Es sagt viel über den beklagenswerten Zustand der wichtigsten Organisation des globalen Fußballs, wenn ausgerechnet Joseph Blatter die richtigen Worte über sie findet. „Die FIFA ist im Moment eine Diktatur. Alles, was der Präsident sagt, wird gemacht. Und alles andere wird zum Schweigen gebracht.“ Das erklärte der inzwischen 90-jährige frühere FIFA-Präsident Anfang Mai in einem ZDF-Interview. Blatter hat das Amt vor zehn Jahren nach Korruptionsvorwürfen niedergelegt, ist maßgeblich verantwortlich für den bisher größten FIFA-Skandal – und doch wirkt er im Vergleich zu seinem Nachfolger Gianni Infantino jetzt wie ein harmloser alter Herr, dessen Amtszeit man sich zurückwünscht.
Das ist natürlich Unsinn, denn Blatter und dessen Vorgänger João Havelange haben die Basis für das aktuelle Elend gelegt. Das wiegt umso schwerer, weil sie sich zunutze gemacht haben, was positiv an der FIFA sein könnte: Sie ist global und demokratisch. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr Länder von der Kolonialherrschaft befreiten, wurden sie schnell Mitglied der UN – und der FIFA. Doch Havelange und später Blatter suchten und fanden die Stimmen für ihren Machterhalt in macht- und geldgierigen Funktionären der neuen Verbände. Ihr Beispiel machte Schule, auf diese Weise wurden Zuschläge für mehrere Weltmeisterschaften der vergangenen Jahrzehnte gesichert.
Infantino trat 2016 als Reformator an, begrenzte die Amtszeit des Präsidenten auf zwölf Jahre, ließ statt des FIFA-Exekutivkomitees die gesamte Mitgliedschaft über WM-Turniere entscheiden, etablierte Kontrollinstanzen – und schaffte all das im Laufe der Zeit wieder ab. Infantino umschmeichelt Autokraten vom russischen Präsidenten über den katarischen Emir und den saudischen Kronprinzen bis zum US-amerikanischen Präsidenten. Er hat das Spiel der Massen einer Politik der Unterdrückung ausgeliefert, er ruiniert den Fußball.
Aber weil Infantino auch die Erlöse in neue Höhen getrieben hat, lassen die Mitglieder der FIFA es zu. Beim Kongress in Vancouver Ende April hat Infantino eine erneute Kandidatur für 2027 angekündigt und schon die Unterstützung der Kontinentalverbände Afrikas und Südamerikas erhalten. Es ist jedoch sehr einfach: Soll der Fußball als Sport, der von vielen Menschen mit wenigen Mitteln an fast allen Orten der Welt ausgeübt werden kann, überleben, muss Infantinos Herrschaft ein Ende haben. Die Mitgliedsverbände haben das in der Hand, denn Blatters Worten zum Trotz ist die FIFA in ihrer Struktur noch immer global und demokratisch.
Die Stimme jedes Mitglieds zählt, und damit trägt jedes Mitglied Verantwortung. Auch der ÖFB. Wenn es um Erlöse und die Ausrichtung von Events geht, möchte der Verband gern auf der großen Bühne mitspielen. Geht es darum, Rückgrat zu zeigen und den Mächtigen zu widersprechen, verweist der ÖFB auf fehlenden Einfluss und mangelnde Größe. Doch man ist immer auch gerade so unbedeutend, wie man sich macht. Der norwegische Fußballverband ist zahlenmäßig kleiner als der ÖFB, die sportliche Relevanz nicht größer, und doch hat Präsidentin Lise Klaveness Infantino schon mehrfach die Stirn geboten. Infantino stürzen und die FIFA reformieren – das ist die sportpolitische Aufgabe, die mit dieser WM nur noch dringender wird.