Sevko Jakirovic steht wenige Schritte von der Alten Brücke, Stari most, entfernt und beginnt seine Stadtführung mit einer Entschuldigung. „Sollte ich krächzen, tut mir das leid. Ich habe gestern viel geschrien“, sagt der bärtige 45-Jährige. „Europa, wir haben dich vermisst“, sang Jakirovic gemeinsam mit 5.000 Fans am Abend zuvor im Stadion, als Velez Mostar gegen den nordirischen Coleraine FC sein erstes Europacupspiel seit 33 Jahren bestritt. An diesem Abend wurde jedoch mehr gefeiert als die Rückkehr in den europäischen Fußball. 25 Jahre nach Ende des Bosnienkriegs, der Velez Mostar ohne Stadion in einer geteilten Stadt zurückließ, schwang in den Gesängen auch die Hoffnung auf eine Zukunft jenseits des politischen Stillstands und der wirtschaftlichen Stagnation mit.
„Wer sich in Mostar beweisen will, sollte eins von zwei Dingen tun: hier von der Brücke in die Neretva springen oder für Velez spielen“, sagt Stadtführer Jakirovic beim Überqueren der Alten Brücke, dem Wahrzeichen der Stadt. Jakirovic hat beides getan – bis Ein fast perfekter Ort Im der Krieg in die Stadt kam. In seiner Jugend spielte der Tourguide als Verteidiger im selben Jahrgang wie Hasan Salihamidzic. Als im Frühjahr 1992 der Krieg ausbrach, verließ der heutige Sportvorstand des FC Bayern die Stadt und flüchtete nach Deutschland. Jakirovic blieb – und sah, wie die Brücke zerstört und Velez Mostar im Kriegsgeschehen aufgerieben wurde. In den 1980er Jahren gewann der Verein mit dem roten Stern im Wappen zweimal den jugoslawischen Cup, 1987 schlug er im UEFA-Cup vor 35.000 Zuschauern Borussia Dortmund zu Hause 2:1. Zu Hause, das war damals das Stadion Bijeli Brijeg, das im Westteil der 100.000-Einwohner-Stadt liegt. Heute ist es die Heimat des HSK Zrinjski Mostar, dem kroatischen Klub mit dem rot-weißen Schachbrett im Wappen.
ZWEI STADTTEILE, ZWEI VEREINE
Velez galt als multiethnischer Verein. Bosniaken, Kroaten und Serben lebten zusammen in der Stadt und spielten hier Fußball. Doch der Krieg machte vor Mostar, das 50 Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt liegt, nicht halt. Kämpften die bosnischen und kroatischen militärischen Kräfte des Landes zunächst gemeinsam gegen die serbischen Einheiten, wendete sich im Frühling 1993 das Blatt. Es kam zum Krieg zwischen der bosnischen und der kroatischen Armee. Moslemische Bosniaken, die im Westteil der Stadt wohnten, mussten ihre Häuser verlassen und sich im Stadion Bijeli Brijeg sammeln. Manche von ihnen übersiedelten rechtzeitig in den Osten auf der anderen Seite der Brücke, andere wurden aus Mostar vertrieben oder kamen in Internierungslager. Gleichzeitig wurde der HSK Zrinjski Mostar neu gegründet, der in Jugoslawien aufgrund seiner nationalen Symbolik verboten war. Nach Kriegsbeginn beanspruchte er das Stadion Bijeli Brijeg für sich.
„Velez ist plötzlich ohne Infrastruktur, ohne die Kraft der lokalen Gemeinschaft, ohne einen großen Pool, aus dem der Verein Talente schöpfen konnte, und ohne einen Teil seiner Fans dagestanden“, sagt Sportjournalist und Velez-Fan Sasa Ibrulj dem ballesterer. Während Zrinjski nach dem Krieg sechsmal die Meisterschaft gewinnen konnte, spielte Velez auf einem staubigen Platz in einem Vorort und kämpfte um seine Existenz. Die Wunden und die Zweiteilung der Stadt – bosniakische Verwaltung auf der einen Seite, kroatische auf der anderen – spiegelten sich im Fußball wider. „Der fast perfekte Ort zum Leben ist gewaltsam in eine dysfunktionale und gespaltene Stadt verwandelt worden“, sagt Ibrulj. „In diesem Umfeld war es logisch, dass der größte und beliebteste Sportverein eines der ersten Opfer werden würde – noch bevor eine Kugel abgefeuert worden ist.“
NEUAUFBAU IM VORORT
Stadtführer Jakirovic hat mittlerweile die Alte Brücke, die 2004 wieder aufgebaut wurde, verlassen und schlendert durch die osmanisch geprägte Altstadt im Osten Mostars. „Zu Beginn war es hart, Gästefan in unserem eigenen Stadion zu sein“, erzählt er. Vor allem bei den ersten Derbys nach dem Krieg kam es regelmäßig zu Ausschreitungen, zuletzt im Frühjahr 2015. Mittlerweile haben sich die Fans von Velez, das seinen Namen dem nahe der Stadt gelegenen Gebirgszug verdankt, mit der Situation arrangiert. „Das neue Stadion wird Schritt für Schritt ausgebaut. Es ist eine neue Heimat geworden, der Klub ist auf einem guten Weg“, sagt Jakirovic. Vor fünf Jahren bekam der Verein eine neue Führung, Präsident Semsudin Hasic gab ein vermeintlich einfaches Ziel aus: ein normaler Fußballklub zu werden.
In Bosnien ist das keine leichte Aufgabe. Seit dem Friedensvertrag von Dayton im Jahr 1995 ist das Land in zwei Entitäten geteilt – in die serbische Republika Srpska und in die bosniakisch-kroatische Föderation, in der Mostar liegt. Das Land hat drei Präsidenten und sichert den drei Ethnien ein Vetorecht in den gesamtbosnischen Institutionen zu. In Mostar machen Kroaten 48 Prozent der Bevölkerung aus, moslemische Bosniaken 44 und Serben vier Prozent. Rund 2.000 Stadtbewohner verloren im Krieg ihr Leben, 26.000 flüchteten. Seit damals gibt es in Mostar alles doppelt: zwei Universitäten, zwei Schulsysteme, zwei Mobilfunknetze – und zwei Fußballklubs. Sich aus dieser Zweiteilung herauszuarbeiten, sei auch für Velez nicht möglich, sagt der Kulturwissenschafter Alexander Mennicke, der zum Thema Fußball und Identität am Balkan forscht. „Wenn wir uns die Fanszenen der beiden Vereine anschauen, sind die Ultras von Zrinjski ganz klar nationalistisch verortet. Ihre Loyalität liegt eher in Zagreb als in Sarajewo. Die ‚Red Army‘, die Ultras von Velez, verstehen sich als links, bosniakisch und antifaschistisch“, sagt der Forscher von der Universität Leipzig dem ballesterer. Wie angespannt die Situation nach wie vor ist, zeigt ein Rundgang um das Stadion Bijeli Brijeg. Hakenkreuze und Ustascha-Symbole säumen den kurzen Weg vom Treffpunkt der Ultras zum Stadion. „In diesem Klima ist es für Velez fast unmöglich, wieder ein normaler und multiethnischer Verein zu werden. Das lassen die politischen Umstände des Landes nicht zu“, sagt Mennicke. „Aber Velez ist nach wie vor in der ganzen Stadt sehr beliebt und hätte das Potenzial dazu.“
Wirtschaftlich und sportlich hat sich Velez weiterentwickelt. Mittlerweile ist der Verein fast schuldenfrei und gilt bei Gehaltszahlungen als ungewöhnlich verlässlich im bosnischen Fußballgeschäft. Vor einem Jahr übernahm der 38-jährige Fedja Dudic den Trainerposten. Er formte eine neue Mannschaft, verlor nur vier von 33 Spielen und führte sein Team auf Platz drei der Premijer Liga und in die Qualifikation für die ConferenceLeague. „Wenn es um Velez geht, ist lange Zeit entweder über die romantisierte Vergangenheit oder die schreckliche Kriegsgeschichte gesprochen worden“, sagt Journalist Ibrulj. „Jetzt hat der Verein endlich die Möglichkeit, neue Kapitel seiner Geschichte zu schreiben.“
HISTORISCHE WAHL, WENIG BEWEGUNG
Geschichte wurde in Mostar auch im Dezember 2020 geschrieben, als nach zwölf Jahren, in denen sich bosnische und kroatische Politiker nicht auf eine Wahlordnung einigen konnten, wieder ein Stadtparlament gewählt wurde. Die Hoffnung auf einen Wandel wurde bisher aber enttäuscht. „Es gibt zumindest wieder eine Kommunikation zwischen den verantwortlichen Politikern und den Bürgern. Aber Mostar bleibt eine geteilte Stadt. Geteilt in erster Linie in die beiden nationalistischen Parteien, die bosniakisch und kroatisch geprägt sind. Daran hat auch die Wahl nichts geändert“, sagt Kristina Coric, die für die NGO Berlin Center for Integrative Mediation in Mostar arbeitet. Der politische Stillstand hat seinen Preis: Rund 170.000 Personen haben zwischen 2014 und 2018 Bosnien verlassen, das entspricht rund fünf Prozent der Bevölkerung. Vor allem gut ausgebildete, junge Leute gehen ins Ausland. Sie ziehen in jene Länder, von denen Velez Mostar gerade im Europacup träumt: Deutschland, England, Österreich, Schweden.
Vor dem Rathaus endet die Stadtführung von Sevko Jakirovic. Rund um den renovierten Prachtbau aus der K.-u.-k.-Zeit ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Zerschossene Häuser säumen den vierspurigen Boulevard, der während des Kriegs die Frontlinie bildete. Östlich der Straße prangt ein Graffiti der „Red Army“ von Velez. Auf der anderen Seite haben die Ultras von Zrinjski ihr Territorium markiert. Hier sieht nichts nach Versöhnung aus.
Nach der Führung setzt sich Jakirovic in das Café Time seines Freundes Goran nahe der Alten Brücke, wo die beiden das gestrige Spiel Revue passieren lassen. Der 40-jährige Goran bekommt Gänsehaut, wenn er vom 2:1-Sieg über Coleraine erzählt. Eine Woche später gewinnt Velez auch das Rückspiel in Nordirland und trifft in der nächsten Runde auf AEK Athen. Für Velez geht das Wiedersehen mit Europa weiter. Am Ende des Abends wird Lokalbetreiber Goran trotz des Erfolgs nachdenklich: „Wir lieben Velez und sind sehr glücklich, dass es wieder läuft“, sagt er. „Aber es gibt Wichtigeres.“ Dann zeigt er auf einen seiner Kellner: „Das ist Dino, mein Neffe. Er ist 21 Jahre alt und verdient 350 Euro im Monat. Er ist auch Velez-Fan. Aber welche Perspektive hat er in dieser Stadt?“
Mitarbeit: Florian Haderer