Die Cerro-Fans beschwören den Titelgewinn: „Yo te quiero ver Campeon, Ciclon, Ciclon!“
Im Kochtopf
Plötzlich schwappt er über. La Nueva Olla, so heißt das Stadion von Cerro Porteno, der neue Kochtopf. In der Fankurve Graderia Norte geht es los, dann folgen die Haupt- und die Gegentribüne. Im Stakkato schießen die Fans minutenlang von allen Seiten Feuerwerk in den Himmel von Asuncion. Eine Pyroshow, die den WM-Pokal verdient hätte. Aber mindestens eine paraguayische Meisterschaft. Cerro Porteno ist einer der zwei großen Klubs des Landes und wartet seit 2021 auf seinen nächsten Titel. Klappt es heute? Cerro führt in der Schlussphase 1:0 gegen Club Libertad. Um den Titelgewinn an diesem vorletzten Spieltag zu fixieren, braucht es neben dem eigenen Sieg einen Patzer von Verfolger Club Guarani im Parallelspiel gegen General Caballero JLM.
Paraguay ist ein Land voller fanatischer Fußballfans, steht aber im Schatten seiner großen Nachbarn Argentinien und Brasilien und hat auch keine goldene Vergangenheit wie Doppelweltmeister Uruguay. Regelmäßig gelingt zwar die Qualifikation für Weltmeisterschaften, so auch heuer, aber weiter als ins Viertelfinale ging es nie. Internationalen Superstar brachte Paraguay noch keinen hervor. Der wohl berühmteste Spieler ist Tormann Jose Luis Chilavert, Kapitän des WM-Teams von 1998. Später stürmten Roque Santa Cruz, Oscar Cardozo, Nelson Valdez und Lucas Barrios für europäische Topklubs.
Aber nicht nur fußballerisch steht Paraguay im Schatten, sondern auch touristisch. Es gibt keine spektakulären Sehenswürdigkeiten und keinen Meerzugang. Die berühmten Iguazu-Wasserfälle liegen knapp hinter der Grenze in Brasilien und Argentinien. Abgesehen vom instabilen Venezuela und den zwei Kleinstaaten Suriname und Guyana ist Paraguay das am wenigsten besuchte Land des Kontinents. Das politische, kulturelle und sportliche Zentrum ist Asuncion. Im Großraum der Hauptstadt leben zwei Millionen Menschen, das sind etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Noch höher ist der Prozentsatz bei den Fußball-Erstligisten: 2025 kamen zehn der zwölf Klubs aus Asuncion und Umgebung.
Lärm im Museum
Ende November ist es brütend heiß in Paraguay. Die Sonne knallt auf das Estadio Luis Salinas Tanasio, rund eine Autostunde südöstlich des Stadtzentrums. Hier eröffnet Club Olimpia, Cerro Portenos Erzrivale, am Freitagabend das Spielwochenende gegen Sportivo Luqueno aus Luque, einer Nachbarstadt Asuncions. Vielleicht wegen der Hitze, vielleicht, weil es für beide Klubs sportlich um nichts mehr geht: Die Barras Bravas, also die organisierten Fangruppen, marschieren erst Mitte der ersten Halbzeit in ihre Kurven. Dafür umso bunter und lauter, mit Trommeln und Trompeten. Das von Ex-BVB-Stürmer Barrios trainierte Luqueno liegt zu diesem Zeitpunkt schon in Führung. Olimpia gerät zu allem Überfluss in Unterzahl, dreht das wilde Spiel aber noch und gewinnt letztlich 4:2.
Im Stadtzentrum stimmen sich derweil die Fans von CA Lanus aus Argentinien und Atletico Mineiro aus Brasilien auf das tags darauf stattfindende Finale der Copa Sudamericana ein, dem südamerikanischen Pendant zur Europa League. Es gibt ein großes Fanfest an der Costanera, der breiten Promenade am namensgebenden Fluss Paraguay. Bereits 2024 wurde das Sudamericana-Finale hier ausgetragen. Diesmal sollte es eigentlich in Bolivien stattfinden, aufgrund von Verzögerungen bei Umbauarbeiten am Stadion von Santa Cruz de la Sierra wurde es kurzerhand nach Asuncion verlegt. Und somit praktisch vor die Haustür des südamerikanischen Verbands. Denn die CONMEBOL unterhält hier ihr Hauptquartier und ein Museum zu Südamerikas Fußballgeschichte. Zu sehen sind Trophäen und Trikots. Statuen von Lionel Messi, Pele und Diego Armando Maradona lächeln einem mit WM-Pokalen entgegen. Ein Film zeigt wichtige Tore und große Momente. Klassische Museumsstille herrscht aber keine. Als ihr Klub im Film vorkommt, stimmt eine Gruppe Mineiro-Fans kurzerhand lautstarke Fangesänge an.
Blutige Geschichte
Das Finale findet am Samstag im Estadio Defensores del Chaco statt, der Heimstätte von Paraguays Nationalmannschaft. Genau wie im Centenario von Montevideo und im Monumental von Buenos Aires soll auch hier ein Spiel der ansonsten an Spanien, Portugal und Marokko vergebenen WM 2030 stattfinden. Den CONMEBOL-Connections sei Dank. Benannt ist das Stadion nach den Helden des Chaco-Krieges. Zwischen 1932 und 1935 kämpften Paraguay und Bolivien um den von beiden Nationen beanspruchten Chaco, eine dünn besiedelte und wirtschaftlich schwache Region mit Trockenwäldern und Dornbuschsavannen. Paraguay gewann, wodurch das zuvor arg geschrumpfte Land wieder etwas anwuchs. Nach der Unabhängigkeit von Spanien 1811 hatte Paraguay im Tripel-Allianz-Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay von 1864 bis 1870 rund ein Viertel seiner Landesfläche und zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren. Nur 28.000 erwachsene männliche Paraguayer überlebten den blutigsten Krieg Südamerikas.
Wie im Museum und im Stadtzentrum geben die Mineiro-Fans zunächst auch im Stadion den Ton an. Deutlich über 30 Grad, kein Schatten. Zur Abkühlung spritzt die Feuerwehr mit ihren Schläuchen in die Menge, über den Rängen bilden sich kleine Regenbogen. Darüber donnern Militärflugzeuge, die Paraguays Flagge in den Himmel malen. Auf dem Platz entwickelt sich ein nervöses Spiel ohne Tore. Mineiro-Superstar Hulk liegt hauptsächlich am Boden herum und reklamiert. Letztlich gewinnt Lanus im Elfmeterschießen. Auf die jubelnden argentinischen Fans warten vor dem Stadion schon dutzende Busse, die sie ins rund 20 Autostunden entfernte Buenos Aires zurückbringen. Sie sind immer noch unterwegs, wenn Cerro tags darauf im Fernduell mit Guarani um den Meistertitel kämpft.
La Nueva Olla liegt etwas östlich des Defensores del Chaco und ebenfalls in Asuncions Stadion-Sichel. Die großen Spielstätten der Stadt bilden nämlich einen Bogen um das Zentrum. Ganz im Westen das Nationalstadion. Dann das Estadio Arsenio Erico von Club Nacional, es trägt den Namen von Paraguays größtem Fußballhelden: Erico spielte in den 1930er und 1940er Jahren für CA Independiente und ist bis heute Rekordtorschütze der argentinischen Primera Division. Direkt neben dem Estadio Arsenio Erico ragt Cerros Kochtopf in den Himmel. Weiter im Nordosten folgen die Stadien von Olimpia und Guarani. Cerros Titelrivale ist nach der größten indigenen Bevölkerungsgruppe des Landes benannt, auch die paraguayische Währung und die zweite Amtssprache heißen so, bisweilen verschmilzt sie mit Spanisch zu einem Mischmasch. Nahe der Costanera im Nordosten Asuncions beschließt Club Libertads Spielstätte die Stadion-Sichel. Libertad ist der drittgrößte Klub der Stadt, der erfolgreichste der vergangenen Jahre und Titelverteidiger. Nun aber wartet die Entthronung.
Einmal mit Alles
Vier Stunden sind es noch bis zum Anpfiff. Die Polizeipräsenz in Asuncion ist generell enorm, im Stadionumfeld noch einmal auf einem anderen Level. Auf einem Platz nahe des Estadio La Nueva Olla sammeln sich hunderte, vielleicht tausende Polizisten zum Appell. Genau beäugt, trägt Cerros Barra Brava unterdessen ihre Trommeln, Trompeten und Fahnen ins Stadion. Im Wind weht der Geruch der unzähligen kleinen Grillstände. 5.000 Guarani kostet ein Choripan, eine pikante Grillwurst im Sandwich. Das sind umgerechnet 62 Cent und damit halb so viel wie tags zuvor beim Sudamericana-Finale. Bei den Ticketpreisen liegen die beiden großen Spiele des Wochenendes noch weiter auseinander: Die billigsten Eintrittskarten für das Finale kosten rund 80 Euro, bei Cerro ist man für unter vier Euro dabei. Sämtliche Tickets sind innerhalb kürzester Zeit vergriffen.
Zwei Stunden noch bis zum Anpfiff. Unter den Tribünen singen sich Cerros Fans ein. An der ausgelassenen Stimmung ändert auch eine kurzzeitige Auseinandersetzung mit der Polizei nichts. Beim Einlauf der beiden Mannschaften fliegen Konfetti und Luftballons umher. Dazu steigt Rauch in den Vereinsfarben Rot und Blau aus dem mit rund 30.000 Fans ausverkauften Kochtopf. Südamerika-Atmosphäre, einmal mit alles. Über der Fankurve prangen die Schriftzüge „El Club del Pueblo“ und „El mas popular“, der Klub des Volkes, der Populärste. Cerro gilt als Arbeiterklub, Lokalrivale Olimpia als Verein der Oberschicht. Die Schwarz-Weißen waren bisher erfolgreicher: Sie haben mehr Meistertitel vorzuweisen und zudem drei Siege in der Copa Libertadores, letztmals 2002. Kein anderer Klub aus Paraguay hat bis dato die südamerikanische Champions League gewonnen.
Cerros Spitzname lautet „El Ciclon“, das Maskottchen ist ein Wirbelwind im Trikot. Wie ein Zyklon legt auch die Mannschaft los. In der zweiten Minute geht Cerro nach einer Ecke in Führung. Libertads Bemühungen bleiben eher harmlos, trotz zweier berühmter Altstars. Die Kapitänschleife trägt der 44-jährige Santa Cruz, der einst beim FC Bayern und Manchester City spielte. Eingewechselt wird der 42-jährige Oscar Cardozo, lange für Benfica aktiv. Die Cerro-Fans verfolgen den Zwischenstand beim Parallelspiel mindestens so gebannt wie das eigene Match. Zu ihrem Ärger geht aber auch Guarani in Führung. Ungeachtet dessen zelebrieren sie ihre spektakuläre Pyroshow und beschwören den Titelgewinn: „Yo te quiero ver Campeon, Ciclon, Ciclon!“ Guarani erhöht auf 2:0, Entscheidung vertagt. Einen Champion gibt es heute nicht zu sehen, der Rhythmus des Liedes bleibt aber bis zum nächsten Wochenende in den Ohren. Dann fixiert Cerro mit einem Sieg am letzten Spieltag den Titel.
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