Es gibt außerirdisches Leben. Ein Spaziergang im Westen von Klagenfurt scheint das zu bestätigen. Zwischen Einfamilienhäusern und Wiesen ragt das Wörtherseestadion in die Höhe. Mit seinem silberglänzenden Metallkranz als Dach wirkt es wie ein gelandetes Ufo. Meist ist es dort gespenstisch leer. Nur wenn im Juni das Cupfinale ausgetragen wird, tritt der eigentliche Bestimmungszweck des Baus ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Es ist ein Fußballstadion. An den restlichen Tagen im Jahr spielt der Regionalligaverein Austria Klagenfurt vor durchschnittlich 292 Zuschauern in dem 32.000er-Stadion.Diese geringe Auslastung ist jetzt erstmals ein Vorteil. Sie ermöglicht es der Stadt nämlich, ihr Stadion im Herbst 2019 dem Schweizer Künstler Klaus Littmann zur Verfügung zu stellen. In seinem Projekt „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ wird er einen Wald aus 200 zehn bis fünfzehn Meter hohen Bäumen auf dem Spielfeld pflanzen, sie sollen bis zur Unterkante des zweiten Ranges reichen. Zuschauer werden den Wald dann im September und Oktober 2019 täglich kostenlos rund um die Uhr von den Sitzplätzen aus betrachten können. Nach dem Ende der Aktion werden die Bäume im nahen Lakeside-Park in exakt der gleichen rechteckigen Formation eingepflanzt.
Umstrittene Umweltkunst
Als die Stadt Klagenfurt Littmann im März die Zusage erteilte, fand eine 34-jährige Suche des Künstlers ihr Ende. „1983 habe ich die namensgebende Bleistiftzeichnung von Max Peintner zum ersten Mal gesehen“, sagt Littmann. „Seither verfolgt mich die Idee, in der Kraterarchitektur eines Stadions Bäume zu pflanzen.“ Die Inspiration für das Kunstprojekt, die Zeichnung des Tiroler Malers Peintner, findet sich heute in vielen Schulbüchern, sie gilt als eines der symbolischen Werke der Umweltbewegung. „Er hat bereits 1970 die Ahnung gehabt, es könne einmal so weit kommen, dass wir uns die Natur wie Tiere in einem Zoo anschauen müssen“, sagt Littmann.
Die Geschichte des Stadions, das seinerseits zum Symbol der Steuerverschwendung unter Kärntens ehemaligem Landeshauptmann Jörg Haider geworden ist, spielte bei der künstlerischen Planung keine Rolle. „Der Aktionskünstler Brad Downey hat mir vor ein paar Jahren ein Bild seiner Installation auf der Rampe des Stadions gezeigt und von der geringen Auslastung erzählt. Daraufhin bin ich sofort nach Klagenfurt gefahren“, sagt Littmann. Über Vermittlung des lokalen Kunstvereins Lendhauer knüpfte er Kontakte zur sozialdemokratischen Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz.
Sie überzeugte als verantwortliche Kulturreferentin die Stadtregierung. Dem ballesterer sagt sie: „Mit diesem Projekt macht Klagenfurt als Kulturdestination international auf sich aufmerksam. Es beweist die multifunktionale Nutzbarkeit des Stadions.“ Die FPÖ, die seit 2015 nicht mehr den Bürgermeister stellt, stimmte in der entscheidenden Stadtsenatssitzung als einzige Partei gegen das Projekt. Kunst im öffentlichen Raum entfesselt nicht mehr die Proteststürme der 1960er Jahre, doch genug Menschen brachten ihren Unmut in Leserbriefen und Internetpostings zum Ausdruck. „Das ist eigentlich immer so, es passiert fast reflexartig“, sagt Littmann. „Häufig dreht sich dann die Stimmung aber auch. Oft präsentieren gerade diejenigen, die zuerst schimpfen, danach das Projekt stolz.“
Auf Beuys’ Spuren
Für die Finanzierung des mit 1,5 Millionen Euro budgetierten Projekts sorgt Littmann selbst durch private Sponsoren. Die Stadt stellt das Stadion kostenlos zur Verfügung, sie rechnet dafür mit Kosten von 35.000 Euro. Während der Wald auf dem Spielfeld seine Wirkung entfaltet, werden in den VIP-Räumen Klima- und Naturschutzorganisationen sowie lokale Forsteinrichtungen die Aktion begleiten. In der Stadtgalerie werden Zeichnungen von Peintner gezeigt, im Museum für Moderne Kunst Kärnten wird eine Ausstellung zum Thema Magie der Bäume stattfinden. „Sie werden sehen, dass die Natur ein gewaltiges Gesamtkunstwerk ist“, sagt Littmann.
Mit seiner Installation sieht er sich in der Tradition des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude, die bei ihrem Projekt „Wrapped Trees“ 1998 in Basel 178 Bäume in einem Park verhüllten. Schon früher hatte Littmanns Lehrer Joseph Beuys mit einer Bauminstallation für die documenta in Kassel für großen Wirbel gesorgt. Heute genießt die Aktion „7.000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ dort große Anerkennung. Zwischen 1982 und 1987 hatte Beuys mit freiwilligen Helfern die Bäume zusammen mit jeweils einem Basaltstein an unterschiedlichen Standorten in der Stadt gepflanzt.
Bäume unter Flutlicht
„Wir können den Leuten bewusst machen, wie wichtig es ist, den Wald zu hegen und zu pflegen“, sagt Littmann. „Sie sind hier von so viel Wald umgeben. Vielleicht sehen sie ihn vor lauter Bäumen nicht mehr.“ Max Peintner hatte für seine Zeichnung das Wiener Praterstadion als Ausgangspunkt genommen. Dass das Projekt nun in Klagenfurt umgesetzt wird, ist für Littmann kein Problem. „Hier trifft Natur auf Technik, Stahl und Glas. Genau wie auf der Zeichnung“, sagt er. „Das Dach schließt den Innenraum wunderbar wie zu einer großen Skulptur ab. Dadurch wird das Bild noch viel stärker und konzentrierter.“
Wenn in der Nacht das Flutlicht auf die Bäume strahlen wird, hofft er auf surreale Effekte seiner ökologischen Intervention. Das Stadion soll so ein Gesamtkunstwerk mit der Natur ergeben. Der Fußball soll dabei als perfekter Partner dienen. „Der Sport beschäftigt Wochenende für Wochenende Millionen Menschen. Durch ihn entstehen Stadien, Reliquien, Relikte, Wortbeiträge und Gesänge“, sagt Littmann. „Fußball ist einfach ein Phänomen der Alltagskultur.“