„Die Gedanken sind den ganzen Tag dort“, sagt Shabnam Ruhin. Dort, das ist Afghanistan, und Ruhins Gedanken sind nicht nur bei ihren Angehörigen, sondern auch bei ihren ehemaligen Mitspielerinnen. Die 30-Jährige, die in Hamburg geboren wurde und dort lebt, spielte ebenso wie ihre Schwester Mariam zwischen 2012 und 2018 für das afghanische Nationalteam. Spätestens als die Taliban Mitte August die Hauptstadt Kabul einnehmen, sind tausende Menschen in Lebensgefahr – durch ihren Beruf, die Zusammenarbeit mit den NATO-Truppen, durch ihre Überzeugungen oder weil sie in den vergangenen Jahren Fußball gespielt haben. „Diese Frauen haben nicht nach den Vorstellungen der Taliban gelebt“, sagt Ruhin.
Mission Ausreise
In den folgenden Stunden und Tagen formiert sich ein Unterstützungsteam für die Fußballerinnen, von denen einige noch Teenager sind. Zentrale Figuren sind die frühere Kapitänin des Nationalteams, Khalida Popal, die heute in Dänemark lebt, sowie die ehemalige Teamchefin Kelly Lindsey und ihre Co-Trainerin Haley Carter aus den USA. Während die Soldaten und Diplomaten des Westens Afghanistan verlassen und sich die Angst im Land ausbreitet, nutzen die drei Frauen die Waffen, die ihnen zur Verfügung stehen – ihre Kontakte und ihre Smartphones. Das Ziel ist klar: Sie wollen so viele Fußballerinnen wie möglich in Sicherheit bringen.
Sie mobilisieren alle Kräfte, die helfen können: Von Beginn an ist die Zusammenarbeit mit der Spielergewerkschaft FIFPro eng. Die ehemalige Soldatin Carter hat zudem Verbindungen zum US-Militär. In Australien stellt der ehemalige Teamspieler Craig Foster Kontakte zur Regierung her, in Kanada die frühere Schwimmerin Nikki Dryden. Sie kooperieren mit anderen Athletengruppen, mit NGOs und Hilfsorganisationen. Sie brauchen Geld, Flüge und Visa. Die Namen der Spielerinnen müssen auf der richtigen Liste stehen, sie müssen die richtigen Papiere haben und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. „Wir sind wie die Finger einer Hand, jede hat eine andere Aufgabe, und gemeinsam setzen wir einen kräftigen Faustschlag“, sagte Popal dem Guardian. Ihre Aufgabe ist es, den Kontakt zu den Spielerinnen zu halten. Sie telefoniert und schreibt Nachrichten, beruhigt, ermutigt und gibt Anweisungen: Sie sollen ihre Dressen verbrennen, die Social-Media-Accounts mit Fotos am Platz und in Trikots löschen.
Über Popal sind auch die Ruhin-Schwestern und weitere Spielerinnen außerhalb Afghanistans über die Lage informiert. Sie leitet Nachrichten und Fotos weiter, zwischendurch kontaktieren die Spielerinnen auch einander. „Wir haben Sprachnachrichten bekommen, in denen die Mädels weinen“, sagt Ruhin. „Bei einer Nachricht über Facebook waren im Hintergrund Schüsse zu hören.“ Das einzige Mittel gegen das Ohnmachtsgefühl ist Solidarität. „Ich versuche, ihnen Hoffnung zu geben, zu sagen, dass sie nicht aufgeben dürfen“, sagt sie. „Sie sollen wissen, dass es jemanden gibt, der an sie denkt.“
Kampf gegen den Verband
Fußball ist für afghanische Frauen in den vergangenen Jahren nicht einfach nur ein Sport gewesen und das Nationalteam kein Team wie jedes andere. Der Aufbau des unter den Taliban verbotenen Frauenfußballs war Teil der westlichen Strategie für Afghanistan. Das Nationalteam wurde 2007 gegründet, Trainingslager im Ausland unter anderem vom deutschen Außenministerium finanziert, in Europa und Nordamerika lebende Spielerinnen wie die Ruhin-Schwestern verstärkten den Kader nach und nach. Die Stellung des Teams und der Spielerinnen blieb in Afghanistan jedoch prekär. Popal verließ das Land 2011 nach Morddrohungen. Auf dem Trainingsplatz in Kabul explodierte eine Bombe, Trainingslager und Heimspiele fanden nie in Afghanistan statt, sondern immer im Ausland.
Große sportliche Erfolge sollte das Team nicht feiern, und zugleich hat es mehr erreicht, als es sich Funktionäre und Diplomaten vorgestellt haben. Ende 2017 brachten die Spielerinnen und ihre Trainerinnen ans Licht, dass es im Verband seit Jahren zu sexueller Gewalt und Drohungen gegen die Spielerinnen gekommen war. Die im Ausland lebenden Fußballerinnen traten mit öffentlichen Statements aus dem Team zurück und starteten eine Kampagne, die auf die Spitze des Verbands zielte: den Präsidenten und Politiker Keramuddin Karim. Nach langen Kämpfen erreichten sie seine Suspendierung durch die FIFA und eine Anklage durch die lokalen Behörden. Der Fall machte Schlagzeilen, und er hat dafür gesorgt, dass die Spielerinnen und Trainerinnen auch dann noch zusammenhalten, als sie längst nicht mehr gemeinsam am Platz stehen. „Sie werden immer meine Spielerinnen bleiben“, sagte Haley Carter im Interview mit CNN. „Wir haben ein so starkes Vertrauen zueinander entwickelt. Manche sind wie eine Familie für mich.“
Rund 4.000 Mädchen und Frauen waren im Sommer 2021 als Spielerinnen registriert, es gab Teams in verschiedenen Provinzen. Die Teamspielerinnen haben ihre Vorbildrolle erfüllt, der Sport hat einen Teil zur Stärkung der afghanischen Frauen beigetragen – und ist genau deswegen eine Gefahr. „Für mich ist es viel einfacher gewesen, Fußball zu spielen, als für die Mädchen in Afghanistan“, sagt Shabnam Ruhin. „Ich kann mir vorstellen, dass einige von ihnen jetzt denken ‚Wie habe ich das meiner Familie antun können?‘ Es war auch vor den Taliban nicht leicht, aber es war ein wichtiger gesellschaftlicher Schritt. Die Spielerinnen waren Hoffnungsträgerinnen.“
Vorbei an den Checkpoints
In den Tagen nach dem Sieg der Taliban sind Popal, Lindsey und ihre Helfer fast rund um die Uhr im Einsatz. Sie müssen definieren, welche Spielerinnen am stärksten gefährdet sind und wer zuerst auf die Liste kommt. Und sie müssen die Frauen vor harte Entscheidungen stellen: „Ich habe ihnen gesagt, dass sie auswählen müssen, wer aus ihrer Familie sie begleitet“, sagte Popal dem Guardian. „Das war entsetzlich.“ Mithilfe von GPS-Signalen und Smartphones dirigieren sie kleine Gruppen durch Kabul zum Flughafen. Nicht immer können sie den Checkpoints der Taliban ausweichen, manche der Mädchen und Frauen werden geschlagen und ausgepeitscht, ihre Telefone gestohlen. Doch in der Nacht des 23. August können rund 75 Personen über Dubai nach Australien ausgeflogen werden, darunter viele aktuelle Teamspielerinnen und ihre Familien.
Die Hilferufe aus Afghanistan haben auch andere erreicht: Eine Spielerin wendet sich an die NGO Discover Football in Berlin, die sich seit Jahren für Gleichstellung engagiert, internationale Turniere veranstaltet und Vernetzung betreibt. Auf diesem Weg landet ihr Name bei der SPD-Politikerin Dagmar Freitag, die dem Sportausschuss im Bundestag vorsitzt. Sie leitet eine Liste von gefährdeten Sportlerinnen und Sportlern an das Außenministerium weiter. Die Spielerin ist inzwischen ausgeflogen worden, ob von deutschen oder anderen Einsatzkräften, lässt sich noch nicht rekonstruieren. „Ich habe volles Verständnis dafür, dass keine Ressourcen dafür bereitstehen, detaillierte Rückmeldungen zu geben, ob die Evakuierungswünsche realisiert werden konnten“, sagt Freitag dem ballesterer. In Rom landet am 27. August ein Transportflugzeug des italienischen Militärs, an Bord befinden sich auch drei Spielerinnen und der Trainer des Bastan FC aus Herat. „Wir sind in Italien, danke für alles“, schreibt eine der Spielerin einem Journalisten des Magazins Internazionale per WhatsApp. „Wir hoffen, ihr könnt auch die retten, die es noch nicht geschafft haben.“
Dass die Evakuierungen gelingen, ist Resultat von Kooperationen über Ländergrenzen und Organisationen hinweg. Für die Fußballerinnen ist die Hilfe der FIFPro ein großes Plus, wie auch Ruhin anmerkt. Von einem viel mächtigeren Player lässt sich das nicht sagen: „Die FIFA ist erst dazugekommen, als die meiste Arbeit schon getan war. Natürlich ist spät besser als gar nicht, aber in so einer Situation kann man nicht zögern. Es geht um Menschenleben.“ Für Ruhin folgt das Agieren des Weltverbands einem bekannten Muster. „Das ist wie bei unserer Auseinandersetzung mit dem afghanischen Verband, derselbe Prozess, der sich ewig hinzieht.“
Angst vor der Zukunft
Noch immer befinden sich viele Fußballerinnen in Afghanistan, an ihrer Ausreise arbeitet das Team weiter. Ruhin berichtet von Spielerinnen, die im August mit ihren Familien aus Herat und Kandahar nach Kabul gereist sind, weil zu diesem Zeitpunkt eine Flucht von dort noch am ehesten möglich schien. Solange das Geld reichte, seien sie in Hotels untergekommen. Am Tag vor dem ballesterer-Gespräch seien sie hinausgeworfen worden. „Sie sind jetzt auf der Straße und warten auf Hilfe. Bei Verwandten und Freunden unterzukommen, ist nicht einfach. Denn alle haben Angst“, sagt Ruhin.
Wie sich die Gefährdungslage der Spielerinnen in den kommenden Wochen entwickelt, lässt sich kaum einschätzen. Ebenso wenig wie die Zukunft Afghanistans. „Ich bin sehr pessimistisch, was die Rechte der Frauen angeht“, sagt Freitag. „Soweit mir bekannt ist, hält Deutschland an der Zielstellung fest, seine Förderprojekte für den Sport in Afghanistan fortzuführen. Ob und wie das unter den Taliban realisierbar sein wird – dazu fehlt mir aktuell die Fantasie.“ Den Pessimismus der SPD-Politikerin teilt Shabnam Ruhin. Als sie über die Mädchen und Frauen in Afghanistan spricht, sagt sie zunächst „Fußballerinnen“, korrigiert sich dann aber: „Ex-Fußballerinnen muss man wohl sagen.“