Das politische System Großbritanniens ist reich an Traditionen und Merkwürdigkeiten. Eine davon ist die „Queen’s Speech“, die Rede der Königin zur Eröffnung des Parlamentsjahres, bei der die Monarchin die Pläne der Regierung für die kommenden Monate vorliest. Fußballfans und -funktionäre werden heuer im Mai sehr genau hinhören, denn Elizabeth II könnte über ihren Sport sprechen. Der Anlass ist ein im November 2021 vorgestellter Bericht mit dem Titel „Fan-led Review of Football Governance“, also eine Untersuchung des Fußballgeschäfts unter Einbeziehung der Fans. Die Empfehlungen des Berichts könnten schon im Laufe dieses Jahres Realität werden.
Der große Umbruch
Verfasst wurde die Untersuchung in recht kurzer Zeit, erst im April wurde die konservative Abgeordnete und ehemalige Sportministerin Tracey Crouch von Boris Johnsons Regierung mit der Erstellung beauftragt. Die Probleme, die das Papier behandelt, sind bekannt: Der Fußball macht gigantische Umsätze, häuft jedoch auch gigantische Schulden an. Es gibt eine große Kluft zwischen Elite und Basis, zwischen arm und reich und nicht zuletzt zwischen Fans und den Führungsetagen der Klubs und Verbände.
Der Kern des Berichts sind zehn strategische Empfehlungen, die wiederum in 47 detaillierten Punkten erläutert werden. Zentral ist die Einführung einer unabhängigen Regulierungsstelle, die künftig die Lizenzierung des professionellen Männerfußballs in England übernimmt und das nach deutlich strengeren Kriterien als bisher. Die Klubs sollen solider wirtschaften, Führungspersonal und Eigentümer eingehender geprüft werden. Zudem wird eine stärkere Umverteilung von der Spitze zur Basis empfohlen. Fans sollen institutionell eingebunden werden, der Fußball der Frauen gefördert und das Wohlergehen der Spieler besser berücksichtigt werden.
Den Anspruch, eine basisnahe Untersuchung durchzuführen, haben Crouch und ihr Team in zahlreichen Videomeetings mit Fandachverbänden der Klubs eingelöst. In ihrem zehnköpfigen Beratungsgremium war neben dem ehemaligen Teamchef Roy Hodgson und Everton-Geschäftsführerin Denise Barrett-Baxendale auch Kevin Miles vertreten, der Leiter der Football Supporters’ Association, FSA. „Der Bericht skizziert einen riesigen, positiven Umbruch des Fußballs“, sagt er im ballesterer-Gespräch. „Die Regierung muss die Empfehlungen aber nun umsetzen, das ist die große Herausforderung.“
Auslöser Super League
Auf dem Cover des Berichts ist das leere Stadion des Bury FC zu sehen. Der 1885 gegründete Klub wurde im August 2019 wegen finanzieller Probleme aus der Football League ausgeschlossen und liquidiert. Bury war der erste Klub seit 1992, den dieses Schicksal traf. Der Kollaps ist eines von drei Ereignissen, die den Hintergrund des Crouch-Berichts bilden. Dazu kommt der Ausbruch der Pandemie 2020, der die prekäre Situation zahlreicher Klubs unterstrich, aktuell ringt der insolvente Zweitligist Derby County ums Überleben. Das dritte Ereignis ist die versuchte Gründung der Super League mit sechs Premier-League-Klubs im April 2021. Sie brachte das Fass zum Überlaufen – und die Regierung zum Handeln.
Nicht nur ist kaum eines der im Crouch-Bericht angesprochenen Probleme neu, auch die Studien und Empfehlungen, wie Klubs, Ligen und Verband besser geführt werden und solider wirtschaften könnten, füllen bereits einige Schubladen. „Der Fußball hat seine Chance gehabt, sich zu reformieren. Er hat sie nicht genutzt“, sagte Tracey Crouch im Mai im Podcast des Onlinemagazins The Athletic. In diesem Gespräch machte sie keinen Hehl daraus, dass die Einrichtung eines unabhängigen Kontrollgremiums bereits vor Abschluss des Berichts feststand: „Der Geist ist aus der Flasche, er wird nicht wieder hineingehen. Das wird kommen.“
Konservativer Kommunismus
Einige Premier-League-Klubs wehren sich allerdings mit Händen, Füßen und scharfen Worten. Die Gegenstimmen kommen vor allem aus dem Mittelfeld der Liga. Die Überregulierung werde die goldene Gans Premier League schlachten, warnte etwa Aston-Villa-Geschäftsführer Christian Purslow. Sein Kollege Steve Parish von Crystal Palace fürchtete, die Regierung wolle die Klubs übernehmen, und West-Ham-Geschäftsführerin Karen Brady schrieb in der Sun: „Wir leben doch nicht in Russland, Nordkorea oder China.“ Die Fanorganisation FSA widmete sich den Angriffen und wies auf die hohen Verluste hin, die die Klubs in den vergangenen Jahren angehäuft haben, auch Aston Villa: „Purslows Klub ist auf der Jagd nach der Gans beinahe bankrottgegangen.“ Und die Regulierungsstelle werde zwar von der Regierung eingesetzt, sie sei aber unabhängig. In einem zweiten Gespräch mit dem Podcast von The Athletic erläutert Crouch, dass die vorgeschlagenen Kontrollmechanismen sich an denen der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde orientieren würden, die den Spitzen der Premier League wohlvertraut seien. „In anderen Wirtschaftsbereichen sind Regulierungen selbstverständlich, aber wenn wir sie auf den Fußball anwenden, heißt es gleich ‚Oh nein, das ist Kommunismus.‘“
Auch ein weiteres – klassisch kommunistisches – Thema sorgt für Aufruhr: die Umverteilung von oben nach unten. Für die Stabilität des Systems sei sie notwendig, heißt es im Bericht. Crouch formuliert es im Podcast plastisch: „Ihr wollt euer Kind auf kaputten Plätzen spielen lassen und erwartet dann, dass aus ihm der neue Phil Foden wird.“ Ihr Bericht empfiehlt daher eine Transfergebühr. Mit einer Quote von zehn Prozent, so wird vorgerechnet, wären in den vergangenen fünf Jahren 160 Millionen Pfund jährlich zur Verteilung zusammengekommen – die Hälfte von den Großklubs, den „Big Six“. Das sei unzumutbar, kommentiert die Daily Mail: „Die meisten Klubs in der Premier League kämpfen darum, vor Stoke zu bleiben und mit Liverpool Schritt zu halten. Und dann kommt die Regierung und will ihr Geld verschenken.“ Sicher, zehn Prozent klinge nach viel, sagt Crouch, aber das relativiere sich angesichts der Transfersummen, die selbst in Pandemiezeiten über den Tisch gingen. „Erzählt mir nicht, wie arm ihr seid“, fügt sie in Richtung der Premier-League-Klubs an. Ohnehin sei die Neuregelung der Umverteilung erst als späterer Schritt geplant, sobald die neue Finanzkontrolle etabliert sei. Die genaue Ausgestaltung solle der Fußball am besten selbst übernehmen. Man warte auf Vorschläge – aber nicht allzu lange. Im Bericht heißt es: „Angesichts der bisherigen Unfähigkeit der Fußballinstitutionen, zu Einigungen zu gelangen, muss die Regulierungsbehörde eingreifen können, wenn es zu keiner Lösung kommt.“
Keine Rosinen
Andere Empfehlungen wie die Förderung des Frauenfußballs und die Einbeziehung von Fans sind weniger umstritten. Für Letzteres empfiehlt der Bericht die Einrichtung eines Schattenvorstands bei jedem Klub. Dieser solle demokratisch gewählt werden, das Spektrum der jeweiligen Fanszene abbilden und in relevante, nicht-sportliche Entscheidungen einbezogen werden. Eine weitere Empfehlung ist die Übertragung einer sogenannten Goldenen Aktie an eine lokale Fanorganisation. Diese Beteiligung wäre mit einem Vetorecht bei Themen verbunden, die in der Vergangenheit oft für Konflikte zwischen Fans und Eigentümern gesorgt haben: Verkauf und Umzug aus dem Stadion, eine Veränderung von Klubfarben und -wappen und schließlich die Teilnahme an einem Wettbewerb außerhalb der bisher existierenden Verbände. „Die Umsetzung würde Fans in eine große Verantwortung nehmen“, sagt Fanvertreter Miles. „Jede Organisation, die über solche Rechte verfügt, muss hohen Ansprüchen genügen, sie muss demokratisch und transparent handeln.“ Er ist überzeugt, dass eine stärkere Mitbestimmung von Fans kommen wird. „Wie effektiv sie in der Praxis wird, liegt aber nicht nur an den Klubs, sondern ebenso an den Fans. Ein Gremium ist nur so gut wie die Menschen, die darin sitzen.“
Beim Liverpool FC wurde im Dezember bereits ein Supporters Board eingeführt, das den Empfehlungen nahekommt. Ähnliche Maßnahmen sind in den kommenden Monaten auch von anderen Klubs zu erwarten. Doch bereits im Vorwort des Crouch-Berichts wird angemahnt, der Fußball dürfe sich keine Rosinen herauspicken, die vorgeschlagenen Maßnahmen seien ein Gesamtpaket. Kevin Miles weist darauf hin, dass dies nicht nur an der Spitze gelte: „Damit die Umverteilung etwas bringt, müssen auch die Klubs in unteren Ligen besser geführt werden“, sagt er. „Sonst wird einfach woanders Geld verbrannt.“ Rick Parry, der Vorsitzende der EFL, äußerte sich positiv über den Bericht. Das sei Miles zufolge ein entscheidender Unterschied gegenüber früheren Versuchen, von außen in den Fußballbetrieb einzugreifen. „Der Fußball spricht nicht mehr mit einer Stimme“, sagt er. „In der EFL sind 72 Profiklubs organisiert, darunter auch die, deren Existenz am stärksten bedroht ist. Auf sie kommt es jetzt an.“
Klare Standpunkte
Die Premier League werde auf Zeit spielen, mutmaßt Miles, und versuchen, selbst kleine Veränderungen vorzuschlagen, um den großen Eingriffen zu entkommen. Auf die Regierung dürfen sie dabei eher nicht zählen. Der konservative Premierminister Boris Johnson profilierte sich als Gegner der European Super League und empfing Fangruppen in der Downing Street. Sportminister Nigel Huddleston sagte bei der Parlamentsdebatte im November: „Unser Nationalsport braucht grundlegende Veränderung.“ Die Regierung werde die Einführung des unabhängigen Kontrollgremiums in Angriff nehmen, versprach er. „Das ist es, was die Fans wollen, und diese Regierung ist aufseiten der Fans.“
Auf die Frage, ob er Angst habe, dass sich die Fans vor den Karren einer populistischen Agenda spannen ließen, sagt Kevin Miles: „Ich würde mir Sorgen machen, wenn die Fanorganisationen jetzt konservative Standpunkte vertreten würden. Aber es ist ja umgekehrt: Die Konservativen vertreten unsere.“