Sing lauda! I hob ma docht, du bist a Kämpfer!“ Dazwischen fällt auch das eine oder andere „Schwuchtel“. Beim Fahnenschwenken wechseln sie sich ab, die große Blockfahne kommt nur selten zum Stillstand. Dem Einsatz ist zumindest ein Teilerfolg beschieden: Im Auswärtssektor sind die Gesänge der mächtigen Sturm-Kurve nur sehr leise zu hören.
Kaff hält mit
Nach Wiederanpfiff entwickelt sich der Support nur schleppend. Die Anstrengungen der Fahrt sind an den „Glory Boys“ nicht spurlos vorübergegangen. In der 57. Minute ist es jedoch vorbei mit der Müdigkeit. Peter Hackmair schickt den Ball nach einem schönen Spielzug der Rieder ins lange Eck, der Außenseiter führt, und die „Glory Boys“ feiern den unerwarteten Treffer mit einem gepflegten Torpogo. Da will auch die Oberbekleidung wieder gelüftet werden: „Olle ausziagn, Burschen. Gemma! Forza Ried, ale!“ Während einzelne „Glory Boys“ ihre Freude damit haben, das durch einen doppelten Schutzzaun vom Leib gehaltene Heimpublikum zu provozieren, scheitern andere mit dem Versuch, durch den Stadiongraben zu den Grazern zu gelangen. Die Ordner haben davon Wind gekriegt. Ein Pressefotograf, der die Szene festhalten will, wird mit Fahnenstangen und einer Bierdusche davon abgehalten.
Sieben Minuten vor dem Ende macht Sturm den Ausgleich, der Rieder Traum vom zweiten Auswärtssieg in dieser Saison rückt in weite Ferne. Die Enttäuschung im Auswärtsblock hält sich jedoch in Grenzen, es gibt andere Probleme. Zwei Fans aus dem anderen Bus wollen nicht mitsingen, was einige der „Glory Boys“ in Rage bringt. Die vermeintlichen Studenten bekommen ein Bier über die Schuhe, Watschen liegen in der Luft. Nach einem Zwischenruf des Capos wird der Streit geregelt. Die Attackierten rücken sicherheitshalber ein paar Meter weiter.
Die Rieder retten das Remis über die Zeit. Nach dem Schlusspfiff kommt die Mannschaft zur Kurve. Inklusive Glasner. Auf dem Weg zu den Bussen erhärtet sich das Gerücht, dass einige Boys den gesuchten Streit gefunden hätten. Und da stehen sie auch schon, so gut sie noch können: Vom Kampf gezeichnet, werden sie von den Kollegen umringt und erzählen ihre Story. Einen hat es schlimmer erwischt. Eine Rippe scheint gebrochen, die Schmerzen sind ihm anzusehen. Die Aufregung klingt nur langsam ab, die Abfahrt verzögert sich erheblich. Als der Bus deutlich nach 23 Uhr das Stadiongelände verlässt, ist einer der verletzten Pascher wieder zu Kräften gekommen. Auf die Standardfrage nach seiner Motivation sagt er: „Wir sind ein Kaff mit 12.000 Einwohnern und können mit Linz beim Support, bei den Choreos und beim Boxen mithalten. Mit der drittgrößten Stadt in Österreich! Immer wenn es mir schlecht geht, brauch ich nur an das zu denken, und es geht mir wieder gut.“