Die Auswahl in den meisten Supermärkten ist karg, der Strom fällt regelmäßig aus, und in einigen Ortschaften verkaufen die Bewohner selbst geschlagenes Brennholz, um sich Geld dazuzuverdienen.
Entwicklungshürden
Der schwächste Akteur der Partie ist der Rasen. Auf dem Untergrund des Nationalstadions in Osttimors Hauptstadt Dili rollt der Ball kaum einmal, ohne aufzuspringen und die Richtung unberechenbar zu ändern. Die Spieler sind es gewöhnt, gerade tritt Osttimors U23 gegen ein Team afrikanischer Spieler an, die im Land ihr Geld verdienen. Das Stadion liegt an einer der vielen stark befahrenen Straßen in Dili und nur zehn Gehminuten von der Strandpromenade entfernt. Es verfügt zwar über zwei Tribünen, eine davon überdacht, und eine Kapazität von etwa 5.000 Zuschauer*innen, doch der Rasen ist nicht das einzige Manko: Auch die Kabinen sind unbenutzbar. Einige Spieler sind schon umgezogen gekommen.
Obwohl es Nationalstadion heißt, genügt es den Auflagen der FIFA nicht. Offizielle Länderspiele werden dort keine ausgetragen. Nach der Aufnahme in die FIFA 2005 dauerte es über sieben Jahre bis zum ersten Sieg des Nationalteams der Männer, seither ist ein sanfter Aufwärtstrend erkennbar. In der FIFA-Weltrangliste von Dezember 2025 belegt die Mannschaft den 198. Platz, 12 Länder rangieren dahinter. Das Frauenteam ist nur unwesentlich besser, es liegt auf Rang 157 von 198. Die Heimspiele tragen beide Teams im Regelfall im australischen Darwin aus. Dort gibt es eine osttimoresische Community, die Stadt ist 720 Kilometer Luftlinie entfernt.
Osttimor, dessen Eigenständigkeit seit 2002 international anerkannt ist, liegt auf der Insel Timor nördlich von Australien. Der Westteil der Insel ist seit 1949 indonesisch, 1975 annektierte Indonesien auch den Ostteil – nur wenige Tage nachdem die Kolonialmacht Portugal Osttimor in die Unabhängigkeit entlassen hatte. Heute listet der Wohlstandsindikator der UN Osttimor auf Platz 142 von 193. Mit 1,3 Millionen Einwohnern gehört es zu den kleinsten Ländern Asiens, Fußballstars wohnen nicht auf der Insel, zu groß sind die Hürden, zu gering ist die Finanzkraft. Die Begeisterung für den Sport ist auf einer Reise durch das Land dennoch nicht zu übersehen. Das will der Fußballverband FFTL niederschwellig nutzen: Auf dessen Website kann man sich für die Nationalteams bewerben.
Rainy Days
„Wie kann man gute Spieler haben, wenn man keinen ordentlichen Rasen hat?“, fragt Ipi Henrique. „Eigentlich sollte man vor der Ballannahme überlegen, was man mit dem Ball macht. Aber auf diesem Rasen liegt dein Fokus auf: ‚Wie kontrolliere ich den Ball?‘“ Henrique weiß, wovon er spricht. Er hat in Osttimor für den Karketu Dili FC und den Zebra FC gespielt und nicht nur mit dem Rasen gehadert: Heim- und Auswärtsspiele gibt es in den Ligen von Osttimor – zwei bei den Männern, eine bei den Frauen – nicht, die Partien werden in einem Durchgang und alle im Nationalstadion ausgetragen. Dabei kommt nur die Hälfte der Teams aus der Hauptstadt. 2022 und 2024 wurden die Meisterschaften wegen mangelnder Sponsoren abgesagt. „Das ist keine Liga, das ist ein Turnier“, sagt Henrique dem ballesterer beim Gespräch in einem Café in Dili. Die Zustände in Osttimor empören ihn, aber es schwingt in seinen Worten auch Hoffnung mit.
An manchen seiner Kritikpunkte lässt sich aber so leicht nichts ändern. Verlässt man den Hauptstadtdistrikt, wird klar, weshalb der Ligamodus ist, wie er ist: Außerhalb Dilis ist es nicht leicht, sich über die Insel zu bewegen. Die Überlandstraßen Osttimors sind rudimentär, Autobahnen und ein Eisenbahnnetz gibt es nicht. Insbesondere in höher gelegenen Regionen muss man damit rechnen, auf von Erdrutschen beschädigte Straßen zu geraten. In der Regenzeit können Wege ganz unpassierbar werden. Sie dauert von Dezember bis Mai und überschneidet sich mit der Meisterschaft – die Frauen spielen die Saison von September bis März, die Männer von März bis September. Dann sind auch manchmal Fußballplätze überflutet. Janio Tilman, der beim Verband für internationale Angelegenheiten zuständig ist, sagt: „Die Erhaltung eines Naturrasens ist für uns sehr herausfordernd.“
Geld vom Staat
Dazu kommt das Problem des fehlenden Geldes. Offiziell sollen die höchsten Ligen der Männer und Frauen Profibewerbe sein, bis zu 1.000 US-Dollar – die Währung Osttimors – werden in der ersten Liga monatlich gezahlt, heißt es vom Verband. Das ist nicht wenig, laut der internationalen Arbeitsorganisation ILO lag das Durchschnittsgehalt in Osttimor 2021 bei 252 Dollar. Die Armut wird bei einer Reise über die Insel sichtbar: Die Auswahl in den meisten Supermärkten ist karg, der Strom fällt regelmäßig aus, und in einigen Ortschaften verkaufen die Bewohner selbst geschlagenes Brennholz, um sich Geld dazuzuverdienen.
Das Geld im Fußball kommt oft direkt aus der Politik. 2023 hatte die Liga die Regierung als Hauptsponsor, einige Politiker waren Klubpräsidenten, so wie der heutige Staatspräsident Jose Ramos-Horta, der früher dem Boavista FC Timor-Leste vorstand. Verbandspräsident ist seit Jänner der Öl- und Bauunternehmer Nilton Gusmao. Er gilt nicht nur als einer der reichsten Männer des Landes, sondern ist auch der Neffe des Premierministers Xanana Gusmao. „Wir hängen stark von der finanziellen Unterstützung der Regierung ab“, sagt Tilman.
Trotzdem ist die Bezahlung nicht immer so hoch, wie vom Verband angegeben. „Wir bezeichnen unsere Liga stolz als professionell, aber ich sehe nicht, wie das eine Profiliga sein soll. Am Papier ist es eine, aber in Wahrheit sind wir Amateure“, sagt Ipi Henriqe. Er musste wie viele Fußballerinnen und Fußballer in Osttimor während seiner aktiven Karriere neben dem Fußball arbeiten und ist heute noch im diplomatischen Dienst tätig. Auch Esmenia Sarmento ging einem regulären Beruf nach. Die ehemalige Nationalteamspielerin wurde mit Sport Laulara e Benfica, Buibere FC und Amuser FC Meisterin, doch bei einem der drei Klubs habe sie sogar gar nichts bezahlt bekommen. „Es gibt mehr Möglichkeiten für Männer“, sagt Sarmento, die mittlerweile Trainerin eines Hobby-Futsalteams ist. Futsal ist auf Osttimor auffallend beliebt. Immer wieder sieht man Erwachsene wie Kinder auf den zahlreichen Futsalfeldern spielen.
Party im Morgengrauen
Wenn in Dili ein Ligaspiel stattfindet, ist im Nationalstadion einiges los. 1.000 Zuschauer*innen kommen etwa zu den Partien, der Eintritt ist frei. Als das Land im Sommer die Junioren-Sportspiele der Gemeinschaft portugiesischsprachiger Länder, CPLP, austrug, schauten den U16-Fußballmatches 5.000 Menschen zu. Ex-Kicker Henrique sagt: „Fußball ist hier wie eine Religion.“ Gründe dafür zählt Verbandsfunktionär Tilman auf: „75 Prozent unserer Bevölkerung sind junge Leute. Wir sind eine kleine Insel. Die Menschen wollen sich beschäftigen, und wir haben nicht viele Unterhaltungsmöglichkeiten.“ Ipi Henrique hat eine andere Theorie: Nach der Unabhängigkeit von Portugal formierte sich 1974 die linke Partei Fretilin, die für die Eigenständigkeit des Landes kämpfte. Um populärer zu werden, gründete sie einen eigenen Fußballklub. Das habe funktioniert. Die Partei ist bis heute eine der größten des Landes, der Sport habe so einen enormen Popularitätsschub erhalten. Auch Ramos-Horta, der für sein Engagement für die Unabhängigkeit 1996 den Friedensnobelpreis erhielt, gehört der Fretilin an.
Allerdings sind die Partien der lokalen Klubs und der Nationalteams nur selten im TV zu sehen, manche laufen im Facebook-Livestream. „Bei uns ist es nicht üblich, zusammen in einer Bar Fußball zu schauen“, sagt Tilman. Es sei denn, das portugiesische Nationalteam spielt. Das Finale der EM 2016 von Portugal gegen Frankreich begann in Osttimor um 4.00 Uhr Ortszeit. Als Portugal mit dem 1:0 in der Verlängerung Europameister wurde, feierten die Menschen in den Morgenstunden auf den Straßen. Ältere Generationen haben Portugal noch als Kolonisator erlebt, eine enge Beziehung gibt es bis heute. Diese erkennt man auch an zahlreichen Klubnamen: Boavista hat einen Namensvetter in Portugal, bei Sarmentos Ex-Klub Sport Laulara e Benfica muss man nur Laulara durch Lisboa ersetzen, um zum portugiesischen Vorbild zu gelangen.
Achtungserfolge
Unter Verbandspräsident Gusmao, das sagen alle Gesprächspartner, tue sich etwas im Fußball Osttimors. Sein wichtigstes Ziel ist die Errichtung eines Stadions, in dem offizielle Länderspiele ausgetragen werden können. Er hatte dazu bereits im Juni 2025 einen Termin bei FIFA-Präsident Gianni Infantino, bei dem die beiden auch diskutierten, ob der Weltverband beim Bau finanzielle Unterstützung leisten könne. „Das Treffen war für unseren Verband extrem wichtig“, sagte Gusmao danach. „Vielleicht haben wir in ein, zwei Jahren tatsächlich ein Stadion mit besseren Bedingungen“, sagt Janio Tilman.
Was konkrete Prognosen für die Nationalteams betrifft, halten sich alle mit klaren Ansagen zurück. Immerhin: Im Juni besiegten die Männer in der Qualifikation für die Asienmeisterschaft die Malediven 1:0, obwohl das Team in der FIFA-Weltrangliste um 23 Plätze besser gereiht war. Die Frauen verpassten die Qualifikation für den Bewerb, holten im Juni gegen den Irak aber ein Unentschieden und besiegten die Mongolei Anfang Juli 3:1.
„Erst wenn wir eine ordentliche Liga haben, können wir darüber reden, wie wir uns in der Weltrangliste verbessern“, sagt Henrique. Diese Forderung dürfte zumindest ein Stück weit erfüllt werden. Denn die Meisterschaft der Frauen findet seit September wieder statt – mit Hin- und Rückspielen. In diesem Modus spielen auch die Männer ab kommendem März. Und ein zweiter Spielort kommt hinzu: Eine gute Autostunde vom jetzigen Nationalstadion in Dili entfernt, wird in Gleno in der Kaffeeregion Ermera 2026 ebenfalls der Ball rollen. Eine Raseninspektion steht noch bevor.
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