„Es gab Donnerstage, da legten die Männer über Nacht ihre Hände in Obstessig“, erzählt ein Fan des 1. FC Magdeburg. „Am nächsten Morgen war die Haut weich wie ein feuchter Lappen. Die Hools zogen sie ab bis auf das rohe Fleisch, um am Freitag nicht malochen zu müssen. Stattdessen fuhren sie mit ihrem BFC zum Auswärtsspiel, die dritte Halbzeit inklusive.“ Das Zitat veranschaulicht schon zu Beginn des Buchs, was die Leser erwartet: eine umfangreiche Sammlung von Geschichten und Erinnerungen aus dem Fandasein vergangener Tage in einem nicht mehr existenten Staat und seiner nicht mehr existenten Gesellschaft. Die Autoren treten dabei eher als Chronisten auf, die den Geschichten viel Raum zur Entfaltung lassen.
Kamen in der ersten Auflage ausschließlich Fans von Union Berlin und dem BFC Dynamo zu Wort, sind in der neuen Ausgabe auch Dresden, Halle, Jena, Leipzig, Magdeburg und Rostock vertreten. „Jugend ist immer gegen die herrschende Doktrin“ heißt es an einer anderen Stelle, und so handelt „Stadionpartisanen“ auch davon, wie der Staat und seine Sicherheitsorgane auf die zumeist jugendlichen Fans reagierten. Im Fachjargon der Stasi, des Ministeriums für Staatssicherheit, war die Rede vom „feindlich-negativen“ oder „negativ-dekadenten Anhang“.
ballesterer: Sie haben „Stadionpartisanen“ 2007 erstmals veröffentlicht. Was war der Grund für die Neuauflage?
Frank Willmann: Das alte „Stadionpartisanen“ hatte einige Lücken, das Buch war von schlechter Papierqualität und außerdem längst vergriffen. Mit Stephan Trosien haben wir einen idealistischen Verleger gefunden, der sich nicht davor gescheut hat, einen 1,6 Kilo schweren Wälzer auf den Buchmarkt zu wuchten. Veit Pätzug hat ein großartiges Layout geliefert, es gibt über 200 neue Fotos und Dokumente.
Welche Episoden sind Ihnen besonders in Erinnerung?
Das Schicksal von drei Studenten, die Anfang der 1970er Jahre Beckenbauer und Co. in Warschau sehen wollten. Das hat sie letztlich hinter Gitter gebracht und ihr Studium gekostet. Oder auch die Fahrt der Hansa-Rostock-Fans zur Wendezeit nach Ostrava, als tschechoslowakische Polizisten einen ganzen Zug Fußballfans in Geiselhaft genommen haben.
Wie schwierig ist es, an Gesprächspartner zu kommen, die über ihre Erfahrungen in dieser Zeit berichten?
Alle Interviews sind in enger Absprache mit den Protagonisten entstanden. Egal ob Fan, Stasi-Mann oder Vereinsfunktionär, jeder ist gleich behandelt worden. Die Sichtweisen sind natürlich verschieden, aber diese Vielfalt macht das Buch aus. Wir bringen Fakten und erzählen Geschichten. Das Puzzle zusammenfügen und die Geschichte deuten müssen die Leser allein.
Sehen Sie Parallelen zwischen dem damaligen Geschehen und der heutigen Debatte über Fankultur in Deutschland?
Die Geschichten sind immer die gleichen. Es geht um den Traum von Freiheit, um rauschhafte kollektive Erlebnisse, um den wilden Kick. Kinder, die erwachsen werden. Mit all ihrem Frust, ihrer Romantik, ihrem Dagegensein. Früher war der Staat der Feind. Nur, heute muss man neben dem Repressionsapparat des Staates noch aufpassen, dass einem der Verein nicht unter dem Hintern weggekauft wird.