Junge Spieler in alter Wäsch“, titelte der ballesterer 2022 vor der WM in Katar. Damals nahm Kanada zum ersten Mal seit 36 Jahren wieder an einer WM der Männer teil. Die Qualifikation sollte zum Standard werden, war der O-Ton der Beiträge über das Team. 2026 musste sich Kanada als eines der Gastgeberländer zwar nicht qualifizieren, die Kaderqualität hätte in der CONCACAF-Zone aber wohl dafür ausgereicht. Und diesmal klappt es auch mit den eigens für die WM designten Leiberln – in Katar lief das Team als einziges in den in der Qualifikation genutzten Dressen auf.
Jung und wild ist es heute allerdings nicht mehr, vielmehr hat sich ein gewisses Selbstverständnis etabliert. Die Stützen kommen in ihr bestes Fußballeralter und spielen bei bekannten Klubs. Jonathan David ist mit 26 Jahren mittlerweile Kanadas Rekordtorschütze und steht bei Juventus unter Vertrag. Nachdem er sich bei Inter nicht durchsetzen konnte, ist Tajon Buchanan mit 27 Jahren im Trikot von Villarreal in einer Topliga angekommen.
Das große Talent in der Mittelfeldzentrale, Ismaël Koné, hat sich mit 23 Jahren bei Sassuolo in die Auslage gespielt. Bayern Münchens Alphonso Davies kehrte nach über einem Jahr Verletzungspause ins Nationalteam zurück, aufgrund einer weiteren Verletzung ist zu Drucklegung allerdings unsicher, ob er die Mannschaft mit seinen 25 Jahren als Kapitän aufs Feld führen wird. Trotzdem lässt sich festhalten: Kanadas Nationalteam tritt bei der Heim-WM gefestigt zur Reifeprüfung an.
Und Marsch
Der Hype in der Heimat ist etwas abgeflacht, die Ansprüche sind realistischer geworden. Zum einen spielt fast die gesamte Defensive in sportlich bescheidenen Ligen Nord- und Mittelamerikas. Das dürfte der Hauptgrund sein, warum das Team unter Jesse Marsch, der im Frühling 2024 als Trainer übernahm, in einem stabilen 4-4-2 oder 4-2-3-1 mit Doppelsechs agiert. Marsch holte mit diesem System den vierten Platz der Copa América 2024, Kanada verlor im Halbfinale gegen den späteren Sieger Argentinien.
Andererseits sorgte das Ausscheiden beim Gold Cup 2025 im Viertelfinale gegen Guatemala für etwas Ernüchterung. Die Kritik an Marsch hielt sich dennoch in Grenzen, weist der US-Amerikaner mit Red-Bull-Vergangenheit mit 16 Siegen und sieben Unentschieden in 29 Spielen doch eine sehr positive Bilanz vor den letzten Vorbereitungsspielen im Juni aus.
Dass die kanadischen Anhänger*innen auf das Turnier hinfiebern, liegt vor allem an der Auslosung. „Es würde als massive Enttäuschung wahrgenommen werden, wenn sie nicht die K.-o.-Runde erreichen würden“, schreibt CBC. In Gruppe B wird Kanada zuerst auf Bosnien und Herzegowina, dann auf Katar und auf die Schweiz treffen. Die Hoffnungen auf ein Weiterkommen dürften bei allen vier Teams groß sein. Dass in einer derart engen Gruppe Kanadas Stärken in der Offensive liegen, verspricht unterhaltsame Begegnungen. Das Heimpublikum in Toronto und Vancouver kann helfen.