Die Casellis haben denselben Traum wie Millionen anderer Fußballfans. Sie wollen die Geschicke ihres Lieblingsklubs lenken. Familie Caselli hat allerdings etwas, das sie von den anderen unterscheidet: Einfluss und Mittel, um ihre Träume umzusetzen. Und sie ist bereit, dafür um die halbe Welt zu reisen. Antonio Caselli wird 1968 im Stadtteil Villa Urquiza in Buenos Aires geboren. Das wohlhabende Viertel grenzt an den Bezirk Nunez, Heimat des Club Atletico River Plate. Casellis Vater Esteban war in den 1990er Jahren Botschafter im Vatikan, von ihm erbt der Sohn wohl die politischen Ambitionen. Antonio wird 2001 Botschafter des Malteserordens in Argentinien und engagiert sich bei River Plate. 2006 überwirft er sich mit dem damaligen Vereinspräsidenten Jose Maria Aguilar, und als Aguilar 2009 den Klub verlässt, kandidiert Caselli mit der Initiative Primero River für die Nachfolge. „Mir gefällt nicht, dass die Mitglieder von River belogen werden“, sagt er im Wahlkampf. Er scheitert mit seiner Kandidatur – ebenso wie vier und acht Jahre später bei seinen weiteren Versuchen.
Jung und ambitioniert
Als er zum dritten Mal bei den Präsidentschaftswahlen unterliegt, ist Antonio Caselli noch keine 50 Jahre alt. Ihm fehlt es an Erfahrung, noch nie hat er ein bedeutendes Amt bei einem Fußballklub innegehabt. Diesen Mangel möchte er wettmachen, am besten im Ausland. Spanien erscheint ideal: Dort wimmelt es unterhalb der Profiligen von Klubs mit viel Tradition, großen Ambitionen, schmalen Konten und wenig Angst vor einer starken Hand. In Burgos wird Caselli fündig: Der CF Burgos wurde 1994 nach diversen Pleiten neu gegründet. Die Stadt im Norden Spaniens bietet mit 175.000 Einwohnern ein solides Potenzial. Der Klub ist finanziell ordentlich aufgestellt, fußballerisch gibt es keinen nennenswerten Rivalen. Burgos spielt in der dritten Liga, das Stadion kann sich sehen lassen, und die Stadt zeigt sich mit Blick auf mögliche Renovierungen kooperativ. Im Mai 2019 erwirbt das eigens dafür von der Familie Caselli gegründete Unternehmen Football Success Case 90 Prozent der Klubanteile um rund 1,7 Millionen Euro. „Ich möchte in Burgos beweisen, dass es eine andere Art gibt, einen Klub zu leiten“, sagt Caselli der Sportzeitung Mundo Deportivo. „Wenn man bei River sieht, welch gute Dinge ich in Burgos mache, wird man merken, dass ich die beste Option bin.“
Die Casellis entfachen eine Euphorie. Sie senken die Kartenpreise, mehr als 5.500 Saisonabos werden verkauft, fast doppelt so viele wie früher. Innerhalb von zwei Jahren soll Burgos in die zweite Liga aufsteigen, in fünf Jahren erstklassig spielen. Antonio lenkt die Geschicke des Klubs als CEO von Argentinien aus, sein Sohn Franco wird Ende 2019 zum Präsidenten gewählt und lässt sich in Burgos nieder. Er hat seinen Vater 2017 bereits als Kampagnenleiter bei der Präsidentschaftswahl für River Plate unterstützt und scheint als Absolvent des FIFA-Master-Studiengangs in Sportmanagement und Sportrecht beste Voraussetzungen mitzubringen. Landesweite Schlagzeilen gibt es gratis dazu, denn Franco Caselli ist mit 23 Jahren der jüngste Vereinspräsident in den obersten drei Ligen. „Wir nehmen das Projekt ernst. Wir sind gekommen, um zu bleiben“, sagt er El Pais.
Aufstieg und Fall
Die nach Ausbruch der Pandemie nicht zu Ende gespielte Saison beschließt Burgos im Mittelfeld. Ein gutes Händchen beweisen die neuen Klubbesitzer mit der Verpflichtung von Sportdirektor Miguel Perez Cuesta, genannt Michu, im Dezember 2019. Der damals 33-Jährige stellt eine schlagkräftige Truppe zusammen – und nimmt dabei trotz fehlender Einnahmen durch die Coronakrise viel Geld in die Hand. Ende 2020 berichten lokale Medien von gravierenden Finanzproblemen beim Klub. Die Casellis versuchen das Thema auszusitzen. Im Dezember 2020 prahlt Antonio Caselli in der Tageszeitung Diario de Burgos, er habe ein Angebot in Höhe von zehn Millionen Euro für den Klub ausgeschlagen. Dieser sei jetzt 15 Millionen wert. Laut der Tageszeitung ABC verspricht Caselli, über sein Unternehmen Football Success Case noch in der laufenden Saison 1,8 Millionen Euro beizusteuern und kündigt einen Sponsorendeal über 800.000 Euro an. Nichts davon tritt ein.
Doch die sportlichen Erfolge überschatten die Misswirtschaft. Burgos wird Meister seiner Drittligagruppe, im Play-off gelingt der Aufstieg. Dieser bringt jedoch weitere Verpflichtungen mit sich, ein neuer Rasen muss her, und die Liga schreibt Verbesserungen am Stadion vor. Nur drei Tage nach dem Aufstieg verklagen die Spieler den Klub. Sie haben seit Monaten keine Gehälter bekommen, auch die Aufstiegsprämie ist nicht gezahlt worden. Der Verband kündigt an, dem Klub die Lizenz zu verweigern, falls er diese Schulden nicht bis Ende Juni 2021 begleicht.
Dass Burgos CF dennoch in der zweiten Liga antreten darf, verdankt der Klub seinen Vorbesitzern, die sich bei Bekanntwerden der Probleme zusammenschließen und Finanzspritzen setzen. Das alles, ohne das Ausmaß der Verschuldung zu kennen. „Im Dezember gaben die Casellis den Schuldenstand mit 190.000 Euro an, obwohl eine Kontenprüfung ihn auf 3,3 Millionen bezifferte“, sagt Kleinaktionärssprecher Sergio Sainz gegenüber ABC. Den alten Besitzern gelingt es, die Casellis zur Aufgabe zu überreden. Anfang Juli verabschieden sich Vater und Sohn auf der Aktionärsversammlung – diplomatisch, wie es die Familiengeschichte erwarten lässt. „Wir sind traurig“, sagt Antonio Caselli dem TV-Sender Burgos 8. „Wir haben sicher viele Fehler begangen, aber wir sind angetreten, um Burgos in zwei Jahren in die zweite Liga zu führen, und das ist uns gelungen. Wir verabschieden uns von den außergewöhnlichen Mitarbeitern des Klubs und entschuldigen uns, falls wir den Erwartungen nicht gerecht geworden sind. Auf Wiedersehen und Verzeihung.“ Bei der Präsentation der wirtschaftlichen Zahlen tritt die Höhe der Verbindlichkeiten zutage. Der Schuldenstand beträgt laut Marca sechs Millionen Euro. Zur Einordnung: Das Jahresbudget lag in den vergangenen beiden Spielzeiten bei etwa vier Millionen.
Seinen Traum von der Präsidentschaft bei River Plate begraben, das ist für Antonio Caselli dennoch keine Option. Die Casellis verlassen zwar Burgos, Spanien jedoch nicht. „Wir bereiten die Landung in einem anderen Klub in diesem wunderschönen Land vor“, sagt Antonio Caselli im Diario de Burgos. „Wir wollen unser Projekt zum Erfolg führen.“