In Nizza gibt es viele Gründe, zufrieden zu sein. Die Altstadt direkt am Meer ist bezaubernd, die Bewohner werden fast täglich von der Sonne geküsst, und die lokale Küche ist hervorragend. Außerdem hat die fünftgrößte Stadt Frankreichs den Olympique Gymnaste Club Nice Cote d’Azur, kurz den OGC Nizza. Am 21. September empfing der Klub in seinem schicken neuen Stadion Tabellenführer Monaco zum Derby. Die Mannschaft von Lucien Favre gewann 4:0, mit einem Doppelpack von Mario Balotelli. Seither steht Nizza an der Spitze der französischen Liga. Zu Redaktionsschluss betrug der Vorsprung auf Serienmeister Paris Saint-Germain vier Punkte.
Vergangene Erfolge
All das ist kein Zufall, mag aber überraschen, wenn man sich die Geschichte des 1904 gegründeten Klubs anschaut. Die größten Kapitel seiner bisherigen Geschichte hat er in den 1950er Jahren geschrieben. Damals gewann Nizza mit großen Spielern wie Just Fontaine, Victor Nurenberg und Yeso Amalfi vier Meistertitel und zweimal den Cup, im Landesmeistercup scheiterte der Klub zweimal erst im Viertelfinale am späteren Sieger Real Madrid. Eine ähnlich starke Mannschaft sollte Nizza erst wieder in den 1970er Jahren haben. Sie litt jedoch unter der Dominanz von AS Saint-Etienne. Nizza blieben 1973 und 1976 nur der zweite Platz.
In den darauffolgenden Jahren ging es sportlich und wirtschaftlich bergab. Der Verein stieg mehrmals ab und wieder auf, die Insolvenz konnte oft nur knapp vermieden werden. Symbolisch für die unruhigen Zeiten steht das Jahr 1997, in dem der OGC Nizza zwar den Cup gewinnen konnte, aber gleichzeitig abstieg.
Wenig später übernahm Roma-Präsident Franco Sensi die Geschicke des Klubs, nach drei Jahren zog er sich wieder zurück, ohne die Lage verbessert zu haben. Erst mit Anfang des neuen Jahrtausends sollte langsam Stabilität einkehren. 2002 wurde Maurice Cohen Präsident, er setzte auf vielversprechende Talente wie Hugo Lloris und Ederson, der Klub blieb jedoch in der unteren Tabellenhälfte. Die besten Spieler wurden zwar um viel Geld verkauft, doch es gelang nicht, die Einnahmen auch gut zu investieren. Schließlich wurde Cohen 2009 von Gilbert Stellardo als Präsident abgelöst. Unter Stellardo liefen die Dinge nicht besser, und am Ende der Saison 2010/11 erklärte er, dass der Verein dringend Geld brauche, um die besten Spieler halten zu können.
Geld, Nachwuchs, Stadion
In dieser Krise erscheint der Immobilienhändler Jean-Pierre Rivere als möglicher Retter. Anfang Juli 2011 ersteht er um zwölf Millionen Euro die Anteilsmehrheit und wird Klubpräsident – der siebte in 14 Jahren. Riveres Investitionen bringen etwas Ruhe, der Klub lässt sich auf dem Transfermarkt nicht mehr so leicht unter Druck setzen, doch sportlich läuft es zunächst weiter schleppend. Die Kampfmannschaft kann sich in der Saison 2011/12 erst am letzten Spieltag vor dem Abstieg retten, gleichzeitig gewinnt die U19 erstmals in ihrer Geschichte den Nachwuchspokal Coupe Gambardella. Einer der herausragenden nachrückenden Spieler ist Alexy Bosetti, der aufgrund seiner Nähe zu den Ultras eine Identifikationsfigur für die Fans ist.
Doch der Verein baut nicht nur auf den Nachwuchs, sondern auch am Stadion. Im Sommer 2011 erfolgt der Spatenstich für eine neue Arena, die das in die Jahre gekommene Stade du Ray ersetzen soll. Die Stadt beteiligt sich mit fast einem Drittel der Kosten in Höhe von rund 240 Millionen an dem Neubau, der Anfang der Saison 2013/14 eröffnet wird.
Geld, Nachwuchs und neues Stadion – der OGC Nizza hat nun alles, um den nächsten Schritt zu gehen. Umsetzen soll die Pläne Claude Puel, der 2012 als Trainer verpflichtet wird. Er arbeitet gerne mit jungen Spielern und lässt einen attraktiven Fußball spielen. Der Plan geht auf: Nizza landet 2013 auf dem vierten Platz. Die junge Mannschaft begeistert das Publikum. „Wir wollen, dass unsere Fans Spaß haben, Fußball ist vor allem ein Spektakel“, sagt Präsident Rivere damals der Tageszeitung Liberation. „Genauso wichtig ist uns, dass es junge Spieler in die erste Mannschaft schaffen. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch, weil das den Fans wichtig ist.“
Wette auf Balotelli
Doch zunächst hat Nizza Schwierigkeiten, auf Erfolgskurs zu bleiben. In der Saison 2013/14 scheidet der Klub früh aus der Europa League aus, in der Liga landet er auf dem 17. Platz – und erzielt die wenigsten Tore. Die Saison danach läuft ein bisschen besser, Nizza wird Elfter. Dank der hohen Ablösesummen für Spieler wie Jordan Amavi, der zu Aston Villa wechselt, entscheidet sich der Klub dafür, Geld zu investieren. Die Routiniers Paul Baysse und Valere Germain werden geliehen, um die jungen Spieler zu begleiten. Ein richtiger Coup gelingt Präsident Rivere aber mit der Verpflichtung des zuletzt vereinslosen Hatem Ben Arfa. Der womöglich talentierteste Spieler seiner Generation gilt als instabiles „Enfant Terrible“. In Nizza bekommt der 30-Jährige im Sommer 2015 noch eine Chance. Er nutzt sie und wird zur zentralen Figur der Mannschaft. Mit seinen Dribblings und seinen 17 Toren unterhält er das Publikum und schießt den OGC Nizza auf den vierten Tabellenplatz.
Im vergangenen Sommer folgt ein erneuter Umbruch: Trainer Puel wechselt zu Southampton, Star Ben Arfa zu Paris Saint-Germain. Doch dank der jüngsten Erfolge hat der Klub das Interesse ausländischer Investoren geweckt. Im Juni 2016 erwerben chinesische und amerikanische Geschäftsleute 80 Prozent der Vereinsanteile. Jean-Pierre Rivere, der die restlichen 20 Prozent hält, bleibt aber für mindestens drei Jahre Präsident. Und er pokert weiter. Als neuen Trainer verpflichtet er Lucien Favre, die Mannschaft verstärkt er um Mario Balotelli und Younes Belhanda. Ein Blick auf die Tabelle zeigt, dass Rivere mit seinen Entscheidungen wohl wieder richtig gelegen ist.