Was für ein Zufall. Als wir am 14. Mai mit meinem bosnischen Freund Aufnahmen von Ivan Osims Begräbnis im Fernsehen suchen, finden wir zuerst Bilder zu den Feierlichkeiten von Franjo Tudjmans 100. Geburtstag in der Nähe von Zagreb. Er war der erste Präsident der Kroatischen Republik nach dem Zerfall Jugoslawiens. An Tudjmans Grab finden sich nur Funktionäre und Sympathisanten seiner Partei, der HDZ. Er war nie ein Vertreter aller in Kroatien lebenden Menschen.
Osim ist, für alle Leute, denen das etwas bedeutet, ein ethnischer Kroate. Ihm war das egal. Als wir zu Osims Begräbnis in Sarajewo schalten, weitet sich unser Blick. Gleichsam im Gegensatz zum engen Tal, in dem Osims Heimatstadt liegt. Im Nationaltheater von Sarajewo sitzt Dragan „Piksi“ Stojkovic in der ersten Reihe eng neben Mehmed Bazdarevic. Neben ihnen sitzen Srecko Katanec, Zvonimir Boban und viele andere aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Der japanische Botschafter und der technische Direktor des japanischen Fußballverbands sind ebenso da wie Sturm-Präsident Christian Jauk und Osims früherer Spieler Gilbert Prilasnig.
Der Name Graz ist slawischen Ursprungs. Seit dem Jugoslawien-Krieg üben sich die Menschen am Balkan darin, einander mit ihrem Namen einer Kriegspartei zuzuordnen und verhindern so Versöhnung schon im Ansatz. Ein letztes Mal überwindet Osim diese Grenzen und führt sie alle zusammen. Als Faruk Hadzibegic spricht, fällt mir Osims Was-wäre-wenn-Gedankenspiel ein: „Vielleicht hätten wir den Krieg verhindern können, wenn wir 1990 Weltmeister geworden wären.“ Gleichzeitig hat Osim, der Realist, Jugoslawien-Nostalgie immer zurückgewiesen. „Jugoslawien ist vorbei. Aber meine Spieler von damals haben noch immer ein gutes Verhältnis zueinander. Das freut mich.“ Zu seinem Begräbnis sind sie alle gekommen. Nicht nur die Spieler aus dem Kader seines ehemaligen Nationalteams. Was für ein Zeichen des Potenzials einer Gemeinschaft auf dem Balkan ohne Fragen nach Herkunft. Ich frage mich, welche andere Persönlichkeit dieser Länder hätte das heute noch geschafft?
Ivan Osims Jugoslawien war kein politisches Konstrukt. Es war ein Tisch, an dem Freunde und Bekannte zusammensitzen und arbeiten, reden, essen und trinken, um gemeinsam sportliche Höchstleistungen zu erbringen. „He was very straight forward, indeed“, sagt der technische Direktor des japanischen Fußballverbands. Er wollte gewinnen. „Hier war einmal Jugoslawien“, sagte er dem ballesterer einmal, als er auf seinen Stadtteil Grbavica zeigte. „Das war sehr schön. Wir waren sehr nahe.“
Sein Begräbnis am Bare-Friedhof zwischen den Berghängen von Sarajewo ist eine konfessionsfreie Veranstaltung. Ein letztes Zeichen in der heute stark moslemisch dominierten Stadt. Mustafa Cizmic Cizma singt die Zeljeznicar-Hymne „Grbavica“. Osim bekommt ein Ehrengrab. Die Live-Übertragung vom Friedhof zeigt seine Stadt, die sich versammelt. Alle möchten Osim ein letztes Mal „Danke“ sagen. Er hätte so viel Auflauf um seine Person mit einer Handbewegung weggewischt.
Ivan Osims Witwe Asima sitzt vor ihren Kindern Amar, Irma und Zelimir. Alle drei großgewachsen wie der Vater. Sie ringen um Fassung. Zwischen ihnen steht Osims Enkelin. Sie weint bitterlich um ihren Opa. Sie wird die Erinnerung an ihn in ihre Generation weitertragen. Seine verbindende Art.
Wer weiß, vielleicht raffen sich die Fußballverbände der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken auf und veranstalten wieder eine gemeinsame Meisterschaft. Nahezu alle derzeitigen Verantwortlichen dort sind seine Schüler. „Muss man immer probieren“, hätte Ivan Osim gesagt.