R. raucht noch. Wir sehen ihm gerne dabei zu, wenn er vom Spielfeld kommt, wenn er das Zigarettenetui aufklappt, wenn er genussvoll inhaliert. Ach, kannst dich erinnern, wie wir früher noch am Feld geraucht haben. Im Tor gestanden mit der Tschick in der Pappn. Kannst dich noch erinnern. Irgendwann haben wir alle damit aufgehört, bis auf R., wir beneiden ihn.
Nachtpartie
Wie lange es unsere Fußballrunde gibt, weiß der Herrgott. 25 Jahre werden es wohl sein, vielleicht 30. In unserer ersten Hallensaison und vielleicht auch die nächste und übernächste spielten wir von 21 Uhr bis 23 Uhr. Ein anderer Termin war nicht zu kriegen, oder wir waren zu blöd und zu jung dafür. Jedenfalls, dass mir keiner nach Hause geht, da wurde geraucht und getrunken und um 1.30 Uhr ins Bett und am nächsten Tag in der Arbeit aufschlagen wie eine Fliege im Bierglasl. Kannst dich noch erinnern.
Irgendwann haben wir damit aufgehört, zu Uhrzeiten zu spielen, zu denen anständige Leute schon vorm Fernseher liegen. Und im Sommer auch nicht mehr auf den Kreuzbandrisswiesen im Prater mit Toren aus Rucksäcken, sondern auf einem gscheiten Fußballfeld mit Toren. Da kannst so richtig anrauchen, dass dem Goalie die Tschick aus der Pappn fliegt.
Einen Sommer lang, es muss 2015 gewesen sein, haben sie neben unserem Fußballfeld ein Zeltlager für Flüchtlinge gebaut. Und weil ihnen niemand etwas anderes bieten konnte am Stadtrand von Wien, haben die jungen Afghanen schüchtern, aber doch, unser Feld betreten. Kannst dich noch erinnern, wie uns der um die Ohren grennt ist, der Ali. Das war der Moment, wo die meisten von uns eingesehen haben, jetzt werden wir nicht mehr schneller. Es mögen Kabarettisten an uns verloren gegangen sein, Automechaniker und Herzchirurgen, Kryptobetrüger, Langzeitarbeitslose und Guerillakämpfer, aber sicher keine Profifußballer. Im Gegensatz zum Ali und seinen Freunden, die waren dann weg mitsamt ihrem Zeltlager, und wir sind noch beim Bier gesessen.
Knapp dran
Unsere Partien fühlen sich an wie eine Schulstunde, und nachher kommt die große Pause. Einige sind in der Stunde ernst und zeigen auf, andere tratschen in der letzten Reihe, und mit fortwährender Dauer gibt’s auch die, die auf die Uhr schauen. In der großen Pause ist alles, was in der Stunde passiert ist, vergessen, in der großen Pause zählt nur eines: sich so viel wie möglich über die anderen lustig zu machen. Irgendwann im Leben wird alles fad, das Rauchen, das Fernsehprogramm, Pornos und Musik aus den 1980er Jahren.
Aber der Fußball wird nie fad und die Witze über Herkunft und Wohnort, über Bayern, Villach, Döbling und Favoriten, über Konkursvereine aus Tirol und solche mit freundlicher Förderung der Stadt Wien, über die mit einem hatscherten Stadion in Graz und all die unnötigen anderen, deren Existenz wir gemeinsam betrauern, das wird nie fad.
Die meisten von uns sind über 40, manche über 50, die Ältesten gehen auf den 60er zu. Wir sehen uns jede Woche, öfter als manche von uns die eigenen Kinder und die Freundin in einer anderen Stadt. Wir haben noch vor keinem Spiel eine Schweigeminute abgehalten und uns bei keinem Begräbnis getroffen. Aber wir waren schon knapp dran.
Vor ein paar Jahren hat es angefangen, mit dem Scheißkrebs. Zuerst war der eine im Spital, der andere bei der Chemo, der nächste bei der Strahlenkanone. Vier Fälle in kurzer Zeit. Sind die uns noch vor Kurzem so am Oasch gegangen mit ihren Alleinläufen, dem Haken als letzter Mann, dem deppaten, unnötigen Foul, was bist du denn für ein Volltrottel. Plötzlich waren sie Monate nicht da. Nicht am üblichen, immer selben Platz in der Garderobe, nicht mehr da in der großen Pause im Wirtshaus, die Goscherten, die Gscherten, die Piefke. Was haben wir über den gelacht, kannst dich erinnern.
Lokalrunde
Wir haben angefangen, uns anzurufen. Vorher haben wir uns nie angerufen. Mittwoch ist Fußball, da sehen wir uns eh. Und dann sagen sie, sie sind zu schwach, um aus dem Bett aufzustehen, und ich sage, das geht mir genauso, weil gestern ist’s länger geworden, eine Schnapsrunde zum neuem Kind, und alle lassen dich herzlich grüßen. Was sagt man schon. Es ist gut ausgegangen bei allen, sie waren Nichtraucher, sie haben jede Woche Sport gemacht, vielleicht hilft das was, weiß der Herrgott.
Hin und wieder stößt ein Jüngerer zu uns. C. ist so einer, der ist blutjung, der macht was Gscheites, der ist Pfleger im Krankenhaus. Wir reden oft und viel mit ihm darüber, wie er uns in unserer Alters-WG versorgen wird, über den Menüplan und die Filmauswahl. Er glaubt immer noch, dass wir scherzen, wenn wir ihm von unseren Wünschen erzählen, von Rollatoren mit Dosenhalter und Aschenbecher, und dass wir mit 70 wieder zum Rauchen anfangen.
Unser Mitspieler J. gibt bei dieser Gelegenheit gerne folgende Anekdote wieder: Sein Großvater mit ländlicher Herkunft hatte auch so eine Fußballrunde wie wir, und wie wir waren sie nach dem Kicken immer im Gasthaus. Und als das nicht mehr drinnen war mit dem Fußball, haben sie sich immer noch jede Woche im Gasthaus getroffen, zum Schnapsen und zum Ausstallieren und weil sie sich über all die Jahrzehnte immer getroffen haben, wurscht ob Scheißkrebs oder Scheidung oder arbeitslos oder weiß der Herrgott.
Irgendwann, in ferner Zukunft, werden wir damit aufhören, Fußball zu spielen. Und irgendwann, so geht die Anekdote von J. weiter, sitzt nur mehr einer dort am Tisch mit dem Wimpel. Aber der wird sich noch erinnern.
Gewidmet allen ehemaligen, aktiven und zukünftigen Spielern der Runde „Kicken am Mittwoch“.