Jenseits des sportlichen Erfolgs suchen die meisten Vereine nach einer eigenen Identität − oder wenigstens einem vermarktbaren Alleinstellungsmerkmal. Recreativo Huelva hat dieses Problem nicht. Denn der heutige Drittligist verfügt zwar über keine große Titelsammlung, doch er ist in ganz Spanien als „El Decano“ bekannt – als Doyen, als Ältester des nationalen Fußballs. Kein anderer Profiklub kann auf eine so lange Geschichte zurückblicken wie der Verein aus Andalusien, der seit 1889 existiert. Diesem Ehrentitel ist es wohl auch zu verdanken, dass Recreativo Huelva trotz massiver finanzieller Probleme überhaupt noch am Spielbetrieb teilnimmt und nicht liquidiert wurde.
Auf zum letzten Gefecht
Das Ausmaß des Schlamassels wurde der breiten Öffentlichkeit durch eine Aktion des Vereins im März letzten Jahres bewusst, die als eine Mischung aus Hilfeschrei und Befreiungsschlag gedeutet werden kann. Spieler, Angestellte und weitere Gläubiger von Recreativo warteten bereits seit Monaten auf ihr Geld, als das Spiel gegen die Zweitmannschaft von Granada aufgrund der prekären finanziellen und sportlichen Situation zum womöglich letzten Match der Klubgeschichte erklärt wurde. Im Abstiegskampf der dritten Liga sollten so der Verein und die Zuschauer wachgerüttelt und angespornt werden. Bei einem gewöhnlichen Drittligaspiel finden sich im Estadio Nuevo Colombino durchschnittlich etwa 5.000 Zuschauer ein. Das Ziel war also, das Stadion endlich wieder vollzukriegen. Die 21.000 Karten für das Match wurden zu einem symbolischen Preis von einem Euro angeboten und waren binnen 24 Stunden ausverkauft. Fans und Sympathisanten aus ganz Andalusien reisten in Charterbussen an. Recreativo gewann gegen Granada B schließlich 1:0, das Spiel geriet zu einer Manifestation der Verwurzelung des Klubs in der Region. In den folgenden Wochen gelang dem Verein der Klassenerhalt, doch die Probleme sind geblieben.
Denn aus einer sportlich erfolgreichen Phase in den 2000er Jahren hat Recreativo nicht nur Erinnerungen an vier Saisonen Primera Division und Spieler wie Santi Cazorla und Florent Sinama-Pongolle mitgebracht, sondern auch etwa 20 Millionen Euro Schulden. Unter der strengen Regeln eines eigens für Sportvereine eingerichteten Konkursrechts wurde ab 2010 versucht, den Betrieb dennoch aufrechtzuerhalten. Einnahmen flossen in die Deckung von Verbindlichkeiten beim Finanzamt. Die Firma Gildoy Espana des uruguayischen Geschäftsmanns Victor Hugo Mesa sollte als Mehrheitsaktionär die Rettung bringen, doch nach Jahren des Verschleppens der Probleme drohte letzten Sommer erneut der Exitus.
Bei den Fans haben die vermeintlichen Retter ebenso wie Pablo Comas, Klubpräsident zwischen 2012 und 2016, jeden Kredit verspielt. „Diese Leute sind nur gekommen, um Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen“, sagt Manu Lopez vom Internetportal albiazules.es, das sich ausschließlich Recreativo widmet. „Sie hatten kein echtes Interesse daran, sich unseren wirtschaftlichen Problemen zu stellen. Ihre fahrlässige Geschäftsführung hat den Verein fast zerstört.“ Im Herbst 2015 demonstrierten 10.000 Fans in Huelva gegen die Klubbesitzer. Ihre Proteste, sagt Lopez, hätten schließlich das Blatt gewendet, denn die Lokalpolitik trat auf den Plan. „Im Rathaus ist der Ruf der Anhänger gehört worden, die mehrmals mit Demonstrationen die Straßen der Stadt gefüllt haben.“
Hört die Signale
Die Lokalregierung griff zu durchwegs unorthodoxen Maßnahmen, um den „Decano“ am Leben zu halten. Im Juni 2016 erklärte sie den Verein zu einem „Bien die Interes Cultural“, einem geschützten Kulturgut. Wenn Banken und Firmen too big to fail sein können, so die Logik dahinter, sei Recreativo Huelva eben too old to fail und bedürfe öffentlicher Unterstützung. Der Schritt ermöglichte es, der Vereinsführung das Steuer zu entreißen. Die Gruppe um Präsident Comas wurde schlicht enteignet. Etliche seither geführte Prozesse konnte die Stadt für sich entscheiden, zusätzlich wurden viele Konflikte vorerst beigelegt. Bezüglich der Gehälter konnte man eine Regelung mit der Spielergewerkschaft AFE aushandeln, die die gröbsten Ausstände begleicht. Der größte Gläubiger bleibt aber das Finanzamt, wie Manu Lopez betont: „Um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, sucht man nach einer Lösung, die uns nicht die Liquidität und die wirtschaftliche Kontrolle nimmt.“ Das wird schwierig genug, sollen sich die Schulden bei der Finanz doch auf gut sechs Millionen Euro summiert haben.
Sportlich ist das Schlimmste vorerst abgewendet, auch in dieser Saison konnte der Klassenerhalt gesichert werden. Die Stadtverwaltung sucht nun nach einem Käufer, schließlich soll der Klub nicht auf Dauer die Kassen einer ohnehin nicht wohlhabenden Kommune belasten. Doch sollte sich ein Investor finden, der einen hoch verschuldeten Drittligisten übernimmt, werden das Rathaus und die Anhänger in Zukunft weniger mitzureden haben. Eine nach dem Prinzip der britischen Supporters’ Trust gegründete Initiative sammelt daher Geld, um sich in den Verein einzukaufen. Bislang ist die Gruppe aber weit von den Millionenbeträgen entfernt, die vonnöten wären. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, Anteile in einem transparenten Verfahren kaufen zu können, wird der Trust wohl nicht zögern, seine Mittel einzusetzen.
Was die sportliche Zukunft des „Decano“ betrifft, gibt sich Journalist und Fan Lopez nach all den turbulenten Jahren bescheiden. Er wünsche sich Ruhe für die Arbeit des Trainerteams, institutionelle Stabilität und kleine sportliche Fortschritte. „Jetzt geht es darum, mit einem starken Team in der dritten Liga antreten zu können“, sagt er. „Irgendwann muss der Klub dann wieder den Sprung in den professionellen Fußball schaffen. Schuldenfrei.“