Allein schon der Name: Aztekenstadion! Mystischer kann ein Stadion kaum heißen. Die Azteken herrschten zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert im heutigen Mexiko. Bekannt waren sie für Bau- und Ingenieurskunst, rituellen Kannibalismus und ihr Ballspiel Ullamaliztli, gewissermaßen eine sehr entfernte Frühform des Fußballs. Etwa 450 Jahre nach dem Untergang des Aztekenreichs entstand unweit ihrer einstigen Hauptstadt Tenochtitlan im heutigen Mexiko-Stadt ein Fußballtempel. Der Name wurde öffentlich gewählt, „Estadio Azteca“ bekam die meisten Stimmen.
Seit der Eröffnung 1966 fanden hier zahlreiche historische Fußballspiele statt: Zum Beispiel das sogenannte „Jahrhundertspiel“ bei der WM 1970, das epische Semifinale zwischen West-Deutschland und Italien. Franz Beckenbauer mit ausgekugelter Schulter in einer Armschlinge, eine Verlängerung mit fünf Toren, etliche Führungswechsel und am Ende Italiens 4:3-Sieg. Vor dem Stadion erinnert bis heute eine Tafel an die „Partido del Siglo“. Ausgelaugt von den Strapazen bei sengender Nachmittagshitze auf über 2.000 Höhenmetern verlor Italien danach das Finale gegen Brasilien.
Pelé gewann im Aztekenstadion seinen dritten und letzten WM-Titel. 1986, bei der zweiten WM in Mexiko, schoss Diego Armando Maradona im Viertelfinale gegen England sein „Jahrhunderttor“ nach einem Solo über den halben Platz. Sein erster Treffer im Spiel mit der „Hand Gottes“ ist nicht minder berühmt. Zwei Siege später hielt Maradona im Aztekenstadion den WM-Pokal in die Höhe. Auch der zweite große Superstar des 20. Jahrhunderts krönte also hier seine Karriere.
Diesen Sommer erlebt es als erstes Stadion der Welt seine dritte Weltmeisterschaft, wie 1970 und 1986 dient es auch 2026 als Bühne für das Eröffnungsspiel: Am 11. Juni trifft Mexiko auf Südafrika. Vier weitere Partien werden folgen. Einst fasste das Stadion 115.000 Zuschauer und galt damit als das größte der Welt. Nach vielen – von Verzögerungen und Streitigkeiten geprägten – Umbauarbeiten in den vergangenen Jahren beträgt die Kapazität mittlerweile nur noch rund 87.000 Plätze. Ende März erfolgte die Wiedereröffnung mit einem 0:0 zwischen Mexiko und Portugal.
ZANKAPFEL
„Das Stadion war dafür noch nicht bereit“, sagt der freiberufliche mexikanische Journalist Omar Ramírez Luckie, der das Spiel besucht hat. „Ästhetische Details haben gefehlt, einige Teile waren beispielsweise noch nicht gestrichen.“ Grundsätzlich habe sich im Vergleich zum Konzept, das bei der WM-Bewerbung abgegeben wurde, im Bauprozess praktisch alles geändert. Ursprünglich sollte die Gegend unmittelbar um das Stadion aufgewertet und unter anderem mit einem Shoppingcenter versehen werden.
Dieser Plan scheiterte am Widerstand der lokalen Bevölkerung, das urige mexikanische Flair mit vielen kleinen Essensständen blieb somit erhalten. „Das gehört zu unserer Folklore, ist aber weit entfernt von normalen Annehmlichkeiten bei Großveranstaltungen in der heutigen Zeit“, sagt Ramírez Luckie. „Wir mexikanische Journalisten scherzen schon: Wie erklären wir jemandem von der BBC, dass unsere Fanzone eine Ansammlung an Ständen ist, die micheladas und quesadillas anbieten?“ Beim Spiel habe beim Einlass Chaos geherrscht: „Manche Leute haben bis zu einer Stunde gewartet, um reinzukommen.“
Im Innenbereich des Stadions hatte es schon 2016 größere Umbauarbeiten gegeben, damals auf Druck der NFL. 2005 fand im Aztekenstadion das erste reguläre NFL-Spiel außerhalb der USA statt. Für weitere Partien verlangte die NFL die Errichtung eines großen Hospitality-Bereichs. „Dadurch hat das Stadion viel seiner Seele verloren“, sagt der Journalist. Der Hospitality-Bereich wurde im Zuge der jetzigen Renovierung schon wieder entfernt und durch einen neuen auf der gegenüberliegenden Seite ersetzt. Dort entstand auch ein Spielertunnel – früher liefen die Stars aus der Ecke ein.
Im Alltag betroffen von all diesen Umbauten sind vor allem die Fans von Club América. Das Aztekenstadion dient nämlich nicht nur als Austragungsort für WM- und NFL-Spiele, für Heimspiele der Nationalmannschaft, Konzerte, Papstmessen und Boxkämpfe. Seit seiner Eröffnung ist es auch die Heimat des beliebtesten und erfolgreichsten Klubs Mexikos. „Die beste Atmosphäre herrscht bei Spielen von Club América“, sagt Ramírez Luckie. „Und das sage ich als Fan ihres Erzrivalen Chivas.“
Zusätzlich ist das Aztekenstadion ein beliebter Ausweichort für andere Vereine, während sie ihre eigenen Stadien umbauen. So trugen hier phasenweise auch schon Club Américas Stadtrivalen CD Cruz Azul und die UNAM Pumas Heimspiele aus. Offizieller Namensgeber des Stadions ist neuerdings die Bank Banorte; Eigentümer die Grupo Televisa, das dominierende mexikanische Medienunternehmen, dem auch Club América gehört.
99-Jahres-Abo
Unabhängig davon, wer im Aztekenstadion Fußball spielt oder sonst etwas veranstaltet: 14.000 Plätze sind stets für die sogenannten „Titulares de Palcos y Plateas“ reserviert, die Logen- und Tribünenplatzinhaber. Ein Alleinstellungsmerkmal des Aztekenstadions – und das kam so: Während des Baus ging irgendwann das Geld aus, also suchte man nach zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten. Als Lösung wurden noch vor Fertigstellung 600 Logen für durchschnittlich je zehn Personen sowie 8.000 Tribünenplätze für 99 Jahre veräußert.
Die Käufer bekamen die Garantie, bis 2065 kostenlos alle Veranstaltungen im Stadion besuchen zu dürfen. Diese Sonderstellung sorgte bereits im Vorfeld der WM 1986 für Probleme mit der FIFA, die alle Tickets verkaufen wollte. Letztlich setzten sich die „Titulares de Palcos y Plateas“ durch und waren gratis dabei. Bei Maradonas Toren gegen England genau wie beim Finalsieg gegen West-Deutschland.
Vor dieser WM wiederholten sich die Streitigkeiten. Um der mittlerweile noch größeren Wucht der FIFA zu widerstehen, schlossen sich die Inhaber zur „Asociación Mexicana de Titulares de Palcos y Plateas“ zusammen. „Unser Verband hat gegen die Pläne der FIFA und des Aztekenstadions geklagt und gewonnen“, sagt Generalsekretär Roberto Ruano Ortega dem ballesterer. „Unsere Logen- und Tribünenplätze werden respektiert. Wir werden nichts bezahlen.“
An wohl keinem Stadion der Welt zerren derart viele Kräfte wie am Aztekenstadion. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hat es eine unbeschreibliche Magie, findet Journalist Ramírez Luckie. „Wenn ich durch die Eingangstunnel gehe und auf das Feld blicke, dann stoppt mein Herz für ein paar Sekunden.“