Vor den jüngsten WM-Qualifikationsspielen wurde der Kader des isländischen Nationalteams kurzfristig verändert. Der Grund dafür war kein sportlicher. Kolbeinn Sigthorsson, Rekordtorschütze der Mannschaft, soll 2017 gemeinsam mit einem anderen Mann zwei Frauen in einem Nachtclub bedrängt und sexuell belästigt haben. Sie erstatteten Anzeige. Der Spieler soll seine Schuld zwar nicht eingestanden, sich aber für sein Verhalten entschuldigt und Schmerzensgeld gezahlt haben.
Das allein würde für eine Suspendierung schon ausreichen, doch es scheint nur ein Teil eines größeren Bildes zu sein. Zu diesem Bild gehört, dass es eines Artikels der Gleichstellungsbeauftragten des Lehrerverbands bedurfte, um die zuvor in den sozialen Netzwerken kursierenden Gerüchte zusammenzufügen. Hanna Björg Vilhjalmsdottir berichtete darin von weiteren Vorfällen häuslicher und sexueller Gewalt inklusive einer Gruppenvergewaltigung, an denen isländische Teamspieler beteiligt gewesen sein sollen. Dass sie dafür nie belangt wurden, sei der schützenden Hand des Fußballverbands KSI zu verdanken, der Frauen von Anzeigen abriet und Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben ließ. KSI-Präsident Gudni Bergsson ist inzwischen zurückgetreten, der Verband hat weitere Betroffene aufgefordert, sich zu melden, und verspricht Aufklärung.
Das Bild aus Island enthält bekannte Motive, denn Sigthorsson steht in einer Reihe von prominenten Fußballern, die mit sexueller Gewalt in Verbindung gebracht werden. Der prominenteste von ihnen ist der prominenteste von allen: Cristiano Ronaldo. Der Vorwurf lautete auf Vergewaltigung, es gab ebenfalls Zahlungen und eine Schweigeerklärung. Wegen der geringen Aussicht auf eine Verurteilung wurden die Ermittlungen 2019 eingestellt, das Zivilverfahren der Betroffenen gegen Ronaldo läuft in den USA aber noch. Robinho wurde 2020 wegen einer Gruppenvergewaltigung zu neun Jahren Haft verurteilt, im August wurden mit Benjamin Mendy und Ruben Semedo zwei weitere Profis festgenommen. Die Liste lässt sich leicht fortsetzen, eine schnelle Internetsuche liefert viele Treffer – manche mit vollständigen Namen, manche ohne, manche mit Prozessen, manche ohne, manche mit Haftstrafen, manche ohne.
Sexualdelikte gehören zu den am schwierigsten zu verfolgenden Straftaten. Die Beweislage ist häufig kompliziert. Der Hinweis, dass für die Tatverdächtigen die Unschuldsvermutung gilt, fehlt in kaum einem Bericht. Doch sie gilt nur für einzelne Spieler, der Profifußball hat sein Recht darauf schon lange verwirkt. Zu systematisch, zu beständig sind die Frauenverachtung und der alltägliche Sexismus in diesem Geschäft. Zu groß sind Ruhm und Macht der Spieler, und zu selten lernen sie, diese nicht auszunutzen. Zu oft schweigen Vereine und Verbände, zu gern folgen Medien diesem Beispiel, und zu bereitwillig eilen Fans zur Verteidigung ihrer Stars herbei. All diese Teile ergeben zusammen ein Bild, das vielleicht weder in Reykjavik noch in Manchester oder Salzburg je vor einem Gericht präsentiert wird, das aber dennoch eindeutig ist: Der Fußball ist Mittäter.