Im Mittelfeld hat der fabelhafte Navassos den Ball an sich gebracht und er läuft vor der Phalanx der Vienna-Leute ganz nach links, da geht’s am heranstürmenden Georg gerade noch vorbei und er befreit sich aus der Bedrängnis mit Abgabe zu Chello, der gibt nach kurzem Sprint vorbildlich an Malaja. Mit einem seiner eleganten Tricks bringt der spanische Rechtsaußen den Ball über den Kopf der Vienna-Verteidiger und flankt dann aus der äußersten Ecke dicht ans Goal.
Was nach dem Radiokommentar eines Spiels einer spanischen Mannschaft gegen die Vienna aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts klingt, ist ein Spielbericht aus der Schreibstube des Konzentrationslagers Mauthausen. Er wurde Anfang April 1945 von einem Häftling erstellt und befindet sich heute im Militärhistorischen Archiv in Prag. Die letzten Tage vor der Befreiung des KZ durch die amerikanische Armee sind apokalyptische Zeiten. Jeden Tag verlieren bis zu hundert Häftlinge ihr Leben. Sie werden ermordet und zu Tode geschunden, sie sterben an Krankheiten und Hunger. Und doch gelingt es einigen Häftlingen, sich für wenige Stunden vom Inferno abzulenken, sie spielen Fußball. Wie war so etwas möglich?
Die SS gestattete vermutlich ab Sommer 1943 sogenannten Funktionshäftlingen und Häftlingen aus ausgewählten Arbeitskommandos an manchen Sonntagen, Mannschaften zu bilden und gegeneinander anzutreten. Das dürfte mit dem Prämiensystem zusammenhängen, das die SS zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität für „Funktionshäftlinge“, die in der Verwaltung eingesetzt wurden, einführte. Sie konnten Prämienscheine erhalten, die sie zum Beispiel für Tabakrationen eintauschten. Auch wenn das Konzept das Erbringen gewisser Leistungen suggeriert, war die Vergabe nicht daran geknüpft, sondern meist willkürlich.
Haben die Unek-Leute das Spiel verloren? Noch sind etwa sechs Minuten zu spielen. Wir kennen die Weißhemden und trauen ihnen den Ausgleich zu. Da knallt auch schon Pajovic einen seiner gefürchteten Bombenschüsse ab. Aber nur die Latten an Castandes Tor krachen.
Organisator und Initiator des Häftlingsfußballs im KZ Mauthausen war der Häftling und Fußballfan Franz Unek. Er wird 1897 in Wien geboren, scheitert bei der Berufsausbildung und verdingt sich als Hilfsarbeiter am Bau. Ab 1921 befindet er sich immer wieder hinter Gittern, einige Zeit wird er auch in der Nervenheilanstalt am Wiener Steinhof festgehalten. 1936 wird er schließlich entmündigt. Während des „Anschlusses“ im März 1938 befindet er sich abermals im Gefängnis, wenig später wird er von den Nationalsozialisten als „Berufsverbrecher“ ins KZ Dachau deportiert.
Am 8. August 1938 verlegt ihn die SS mit dem ersten Häftlingstransport ins gerade entstehende KZ Mauthausen. Dort wird er „Blockältester“ des Blocks 7 und steigt in der Häftlingshierarchie zum zweiten „Lagerführer“ auf. Er agiert äußerst brutal und gilt als gefürchteter Totschläger. Die Fußballspieler behandelt er deutlich besser und steigert so ihre Überlebenschancen. Was nach der Befreiung durch die alliierten Truppen mit ihm geschieht, ist nicht geklärt. Er wird von einem US-Offizier verhört, danach verliert sich seine Spur. Es wird vermutet, dass Ex-Häftlinge Selbstjustiz geübt und ihn gelyncht haben.
Bei der Abseitsstellung handelt es sich wieder um den gefährlichen spanischen Flügelmann! Navassos gibt eine große Vorlage aus der spanischen Spielfeldfläche zu Santaollala.
Der herausragende Spieler der spanischen Mannschaft war Saturnino Navazo. 1914 in der Provinz Burgos geboren, kommt er als Siebenjähriger nach Madrid. Er spielt in der zweiten und dritten Liga bei CD Nacional de Madrid, dem damals nach Real und Atletico drittgrößten Verein der Stadt. 1936 steht er vor dem Wechsel zu Erstligist Betis Sevilla, doch dann bricht der Bürgerkrieg aus. Navazo schließt sich der republikanischen Armee im Kampf gegen die faschistischen Putschisten an. Nach der Niederlage flüchtet er nach Frankreich. Von dort wird er nach der Besetzung durch die Wehrmacht 1940 nach Deutschland deportiert. Am 27. Jänner 1941 kommt er gemeinsam mit anderen als „Rotspanier“ bezeichneten Mitgefangenen ins KZ Mauthausen. Von da an ist er Häftling 5656, doch der Fußball rettet ihm das Leben. Aus Lumpen näht er sich einen Ball und spielt damit. Das fällt auf. Er wird, vielleicht durch Franz Unek, vom todbringenden Steinbruch in die Küche zum Erdäpfelschälen versetzt. Schließlich organisiert Navazo die spanische Mannschaft. Spiele gibt es gegen Wiener, tschechische, deutsche und vielleicht auch polnische und jugoslawische Mannschaften.
Der Ball ist über der Torlinie: Das stimmt, das ist so – da hilft kein Protest, auch nicht das Schweigen des Pfeifenmannes. Die Spanier sind im Bilde. Als der Schiedsrichter sein Versehen nicht berichtigt, wollen sie geschlossen das Spielfeld verlassen. Sie hatten aber Glück! Herren der Schutzhaftlagerführung hatten vom erhöhten Standpunkt aus die Situation gesehen und verlangten von dem Pfeifenmann das Goal sofort zu pfeifen.
Die „Herren von der Schutzhaftlagerführung“ sind SS-Männer, die bei den Spielen am großen Appellplatz zuschauen. So ist etwa der brutale „SS-Hauptsturmführer“ Georg Bachmayer ein begeisterter Zuschauer. Diese Situation hat etwas Surreales, für 90 Minuten ist so etwas Ähnliches wie Normalität eingekehrt. Die Häftlinge haben ihre gestreifte Kleidung abgelegt, sie haben Namen, nicht mehr bloße Nummern. „Am Sonntag ein Fußballspiel zu sehen, das war wie in einem anderen Leben zu sein“, sagt ein spanischer Mitgefangener von Navazo in einem späteren Interview.
5:4 für Spanien. Werden die Unek-Leute es noch schaffen? Wir glauben’s immer noch. Haben doch die Spanier in der ersten Minute das zweite Tor des Tages geschossen, die Vienna-Leute haben fünfmal so viel Zeit. Sie drängen noch einmal, angefeuert von ihren Freunden. Da aber die Spanier auf der Hut sind, verrinnen die Minuten der nie stillstehenden Uhr – und da pfeift’s! Die Spanier verlassen umjubelt von ihren Kameraden als verdiente und deshalb glückliche Sieger das Spielfeld.
Saturnino Navazo kann nach der Befreiung nicht in sein Heimatland zurückkehren, da er dort durch das Franco-Regime verfolgt werden würde. Er geht wie viele der befreiten, spanischen Häftlinge nach Frankreich und lebt in Revel, in der Nähe von Toulouse. Mit der US Revel gewinnt er drei regionale Meisterschaften. Saturnino Navazo lebt als Schneider und Sänger bis zu seinem Tod am 27. November 1986 in der französischen Gemeinde nahe der spanischen Grenze.